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Der Israelit · 1903-10-22 · Heft 84 (22.10.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 84 (22.10.1903)
Date
1903-10-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44. Jahrgang. i At Mcchligt in Frankreich im Fahre 1780. Zweierlei Antworten erhält der Wißbegierige auf die Frage, ob denn die Juden frage jemals ausschließlich den Gegenstand der historischen Forschung bilden werde? Die Einen glauben, diese schöne Zeit werde dann anbrechen, wenn die Juden nicht blos in nationaler, sondern auch in religiöser Beziehung mit den Völkern, deren Theil sie bilden, völlig verschmelzen werden- Die idealere Antwort lautet, daß der von allen rechtlich Denkenden und edel Gesinnten herbeigesehnte Augenblick dann eintreten werde, wenn Aufklärung und Bildung soweit fortgeschritten und verbreitet sein werden, daß man in jedem Menschen den Mitbürger ohne Rücksicht auf Abstammung und Glaubensbekenntniß achten und lieben werde. Man sieht, beide Antworten sind die Verneinung der obigen-Frage. Die Lösung der Judenfrage steht demnach noch in unabsehbarer Ferne, wenn die oben bezeichneten Wege überhaupt jemals gangbar sein werden. Die verschiedensten Heilkünstler haben sich seit unendlichen Zeiten um dieses schwierige Problem bemüht, ohne seiner Herr werden zu können. Von Zeit zu Zeit taucht es mit erneuerter Stärke auf und fordert mit Ungestüm, daß man es denn doch einmal endgiltig aus der Welt schaffe und ihm in der großen Ruhestätte, die man gemeinhin Weltgeschichte nennt, für alle Ewigkeit einen Platz anweise; unzählige Male schon glaubte man, das Arkanum gefunden zu haben, aber ebenso oft erwies es sich als unbrauchbar. In dem „großen Jahre", dessen Losungsworte'. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" laut und volltönend erklangen, hofften auch die vielgeplagten und ewig verfolgten jüdischen Bewohner Frankreichs der mit Begeisterung verkündigten Menschenrechte theilhaftig zu werden.*) Und wahrlich, wenn Jemand, waren sie der Erlösung aus dem menschenunwürdigen und durchaus unverdienten Dasein bedürftig: denn außer den Leiden, die sie gleich der großen Masse der Franzosen unter der rücksichtslosesten Feudalwirthschaft und dem schrankenlosen Absolutismus zu ertragen hatten, lastete auf ihnen schwer der Druck grausamer Ausnahmsgesetze. Es gab keine noch so frivole, ungerechte und unwahrscheinliche Anklage gegen sie, die nicht beim Volke Glauben gefunden hätte; der Fortschritt der Zivilisation änderte daran nicht das Geringste, die Juden galten als Kinderräuber, unerbittliche Wuche- . rer, unverschämte Diebe, gefährliche Spione, Erzeuger *) Mamfroy Maygnial: La qnestion jnlve <• n France , en 1789. Paris 1903. Arthur Rousseau. der Pest; nach wie vor dienten sie zur Belustigung der rohen Volksmassen während des Karnevals, bildeten sie die Zielscheibe des Spottes im Theater. Das fieberhafte Haschen nach Gold und Gewinn, das in der Zeit des famosen Finanzkünstlers Law alle Welt in Frankreich so mächtig ergriffen hatte, ward den Juden allein zum unentschuldbaren Vorwurf gemacht. Ueberall ward die Forderung erhoben, daß man dieses „nomadische, kosmopolitische Element, das einem Parasiten gleich am Lande nagt," vernichte. Als ob man noch im tiefsten Mittelalter lebte, hatten sich die Juden Frankreichs am Vorabend der großen Revolution ihres Lebens zu wehren. Damals noch glaubte man die Judenfrage in Frankreich am einfachsten dadurch lösen zu können, daß man die Juden als Landstreicher behandelte oder wie Fremde auswies; das ging denn doch nicht so leicht, denn die Juden wohnten im heutigen Frankreich bereits noch vor der Eroberung Galliens durch die Römer, es konnte darum an eine allgemeine Austreibung der Juden im Ernste nicht gedacht werden, umsoweniger, als sie einen ansehnlichen Faktor der Bevölkerung bildeten. So ward die Judenfrage immer brennender, sie beschäftigte die allgemeine Aufmerksamkeit. Im Jahre 1785 stellte die königliche Akademie der Wissenschaften und Künste zu Metz die folgende Preisfrage: „Gibt es Mittel, die Juden in Frankreich glücklicher zu machen?" Neun Arbeiten liefen ein; vier davon hatten katholische Geistliche zu ihren Verfassern. Es ist bezeichnend, daß acht Konkurrenten eine Reform der Gesetze zu Gunsten der Juden urgirten. Drei Arbeiten wurden preisgekrönt, darunter als erste die des Abb6 Gr^goire: „Versuch zur Regeneration der Juden." Gr6goire kam, nachdem er die Gründe auseinandergesetzt hatte, die eine Reform als unerläßlich hinstellten, zu dem Schlüsse, daß die Revolution die Juden regeneriren werde. Die Judenfrage wurde in unzähligen Flugschriften theils in einem den Juden feindlichen, theils ihnen günstigen Sinne behandelt. Ganz besonderes Aufsehen erregten außer der Schrift Gr^goire's das Werk Dohm's: „Ueber die politische Reform der Juden", und das Mirabeau's: „Ueber Moses Mendelssohn" (London 1787). Nun war alle Welt darüber einig, daß eine Reform der Gesetze bezüglich der Juden unbedingt nothwendig sei; ja in den Cahiers, die anläßlich der Wahlen in die Nationalversammlung im Jahre 1789 veröffentlicht wurden, ward es als Wunsch ausdrücklich betont, daß die allgemeinen Stände (die 6tats genercuix) die Lage der Juden in Erwägung ziehen mögen. Man wird es selbstverständlich finden, daß die Juden der allgemeinen Bewegung gegenüber sich nicht t ...

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