Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 84 (22.10.1903)
- Date
- 1903-10-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1820 merkwürdigerweise seinen Heiligenschein immer dem . eigenen Nutzen und der eigenen Bequemlichkeit leihen muß. Man hat noch nie so viel von awi prrp gesprochen. als in der Zeit, wo der größte zvr, bvrb an der Tagesordnung war. In ähnlicher Weise dürfte auch Nimrod sein Heldenthum und seine Herrschaft durch das „von Gottes-Gnaden" motivirt haben. . Aber noch weiter erzählt unsere Thora, wie unter den Auspizien Nimrod's der Thurmbau zu Babel entstand unter der Parole cp vb new. Die Auffassung unserer Weisen s. A. über den Zweck dieses Thurmbaues ist eine getheilte. Nach einer Meinung hatten die Erbauer die Absicht, einen Feldzug gegen den Himmel und seinen Schöpfer zu unternehmen. — C'£H) ob's, hu? vrn1 c’Trs c"£"?* —Nach dieser Auffassung dürfte das ',:b wörtlich zu übersetzen sein: „Machen wir uns einen Namen", und bezieht sich dieses nicht auf den Thurmbau selbst, sondern auf dessen Motive, die offen auszusprechen man sich doch scheute, und man suchte daher nach einem passenden „Namen", nach einem Mäntelchen. Werden heutzutage keine „Namen" mehr gesucht, um den Kampf gegen zh'V bv .ii'N' und dessen min zu beschönigen?! Aber auch nach der anderen Auffassung des „ et? 12*? „erwerben wir uns Ruhm", dürste es an Analoga in der Neuzeit nicht fehlen. Rabb. Hirsch s. A. in seinem .Kommentar z. St. zeichnet das Verwerfliche dieses Lhurmbaues folgendermaßen: „Mit diesem zh':j iw wrp mit dieser Einführung des unwahren sog. Nationalruhms, mit der Entfesselung der Ruhmsucht. die dem Einzelnen als Tadel, der Gesammtheit als Tugend angerechnet wird," ist die ganze sittliche Aufgabe des Ganzen und des Einzelnen untergraben!" „Dem Einzelnen als Tadel, der Gesammtheit als Tugend!" Hier dürfte wohl der Grund zu manchen Verirrungen unserer Zeit zu suchen sein. Auch auf rein menschlichem Gebiete hat dieser Wahn schon viel geschadet. Wer einen Kessel stiehlt, ist ein Ketteldieb, wer dasselbe mit einem Land thut, den nennt die bewundernde Mit- und Nachwelt einen Eroberer. Wer behauptet 2 und 2 ist 5, ist ein Lügner. Wer am marktschreierischsten, wenn auch noch so unwahr, die Vorzüge seiner Waare ausposaunt, ist ein routinirter Geschäftsmann, und wer-in politischen Fragen gar geschickt seine wahre Meinung verbergen kann, ist ein gewiegter Diplomat. Wenn aber irgendwo diese Doppelmoral, diese Trennung von Sein und Schein, verderblich gewirkt hat, so hat's sie am meisten in unseren eigenen jüdischen Reihen gethan. Wer vor hundert Jahren - sich leichtsinnig über Gott und sein Gesetz hinweasetzte .' und es ganz oder theilweise aus seinem Leben strich, ' der war als gcbrandmarkt. Als es aber im Jahre 1844 und später in gewissen Zeiträumen ab und zu ein paar Dutzend Rabbiner thaten, nannte man es — „Rabbiner-Versammlung". Wo hat der Einzelne heutzutage den Muth und die Ueberzeugungstreue, es durch sein Thun und Lassen zu bekunden, daß Unrecht, Unrecht bleibt, auch wenn es von einer ganzen Gemeinde sanktionirt wird? ' Abern'2pn hat uns auch gestraft, wie Er das roten th gestraft hat-e»rr We" rrir T&wt nn-Auch wir verstehen uns nicht gegenseitig. Nehmen wir z. B. den Begriff sibv — Frieden. Da meint Einer, in solch' einem von Fanatismus und Intoleranz strotzenden Artikel dürfe dieses Wort gar nicht genannt werden, während der Schreiber dieses Artikels etwas ganz anders unter rbv versteht, nämlich etwas dem res« fast identisches, die Beseitigung alles faulen Scheinfriedens und aller Heuchelei, und die Uebereinstimmung des Wortes und der That; und in diesem Sinne sei auch hier der Wunsch ausgesprochen, new. So wie Gott es verhütet, daß die Himmelskörper in der Höhe aneinanderirallen, und durch ihre Trennung denFried e n sichert, ebenso bxw ba bynbv w. X Zeitungsnachrichten und Corrcspondenzen. Deutschland. Berlin. Anläßlich des Versöhnungstages fand — wie üblich — auch am 1. d. Mts. im Evangelischen Vereinshause eine „religiöse Versammlung" der Judenmission statt. Das klingt nun zwar unglaublich, aber es ist wahr. Die Versammlung, in welcher die bekannten Judenmissionare Pastor Herzka - Posen, Geifert und Bieling sprachen, war von Christen und Juden gut besucht. Hören wir, was ein antisemitisches Blatt darüber zu berichten weiß: „Während Pastor Bieling nur.von der christlichen und jüdischen Religion im allgemeinen sprach, bemühten sich die beiden Erstgenannten aus Leibeskräften, die anwesenden Juden davon zu überzeugen, daß ihr Seelenheil einzig und allein gerettet würde, wenn sie zur christlichen Religion überträten. Anscheinend hatten sie mit dieser Ansicht bei den anwesenden „lieben jüdischen Schwestern und Brüdern" wenig Glück; denn man sah verschiedene ungläubig lächelnde Gesichter, worüber Herr Pastor Herzka sich tiefgekränkt beklagte. Zum Schluß wurde noch auf die neue Kapelle der „Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden" in der Kastanien-Allee hingewiesen, in der selbstverständlich christlicher Gottesdienst abgehalten würde, jedoch, wie betont wurde, so, daß „dem jüdischen Geist und dem jüdischen Empfinden nach Möglichkeit Rechnung getragen werde." Mit anderen Worten, es wird von den Herren Judenbekehrern dort so gepredigt, wie es den „lieben jüdischen Schwestern und Brüdern" am ange-