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Der Israelit · 1903-10-19 · Heft 83 (19.10.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 83 (19.10.1903)
Date
1903-10-19
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1817 zitternd und gesenkten Blickes da. Ueber ihr Antlitz flogen nur abwechselnd bald Flammengluth, bald Blässe. Sie war ganz erschüttert. Als aber Heinrich geendet, erhob sie kühn das Haupt und sagte kalt: „Das glaub' ich nie und nimmermehr! Das ist ein Märchen! Eine nichtswürdige Verleumdung. Das glaub ich weder Dir, noch dem Vater!" „Aber warum denn nicht? Erbarme Dich!" „Weil es nicht möglich ist!" Bei diesen Worten erhob sie sich höchst erregt. Aber statt nach ihrer Gewohnheit zum Fortepiano zu gehen, schloß sie sich sofort in ihr Zimmer ein. Hier erst entströmten Thronen ihren Augen und schluchzend sank sie auf den Divan. Bisher hatte sie wenigstens an einen Menschen auf Erden geglaubtden sie sich zum Ideale erhoben. Und dieses Ideal stieg jetzt herab von seinem Piedestal und wurde plötzlich ein gewöhnliches, irdisch-gebrechliches Wesen, voller Lug und Trug, anders im Sinne, anders für sie, ein Komödiant in der Liebe! ' „O nein! Das kann nicht sein!" wiederholte sie sich. Doch eine höhnische Stimme fragte sie wieder: „Aber warum denn nicht? Sind nicht Alle so? Ist nicht so die ganze Welt?" Bitterkeit ergoß sich ihr in das Herz! Die Thränen flössen in Strömen. Sie saß allein, wie angeschmiedet. ohne zu wissen, was sie thun, wie sie sich aus dieser tödtlichen Qual erretten solle. Bald glaubte sie an die Worte des Gatten, bald wies sie sie wie eine Lästerung zurück. Aber das Leben erschien ihr jetzt so öde, so schrecklich und zuwider ohne ihn, daß sie sich den Tod herbeiwünschte. Wer irgendwie im Leben mit ganzem Herzen sich anschmiegte an ein Wesen, welches für ihn Alles war und Alles ersetzte, und dann seinen Abgott sich in einen schimmernden Erdenklos verwandeln sieht, der begreift, was dies schmerzzerwühlte Herz erfahren, mußte im Augenblicke der Trennung von seinem letzten rettenden Gedanken, seiner letzten ihm die Erde verklärenden Hoffnung. Tags darauf wunderte sich Heinrich, als er sie bleich, stumm, sichtlich krank, aber vollkommen ruhig zu Tische kommen sah. Auf einige Fragen antwortete sie ihm gleichgültig und kurz, indem sie sich mit Kopfschmerz entschuldigte. Dann sprachen sie fast gar nicht miteinander und Tilda entfernte sich, nachdem man sich von der Mahlzeit erhoben, sofort und verschloß sich in ihr Zimmer. Getreu seinen ersten Ueberzeugungen, verhielt sich Jakob ziemlich lau inmitten der stets zunehmenden Aufregung im ganzen Lande. Gleichwohl blieb sie nicht ganz ohne Einfluß auf ihn. Jede dem unglücklichen Volke angethane Gewalt fand einen Widerhall in seiner Seele und näherte ihn den Unterdrückten. Das ist der beste Probirstein für edle Seelen, daß sie stets Mitgefühl mit den Leiden der Schwachen haben und nicht götzendienerisch niedersinken vor der siegreichen Gewalt. Wer auch immer in den Tagen des Triumphes sich erniedrigt vor der viehischen Macht, deren Rechtmäßigkeit er in der Seele nicht anerkennt, der ist ein Nichtswürdiger. Man kann aus Schwäche der Uebermacht und dem Uebergewicht unterliegen. Aber man darf sich nicht dazu zwingen lassen, sie zu ehren und vor ihnen auf das Antlitz zu fallen. Wenn der Mensch sich nicht empört gegen die Ungerechtigkeit, sondern sich bemüht, sie zu entschuldigen und zu verhüllen, damit er auchseine Schmach mit einem Mantel bedecke', der ist gerichtet! Jede Unterdrückung hat die Macht, daß sie zu den Unterdrückten alle ehrlichen Herzen hinzieht. Oft gewinnt eine Sache, die kein Mitgefühl erweckte. dieses erst dann, wenn sie die Wuth des Feindes mit Blut befleckt.. Je toller die Gewalt den Gesetzen und der Wahrheit Hohn spricht, umso höher stehen diese da. Der niedere Haufe verleugnet sie aus Furcht unter dem Drucke des Terrorismus. Aber im Augenblicke der göttlichen Rache und der Niederlage findet sich nicht Einer, der mit ihm stünde, während die Wahrheit immer ihre Vertheidiger, Märtyrer und Bekenner haben wird auch auf Schafotten in Kerkern, auf dieser Welt und in den Erinnerungen der Menschheit. Deßhalb erreicht jede Unterdrückung der Wahrheit dieser zum Vortheile. Man kann sie wohl überwältigen, aber nicht tödten. Jakob, der anfangs mit bangem Mitleide auf diejenigen blickte, die das Land zum Aufstande hindrängten, wurde auch entflammt, als die Regierung auf ihre Art strafen und einschreiten wollte mit Schrecken. Druck, Galgen und Bajonetten. Jakob, obgleich jedem Ausstande abhold, rechtfertigte ihn dennoch, sobald der Augenblick der Aushebung herankam und die mit dieser verbundene Verhöhnung. die durchaus Alles zur Revolution fortriß. Wir sagten schon, wie isolirt Jakob war, wie abgesondert und einsam er dastnd. Er traf mit Ansichten jeder Schattirung, mit allen Schichten der Gesellschaft zusammen. Aber keine mochte mit ihm. wie auch er mit keiner, denselben Weg gehen. Für einen Menschen, der in sich Wahrheit und Kraft fühlt, ist nichts schrecklicher. als solche Ausschließung. Sein einziger Trost war die Mutter, ab und zu ein Besuch bei der Jugendfreundin. Seine Thätigkeit beschränkte sich auf die anonyme Mitarbeiterschaft an einer für Israeliten in polnischer Svrache erscheinenden Schrift, welche im Ganzen zu den Flugblättern jener Zeit gehörte. Aber auch hier verursachten seine gern aufgenommenen Artikel eine heftige Polemik. Denn sie waren bald zu jüdisch, bald zu freisinnig, für die Einen zu

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