Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1903)
- Date
- 1903-10-19
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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1818 fanatisch, für die Andern zu kühn reformatorisch. Auch^ dadurch ließ er sich den Muth nicht nehmen; und schließlich war die Jsolirung, in der er sich befand, ihm schon weit geringer peinlich. Denn sie machte ihn völlig frei; er lernte ihre Vortheile schätzen, obgleich er ihre Unbequemlichkeit kannte und ihre Demüthigung fühlte. Seit der Ankunft der Mutter, die bei ihm blieb, mit der er sich sehr oft auf den Straßen zeigte, und die er auch im Hause nicht verbarg, zog sich die vornehmere Gesellschaft von ihm zurück, wie von einem Pestkranken. Selbstverständlich wich auch Jakob ihr aus und brach sogar den Verkehr mit Heinrich ab. Natürlich erklärte sich Tilda diese scheinbare Vernachlässigung ganz anders. Für sie war dies nur eine traurige Bestätigung der Erzählung ihres Gatten. Auch sie suchte Jakob nicht, sondern verschloß in ihr Herz die keuschen Erinnerungen der Jugendjahre, lebte, nur diesen und machte der Welt zum Vorwurf, daß sie ihr den Liebling verdorben. ■ Jakob konnte diese Klatscherei nicht errathen, noch die Verleumdung vermuthen, die ihn bis in das Herz des geliebten Wesens verfolgten. Endlich einmal nach langer Zeit trafen sie sich zufällig eines Vormittags bei Frau Wtorkowska. Musa war vollauf beschäftigt mit einem neuen Ankömmling aus Petersburg, dem Wirkt. Staatsrath Graf Barowow. Dieser war mit einem Stern dekorirt. kaum 30 Jahre alt,' dabei unverheirathet und ein Liebling Sr. Majestät. Jakob benutzte dies und konnte sich daher Tilda unbemerkt nähern. Ihm siel sofort ihre Blässe auf, sowie eine Veränderung in ihrem Benehmen und ihrem Tone. Leise fragte er: ..Du fühlst Dich doch nicht kränker?" Tilda blickte ihn lange an, wie voll Mitleid, aber ohne Zorn und sagte dann: „O nein! Ich fühle mich durchaus nicht kränker!" „Wir haben uns aber auch so unendlich lange nicht gesehen!" „Allerdings! Sehr lange nicht!" antwortete sie. „Und durch meine Schuld." sprach Jakob. „Aber darf ick mick denn aufdrängen, wenn man mich zuriickstößt!"' „Ich wüßte nicht, wer dies thäte!" flüsterte Tilda. „Vielleicht stoßen Sie selbst Alle von sich zurück!" Jakob, der darin einen Vorwurf fühlte, blickte sie forschend an und fragte: «Ich?" Vielleicht unwillkürlich! „Sie wissen, gnädige Frau (mit Nachdruck nannte er sie jetzt wieder so), von der Ankunft meiner Mutter? Dies ist eine Frau mit vielen Vorzügen, aber sehr einfach. Ich sehe, daß Alle sich vor ihr scheuen,- und deßhalb mich meiden. Aber mit Vernachlässigung der Mutter darf ich mir doch nicht die Freundschaft fremder Leute erkaufen!" „Sie haben Ihre Mutter bei sich?" fragte sie, da sie dies längst vergessen. „Allerdings!" „Vielleicht auch," flüsterte sie, ohne sich länger halten zu können, „vielleicht auch haben Sie jetzt andere, geheime, stille, verborgene, dem Herzen liebere Verhält-, nisse, die Sie von uns abziehen?" Jakob, der das Zittern ihrer Stimme bemerkte, blickte sie mit großen staunenden Augen an. In seinem Blicke malte sich so aufrichtige Verwunderung, solch reine Offenheit. Unschuld und Selbstbewußtfein, daß Tilda fast sich ihrer Leichtgläubigkeit schämte, die Augen senkte und zu Musa eilte. Jakob blieb allein mit seinen Vermuthungen. Er begriff nicht, was dies bedeuten konnte. Er fühlte nur das Eine, daß man ihn bei ihr angeschwärzt haben mußte. Aber es kam ihm nicht in den Sinn, in welcher Weise dies geschehen konnte. In Gedanken vertieft, sah er nur. daß Tilda erröthend und unruhig sich eilig ausmachte. Er verabschiedete sich von Weitem und setzte sich in eine Ecke. Im Salon hatte sich inzwischen das Gespräch immer lebhafter entwickelt. Oberst Sofronow, Graf Varowow, Musa und Rath Pokulinsky betheiligten sich daran. Gegenstand desselben waren natürlich die neuesten Ereignisse: die Aushebung, die ersten Zuckungen der Revolution, an die noch jetzt so Mancher nicht glauben wollte. ' Oberst Sofronow äußerte sich über Alles höchst diplomatisch. Er gehörte zu denen, die nicht mehr an den Verstand des Staatsmannes glaubten. Graf Baworow, soeben in Warschau angelangt, bekannte sich schon laut zu den Grundsätzen, die später durch Katkow in ein System gebracht wurden. Rath Pikulinski zählte zu denjenigen Räthen, die Niemanden und niemals etwas und sich selbst nur absolut nicht zu rathen wissen. Was auch Jemand sagen mochte, immer nickte er mit dem Kopfe. Und nahm man ihm beim Knopfe und druckte ihn an die Wand, so gab er, wie jenes Spielzeug, welches nur eine Stimme hat, wenn man es anstößt, immer nur den einen Laut von sich: „Ja! Ah! Ja!" (Fortsetzung folgt.) VcrantwortliLe Redaktion Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des »Israelit". Schottstratze Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Ä oh. Wirth'sLcn Hosbuchdrnckerei Actien-Gesellscliast in Mainz.