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Der Israelit · 1903-10-19 · Heft 83 (19.10.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 83 (19.10.1903)
Date
1903-10-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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„Das verstehe auch ich nicht, dies Wann und Wie. Das aber ist gewiß, daß Tilda's Vater, der Alles weiß, auch dies enthüllte. Ich wollte es nicht glauben; er aber überzeugte mich. Es ist Faktum! Sie wohnte anfangs auf der Gartenstraße, jetzt auf St. Georg!" „Wieso? Und die Familie?" fragte Musa. „Was ist das für eine Familie? Was sagten Sie darüber?" „Aber haben Sie mich denn nicht recht verstanden?" fragte Heinrich lachend. Auch Musa lächelte, ohne weiter zu fragen. Dann rief sie: „C’est ce n’y rien comprendre! Aber er hat wirklich . sein Spiel so gut versteckt, daß man ihn für einen Heiligen halten konnte!" „Tartus? Ein Stück Tartuf!" sagte Heinrich. „Ich gestehe Ihnen, liebes Fräulein, daß ich von dem Augenblicke an, als ich dies erfuhr, eine ganz neue Vorstellung von ihm erhalten habe. Ich muß ihn ganz auf's Neue studiren!" „Mir geht es ganz ebenso! ,,Enfin je vois qu’il est vulnerable!*' fuhr Musa lachend fort. „Und ich dachte doch, die Frauen seien ihm ganz gleichgültig! Na, ich danke!" So schnell als möglich suchte Fräulein Emma Herrn Heinrich loszuwerden und lief mit ihrer Neuigkeit zur Mutter. „Na, Mamachen, jetzt werde ich mich mit einer Geschichte revanchiren für die Deinige von Herrn Jakob!" Und lebhaft begann sie ihre Erzählung. Frau Wetorkowska schüttelte den Kopf, schrie laut auf, lachte und staunte. „Ich muß gestehen, Mamachen," schloß Emusa, „daß ich ihn jetzt weniger begreifen kann, als jemals! Ich kann nicht zugeben, daß dieses einfache Mädchen schöner und verführerischer sein konnte, als ich! Warum war er nur gegen mich so kalt?" „Weil er Jene liebt! Das ist doch ganz einfach!" antwortete die Mutter. „Aber was ist nur da viel zu lieben! Solch' ein einfaches Mädchen. Jetzt ärgere ich mich noch weit mehr über ihn. Ich hielt ihn für einen kalten Menschen. Jetzt zeigt er sich noch kühler, als ich glaubte; denn er rechnete nur darauf,' daß er nicht zur Heirath gezwungen werde!" „Vielleicht ist das Alles nur ein Märchen!" unterbrach sie die Mutter. Musa nannte wiederholt die Quelle, um darzuthun, daß es die Wahrheit sein müsse. Und traurig verstummten sie Verde. . „Wir müssen endlich einmal aufhören, an diesen Menschen zu denken und von ihm zu sprechen," ries Wtorkowska. „Lassen wir ihn laufen. Der Schüden ist nicht groß!. Es gibt noch Andere!" Musa fühlte sich dennoch sehr beleidigt. Dies mußte Abends Oberst Sofronow büßen, dem sie die Neuigkeit nicht mittheilen konnte. Als Zugabe spielte sie ihm zum Possen heute die Patriotin, worüber er jedoch nicht erschrack. sondern lachte. Inzwischen hatte sich glücklicherweise die ausgesate Klatscherei immer weiter verbreitet. Als Heinrich Tags darauf verstimmt heimkehrte, traf er dort Niemand und trank dahier den Thee allein mit der Gattin. Lange schwiegen sie beide. Die Engländerin lief mit ihrem Buche in die Ecke. Der Mann blickte an die Erde, die Frau an die Decke. Er fragte und sie antwortete irgend etwas, aber die Unterhaltung kam nicht in Gang. Endlich fragte Heinrich: „Sahst Du Jakob in diesen Tagen? War er hier?" „Nein! Seit einigen Tagen nicht!" „Ach ja! Er hat ja Gäste! Die Mutter!" „Ich weiß davon! Der Vater erzählte es mir!" . „Und erzählte er Dir nicht noch mehr?" fragte Heinrich lachend. „Was sollte er mir denn weiter erzählen?" „Ach! Nichts! Nichts!" „Wirst Du mir nicht sagen, worum es sick handelt?" „Nein! Es ist Kinderei! Und Du nähmst es mir übel, wenn ich Dich enttäuschte! Du magst diesen Jakob so gern, llnd er.ist wirklich ein guter Mensch! Also lassen wir das zufrieden!" Die am wenigsten neugierige Frau ist noch immer sehr neugierig. Vollends, wenn es sich um den von ihr geliebten Mann handelt. Tilda wurde sichtlich immer unruhiger und sagte endlich: „Ich bin fest überzeugt, daß Jakob nichts thun kann, was mir von ihm eine andere Vorstellung geben könnte, als ich von ihm habe!" „Ach, wenn Du so fest überzeugt bist, dann ist es ja gut'" sprach Heinrich mit schlauem Lachen. Sie schwiegen wieder, bis Tilda nach einer Pause sagte: „Aber so quäle mich doch nicht und erzähle, was Du begonnen!" „Es ist wirklich nichts dabei zu erzählen! Nur Kinderei!" Ironisch lachte er. Tilda erröthete und drängte ihn, zu reden. „Aber was kümmert Dich denn dieser Jakob wieder so sehr?" „Ich liebe ihn, wie einen Bruder, daraus mache ich kein Geheimniß. Wir wurden zusammen erzogen!" „Er hat durchaus nicht etwas so Frevelhaftes begangen! Na, kurz und gut. Er hat da ganz im Verborgenen eine Geliebte!" Hier begann er, auf seine Art, halb cynifch und scherzhaft, halb hämisch zu lachen, und fugte zuletzt hinzu: „Wenn Du mir nicht glaubst, frage den Vater, der dies enthüllte!" Während dieser ganzen Erzählung saß Tilda

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