Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1903)
- Date
- 1903-10-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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44. Jahrgang. ge zu M 83 des Hermanrr 2udermann's Rabbinex. 3a Mm ueslflea Prama: Der Sturmgejelle Sorrales. Von A. Halverthal—B e t l i n. . „Sie sind Jude — dann allerdings wird's Ihnen schwer fallen." Ich erinnere mich noch genau des Tones, mit dem Hermann Sudermann diese Worte zu mir sagte. Wir sprachen von meiner Wenigkeit, von meinem Fortkommen. Herr Sudermann war sehr zuvorkommend und liebenswürdig: „Erfahrung muß man sammeln und immer wieder Erfahrung; das ist das A und das O alles Schaffens." ' Ja — davon war auch ich überzeugt. And von Sudermann nahm ich umso lieber diese Lehre an, da ich ihn aus seinen Werken, Dramen und Romanen zu kennen meinte, und bei ihm nicht nur feines, künstlerisches Empfinden, sondern auch eine Unsumme von Welt- und Menschenkenntnis vermuthete und voraus- -setzte. d ) „Gehen Sie in die Welt und lernen Sie das Leben kennen." Ich betonte meine Gebundenheit durch die Existenz-Nothwendigkeiten. , „Vielleicht kann ich Ihnen — eine Hauslehrerstelle — das wäre..." «Ich bin Jude." Darauf folgte die oben geschilderte Antwort. Und wie gesagt: Mir schien in dem Ton, wie Sudermann mir das sagte, ein tiefes Bedauern zu liegen, etwas wie Schani, die man empfindet beim Ausspr'echenmüffen einer traurigen, aber nicht abzuleugnenden Wahrheit. Und noch eins: Sudermann, sagte ich mir, muß auf diesem Gebiete, nach dieser Richtung hin viel Erfahrung haben . . . Was Wunder also, wenn ich, als der erste Theaterzettel auf den Säulen prangte: „Sokrates, der Sturmgeselle", mir ein Zettel besorgte und mit neugierigen, eigenartigen Gefühlen im Theater des Kommenden harrte. Stand doch auf dem Theaterzettel: „Dr. Markuse, Rabbiner", vermerkt und „Siegfried, dessen Sohn." Also zwei Juden unter all diesen Personen, deren eine ein Landrath, Herr von . . . und die zweite ein Steuerinspektor a. D. war. Intelligenz gegen Intelligenz .. . Aber — gleich von vorne sei es gesagt — ich erlitt eine böse Enttäuschung. Das soll ein Rabbiner sein? Ein Typus — dieser Dr. Markuse?! Abgesehen davon, daß gerade „im äußersten Osten", wohin die Handlung des Dramas verlegt ist — solche „Rabbiner" zu den Seltenheiten gehören — ist dieser Rabbiner ein Zerrbild von einem Seelsorger — allüberall. Gewiß, Sudermann wollte keinen „Nathan" auf die Bühne stellen, er wollte eine Stimmung festhalten aus der zweiten Hälfte der.Siebzigerjahre, wie die Alten, Unentwegten damals wirthschafteten, fühlten und redeten .... Aber sowas?! Muß ein Rabbiner, der der schwarz-weiß-rothen Fahne zugeschworen hat, mit „gutem" Wissen und Gewissen ein Schurke sein, der seine Gemeinde belügt? Das Verhältniß zu seinen Kollegen, zu seinen Sturmgesellen, ist das denkbar beste; er spielt die Rolle des Vernünftigen, Besonnenen, er zähmt die Wuth der Drauflosgeher; muß er dazu etwas essen — „mit", das heißt komisch: Mit Schinken? Soll das schön sein? Einen Eharakterzug bedeuten, wenn er sagt: „Mit — Wenn Niemand Fremdes dazu kommt . . Man muß. sich fragen: Sind das blos Effekte, die witzig sein sollen? wenn die Wirthin sagt: Verzeihen Sie, Herr Doktor, daß es blos roher (Schinken) ist. Es war kein gekochter im Hause . . ." Und der Herr Rabbiner Dr. Markuse erwidert: „Meine liebe Frau Hartmayer, seien Sie unbesorgt. Den Hals bricht mir auch der; es braucht blos meine Gemeinde was davon zu erfahren. ..." Lieb — was? Und unentwegt, charakterfest und gewissenhaft. Ueberhaupt die ganze Auffassung des Judenibums wirkt komisch. So zum Beispiel, wenn der Herr Landrath, im klebrigen der einzig Vernünftige und Sympathische in dieser Gesellschaft, wenn der Landrath also den Herrn Rabbiner begrüßt: „Da ist ja auch der Markuse. Ich bin für die Geistlichkeit. Auch die jüdische Religion muß dem Volke erhalten bleiben, denn wo kämen sonst die famosen jüdischen Witze her? Hähähä ..." Guter Witz! Man möchte mitlachen, wenn's nicht so traurig wäre zu bemerken, wie dieser Rabbiner noch weiter die Hörer unterhält, in seinem Gespräche über die blonde Jda. Kleine Passionen nennt's der Herr Rabbiner. Nun konnte man allerdings sagen: Das Ganze soll eine Comödie sein; Sudermann meint's ja so. Allerdings. Aber gerade bei diesem Rabbiner wird er pathetisch. Das ist das Schlimme. Im dritten Akte kommt eine Szene vor, die der Volksmund bereits getauft hat: „Die Rabbiner- Szene." Vater und Sohn stehen sich gegenüber. Der Sohn, Siegfried, ill Student und erbitterter, verbitterter Jude. Er erzählt seinem Vater: „Als Dü mich vor drei Semestern in's Reich schicktest, Vurschen-