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Der Israelit · 1903-10-19 · Heft 83 (19.10.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 83 (19.10.1903)
Date
1903-10-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Der Diener schwieg. Er wußte ganz gut, daß der Hofjude Beck dem Fürsten mehr als ein aus Prag zugereister Jude war, da er oft im fürstlichen Palais vorsprach und von dem Fürsten mit vieler Auszeichnung behandelt wurde. Der Diener wußteaber nicht, daß sein Herr dem Höfjuden Beck persönlich die Summe von 40,000 Dukaten in Gold schuldete, und daß man einen solchen Gläubiger nicht ohne weiteres abwcist. Aber der Gläubiger kam .in diesem Augenblick wirklich etwas unbequem. Nicht aus dem Grunde, aus dem alle Gläubiger unbequem sind, weil der Fürst nämlich zur Zeit kein Geld, sondern weil er auch leine Zeit zur Verfügung hatte: Schon wollte er Beck auf morgen bestellen, als er sich besann undun die Möglichkeit dachte, der Besuch könne auch einem anderen Zweck gelten; er komme direkt vom böhmischen Kriegsschauplatz und bringe vielleicht neue, entscheidende Nachrichten mit. „Der Hofjude Beck soll eintreten," herrschte der Minister seinen schlau blinzelnden Diener an, und Herr Beck trat ein. „Seien Sie willkommen, Herr Beck, kommen Sic direkt von zu Hause, gibts in Prag was Neues?" „Ja und nein, Hoheit! Aeußerlich ist alles noch beim Alten, aber die Ereignisse drängen zu einer Katastrophe, die nicht lange mehr ausbleiben kann." Als der Fürst merkte, daß Beck nichts Neues zu berichten habe, war er darauf bedacht, der Audienz möglichst bald ein Ende zu machen, indem er direkt aus das Ziel lossteuerte. „Sie kommen also wegen Ihres Geldes?! Ader ich hätte Sie doch für mehr Ehrenmann gehalten, da ich Ihnen vor sechs Wochen bereits auf Ehrenwort versichert habe, es sei mir in den ersten drei Monaten unmöglich, zu zahlen, wie kommen Sie nun ... “ „Verzeihen Königliche Hoheit, es liegt hier ein Jrrthun: vor, ich komme nicht nur nicht als Mahner, sondern ich komme im Gegentheil mit der Absicht, Ew. Hoheit 40,000 Dukaten von der Schuld zu erlassen, und dieselbe auf 30,000 zu reduziren, wenn Ew. Hoheit in der Lage wären, mir einen kleinen Gegendienst zu leisten." „Mit größter Bereitwilligkeit stehe ich zu Eurer Verfügung, wenn es nur irgendwie in meinen Kräften steht," erwiderte dienstbeflissen der Ministerpräsident. „Es steht in Hochdero Kraft; es bedarf nur des Willens, dann wird mein Wunsch erfüllt und die 40,000 Dukaten als erste Rate von Hochdero Schuld sind abgetragen." „Und das wäre?" fragte gespannt der Ministerpräsident. „Ich bitte Eure Königliche Hoheit," sprach Beck in resignirtem. gedrückten und fast weinerlichem Ton, „ich bitte um Schutz gegen die Angriffe und Gehässigkeiten unseres von Wien nach Prag importirten Oberrabbiners. Dieser Mensch ist gemeingefährlich. Er hat etwas Bestrickendes. Einnehmendes, ich möchte geradezu. sagen Bezauberndes in seinem Auftreten, - dadurch täuscht er Jeden über die tiefen Abgründe seiner schwarzen Seele." „Ist er nicht auch ein berühmter Kabbalist? Ich glaube, ich habe ihn, als er noch hier in Wien amtirte, als solchen bezeichnen hören, ist's so?" fragte der Kanzler. Beck merkte sofort, daß er den Kanzler auf der rechten Fährte habe und antwortete rasch: „Ganz recht, so ist's, das ist die geheime, schwarze Wissenschaft, die er für seine unlauteren Zwecke traktirt. Ich staune das Gedächtniß an, das Ew. Königs. Hoheit mitten im Drang der hochwichtigsten Staats-' aktionen auch für solche untergeordnete Kleinigkeiten treu bleibt." „Ja, aber das dünkt mich ganz wunderbar, daß dieser Rabbiner Heller — so heißt er, wenn, ich nicht irre — sich in wenigen Monaten so zu seinem Nachtheil geändert haben soll," bemerkte der Kanzler. „In der kurzen Zeit seiner hiesigen Wirksamkeit hat er viel Be-> achtenswerthes für die Wiener Juden bei Sr. Allergnädigsten Majestät erwirkt. Während sonst das Herz der Juden daran hängt, sich äußerlich unter die nichtjüdische Welt zu mischen, unter ihr zu wohnen, mit ihr zu leben und zu verkehren, hat dieser Mann seine Gemeinde überzeugt, sie fahre besser dabei, wenn sie abgeschlossen in einem Viertel für sich wohne. Se. Majestät hat darauf der Wiener Judenschaft den Platz „unterm Werd" (die heutige Leopoldstadt) eingeräumt. hat ihnen dort den Bau einer Synagoge gestattet, ihre alten Privilegien beseitigt und ihnen, neue gewährt, und zum großen Theil erfolgten diese Beneficien durch unmittelbare oder doch mittelbare Bestrebungen des Rabbiner Heller; da müßte doch schon etwas ungewöhnlich Gravirendes vorliegen, um gegen einen solchen Mann vorzugehen. Jedenfalls müßte aber ein solcher Schritt, von der Statthalterei Prag ausgehen. Habt Ihr mit dem Statthalter schon deßhalb gesprochen? Ihr wißt, daß ich mit dem Fürsten Karl von Lichtenstein auf gespanntem Fuße stehe und nur amtlich mit ihm verkehre; von mir kann also keine J.nititative in diesem Sinne nach Prag gehen."' „Gewiß weiß ich das," entgegnete Beck schlagfertig, „und!vas mir am merkwürdigsten erscheint, ist, daß auch der Oberrabbiner diese gespannten Beziehungen kennt und bereits ausgenützt hat. In der ersten Audienz, die unser Oberrabbiner beim Kaiserlichen Statthalter hatte, erzählte er diesem in seiner verbindlichen Art und Weise, wie oft er Ew. Königl. Hoheit in Gesprächen und Disputationen so gründlich ad absurdum geführt habe, daß Hochdero nicht wie ein Kanzler, sondern wie ein abgekanzelter Schulknabe dagestanden seien!"

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