Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1903)
- Date
- 1903-12-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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2132 die feurige Lohe in die traute wehe Hütte, laßt all sein Gut in Flammen vergehen und splitternackt, nur Liebesvrrlangen im Herzen, eilt er mit Weib und Kind zur Küste hin. dem Lande zu, wo bessere Luft, wo schöneres Haus, wo reinere Menschen und edlere Seelen, läuft bis zur Küste, und ach, kein Schiff ist da, das ihn hinüberführt, ist ja alles nur Wahn und Trug, nur Traum und Täuschung, schaut vor sich voll zehrendem Verlangen zum fernen Land, schaut hinter sich voll Entsetzen die verkohlte Hütte und sinkt zwischen zwei Stühlen zur Erde. M. H.! Es ist die Leidensgeschichte unserer reformirten Brüder. Denn die Emanzipation gelang nicht vollständig, konnte nicht vollständig gelingen, weil viel tausendjähriges Vorurtheil nicht im Handumdrehen sich oblegen laßt,, und weil Gott, der Herr, es nicht wollte. Beschränkung und Zurücksetzung nahmen kein Ende, und diese Beschränkung und diese Zurücksetzung trafen — darin liegt die Ironie der Geschichte — Orthodoxe wie Neologe. Es gibt eine Frage, die früher oder später in jedem denkenden Menschen aufsteigen muß, eine Frage, die ewig in dem Ohre des Menschen tönt und ihm keine Ruhe gönnt, so er nicht Antwort stehen kann, die ihm jede Freude vergällt, wenn sie wirklich mal schüchtern erblühen will und-ihn doppelt schwer seufzen läßt unter der Last der Leiden, und Thränen. Es ist ein winzig kleines Wort und dieses heißt: Wozu! Und wir ganz besonders leben in einer Zeit, da diese Frage früher als je sonst uns naht, wir. gehören einem Geschlecht an, in dem das Wort von dem Frohsinn und der überquellenden Heiterkeit des Jünglingsalters zur Phrase zu werden droht, da an Menschen, die kaum das Leben kennen, der Zweifel schon herantritt, daß sie gesenkten Hauptes und furchenreicher Stirne still und traurig umhergehen — ach, es ist die Frage wozu?, die's ihnen hat angethan. M. H.! Wohl uns, die wir das kostbare Erbe unserer Väter antreten durften, die wir in ihrer Nachfolge sprechen: „Gesegnet sei Gott Tag für Tag, Er gebe uns nur zu tragen. Der Gott unseres Heiles ist Er." Uns ist der große Zweck der Dinge im Buche der Propheten geoffenbart, und fragt uns einer, wozu lebt Ihr? „Wir leben, um Gott zu gehorchen." Seinen Lebenszweck hat der erfüllt, der Gottes Gesetze bewahrt. Und quält uns Leid, wir wissen ja, wozu wir noch dulden müssen, wir wissen, die Leiden erziehen uns zum großen Hochziel der Menschheit. Anders aber, leider anders, steht es mit den Verirrten. Der Mann, der den Drang in.sich fühlt, . auf dem Lehrstuhl einer Universität zu dozieren, der sich der Anlagen hierzu bewußt ist und in diesem Bewußtsein Fleiß und Mühe nicht spart, sein . Ziel zu erreichen — schon glaubt er sich nahe davor, da fliegt ihm das Thor vor der Nase zu und eine kühle Stimme bedeutet ihm: Das ist nicht für dich gewachsen, denn du bist ein Jude --: M. H! Diesem Manne ist tatsächlich fein Lebenszweck vernichtet. Knirschend muß er sich fragen, wem soll er das Opfer seiner theuersten Neigung denn bringen? Vielleicht seiner Religion? O, die hat sich ihm längst als fades Pfaffenwerk erwiesen, das selbst einen Hund nicht vom Ofen zu locken vermag. Aber wem denn? Vielleicht seiner jüdischen Volkszugehörigkeit? Ha, wie gerne möchte er die mit allen Wassern des Jordans von sich abwaschen, wenn es kein angeborener Fehler wäre. Schrecklich ist's, ein Opfer zu bringen, ohne daß man weih, für wen. Ein Ideal ist's, das ihm fehlt. Wer vermag ihm eins zu bringen. Da bäumt sich in ihm der ganze Mannesstolz auf, der sich zertreten fühlt wie ein Wurm, da wendet er sich mit Verachtung ab, wo er nicht frei hat zugreifen können, da macht er aus bitterer Noth eine Tugend. „Was ist es. weßhalb ihr mich zurückweist? Es ist. nicht meine Religion: ich habe sie längst verworfen! Es ist nicht meine Wissenschaft: ich habe sie der euren ja angeähnelt! Es sind nicht meine Sitten: sie sind ja längst die euren! Ich rede wie ihr. Ich denke wir ihr. Ich fühle wir ihr. Ich schreibe wie ihr. Liebchen, was willst du mehr? O, ich weiß, was ihr habt! Mein Volksthum, mein Volksthum ist's, das ihr verachtet, mein Volksthum, das ihr schmäht, mein Volksthum, das ich mit den leidigen Orthodoxen, ja selbst mit den widrigen Polen und Russen gemein habe und nimmer zu verleugnen vermag. Nun wohl! So hört denn, was ich euch sage! Was ihr verachtet, gerade darauf will ich nun stolz sein. Was ihr schmäht, das will ich fortan lobvreisen. Aug' in Auge trete ich euch entgegen und Schulter an Schulter will ich mir Achtung erkämpfen. Und seid ihr Arier, ich bin ein Jude. Habt ihr eure Geschichte, ich habe die meine. Seid ihr eine Nation, wir waren es und wollen's wieder werden. Habt ihr eure Kunst, ich schaffe mir eine. Kommt her. ihr Orthodoxen, ihr Polen und Russen! Gelt, ihr habt auch zu leiden, wie ich? So laßt uns umarmen und Bruderschaft schließen. ein einig Volk wollen wir sein-Hoch die Nation! Hoch Herzl und Zionismus! — M. H-! In gedrängter Kürze habe ich versucht. Ihnen die Genesis des eigentlichen, waschechten Zionismus zu schildern. Reform und Antisemitismus, das sind die Eltern des Zionismus. Und gestehen^wir nur gleich, daß der Zionismus eine ganz natürliche Folge dieser beiden Faktoren ist, der seine volle Berechtigung, ja, seinen hohen Nutzen hat, aber eben nur da, wo auch wirklich beide Faktoren gewirkt haben, Reform sowohl wie Antisemitismus. Denn schließt man den Antisemitismus aus, so stehen Gründe persönlicher Bequemlichkeit im Wege. Fehlt die Reform, so mahnen die ewigen Prinzipien des Judenthums zu lautestem, energischstem Protest. Die Reform hatte die That Descartes' auf's Judenthum übertragen, sie hatte Religion und Wissenschaft getrennt. Der Zionismus