Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1903)
- Date
- 1903-12-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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44. Jahrgang. M 96 d§s Rückblick auf das )ahr 5665. Vm Vovtvag, ge hatten in derVereinigung juc Pflege jüdischer Lebensanschauung- ('23 nbru) }u Frankfurt a. M. Von Jsaae Breuer. i (Schluß aus dem Hauptblatt.) M. H.! Es kann meine Absicht nicht sein, auf die Babel- und Bibelfrage näher einzugehen. Das Ganze hat sich ja heute als das erwiesen, was es für jeden überzeugten Juden von Anfang an war: Eine Seifenblase. Nur einige ernste Worte möchten wir noch hinzufügen. Vor allem ist es uns unbegreiflich, wie man sich so sehr darüber aufregen konnte. Es ist ja nicht neu, daß von Verkennern des Judenihums unserem Volke der Ruhm, das auserwählte Volk zu sein, entrissen wird. Ja, wir glauben uns sogar aus unserer Jugend erinnern zu können, daß es einmal irgendwo in Jena oder Weimar einen gewissen Friedrich Schiller gegeben hat, der in einem gar nicht übel geschriebenen Böchelchen sonnenklar nachweist, daß der Moses all' seine Weisheit von den Aegyptern her hat, und wir sind der Ansicht, daß es immerhin ziemlich Wurst ist, ob das nun Aegypter oder Babylonier sind. Uns sind sie beide gleich fatal. Ja, wir wagen sogar die Ansicht, daß, wenn nicht Gott der Verfasser der fünf Bücher Mosis ist und nicht Gott zu den Propheten geredet hat, es ziemlich einerlei ist, ob Moses oder Hammurabi oder Anamnemha oder Brahma Verfasser der Thora ist.. Menschenwerk bleibt Menschenwerk, und damit kommen wir gleich zu unserer zweiten Bemerkung. Wir wollen nämlich mit aller Offenheit sagen: Das Recht, über Babel und Bibel sich entrüsten zu dürfen, will erworben sein. Es hat es nicht der Rabbiner, der Prophetie als Mantik erklärt. Es hat es nicht der Rabbiner, der die Mischnab nach eigenem Gutdünken erläutert. Es hat es auch nicht der Professor, der in Praxis ganz fromm, aber in der Theorie etwas weniger kapitelfest ist, besonders ein gewisses Faible für *w D*rpn und "PL" besitzt, ersteres für ein Hirtenliedlein nimmt und letzteren gleich den homerischen Aethiopen zwiefach getheilt sein läßt. Denn vergessen wir nicht, daß, wenn ein Jude irrt, dem das volle Verständniß unserer heiligen Schriften möglich ist und der ihr..natürlicher Wächter sein sollte, einem Nichtjuden überhaupt kein Jrrthum zu verübeln ist. Denn es ist den Nichtjuden versagt, in den Geist der heiligen Schrift einzudringen, weil sie die mündliche Lehre nicht kennen. Denn, so führt Rabbiner Hirsch s. A. in seinem Kommentar aus, die schriftliche Lehre ist nichts als ein Notizbuchs -in dem kurze Andeutungen vorhanden sind, die wohl der versteht, der vorher das Ganze gehört hat, die aber jedem «ein Räthsel sind, der aus ihnen allein den rich-. Ligen Sinn entnehmen will. Wenn aber selbst Juden. der Willkür ihres Geistes freien Lauf lassen, wer möchte sich da wundern, wenn ein nichtjüdischer Gelehrte, ein-' mal über die Schnur haut? Und dennoch haben Männer. die Jahre lang die Anfeindungen von Geschichtsfälschern, wie Grätz, ruhig, ja wohlwollend ängehört haben, über Delitzsch Zeter geschrieen. Sie haben mich lebhaft an die.bekannte Regel erinnert," daß .matt Prügel, die man sich selbst gibt, nicht spürte und sie erst, von fremder Hand verabreicht, die schmerzende Wirkung haben. Das Recht, über Babel und Bibel sich zu entrüsten, haben nur Orthodoxe 8an8 phrase, und gerade. sie werden sich am wenigsten entrüsten. Vielmehr schmerzlich lächelnd werden sie Gott bitten, daß er den Schleier des Jrrthums von den Augen der Menschheit nehme. v ---5 : .V Ja wohl, von den Augen der Menschheit und nicht zuletzt von den Augen der eigenen Brüder. O, es liegt eine unaussprechliche Tragik in dem Gedanken, daß die Kluft, die uns von unseren reformirten Brüdern trennt, mindestens ebenso groß ist, wie die zwischen uns und Nichtjuden. Wir haben gesehen, wie schlecht'es unseren Brüdern in der einen Seite ihres' geistigen Lebens erging, da sie Gott von der Wissenschaft trennten. Wie steht es nun mit Gott, losgelöst von der Wissenschaft? M. H.! Die ersten Neformhelden waren begeisterte Männer, denen man Ehrlichkeit des Strebens nicht absprechen kann. Es war ein schöner Traum, den sie träumten von Jsraeles Befreiung aus dem Goluß. So ehrlich glaubten sie an die unmittelbar bevorstehende vollständige Emanzipation,, sahen trunkenen Auges in ihrer zeitweiligen Heimath das Land der endlichen Erlösung und jauchzend griffen sie-in ihreigenes Herz und warfen mit lächelnden Lippen den Völkern ihr Kostbarstes zum Opfer, ihr Lebensgesetz - — ihr Lebensglürk. Wie hatten sie sich verrechnet! Kennen Sie die trübe Geschichte? War einst ein Mann, mit großer Familie und wenig Geld. Still und in ärmlichen Verhältnissen lebte er in bescheidener Hütte. Lange Jahre hauste er in ihr und fand selbst.da eine gewisse Behaglichkeit. Gerade Roth und Leid, machten seine Hütte ihm theuer, gab es ja keinen Fleck, den er nicht schon mit heißen Thränen geweiht hätte. Da hört, er auf einmal von einer neuen Welt, weit, weit, jenseits des Meeres. Und diese Welt ist so schön, die Menschen so mild, so gut, sie haben die Arme geöffnet und harren derer, die kommen wollen. Da ergreift ihn - ein tolles Entzücken und mit fiebernder Hand wirst er