Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1903)
- Date
- 1903-12-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Man ließ den Juden endlich los und duntie sich wie Wunder von Humanität, daß man ihn nicht verhaften ließ. Aber abgesehen davon, daß wo kein Klager, auch kein Richter ist, war auch der Ausbruch der Verzweiflung des Betrogenen zu ungeheuchelt, als daß die Leute nicht doch irre wurden, ob sie denn auch mit Recht Partei gegen ihn ergriffen hatten. Man ertheilte ihm daher den in gewisser'Beziehung wohlgemeinten Rath, die Abfahrt des Zuges nicht zu versäumen und von seiner Heimath aus durch einen Advokaten die Sache zur Anzeige zu bringen. Er ließ sich schließlich überreden, die Reise fortzusetzen, wenn auch mit schwerem Herzen. Aber es war Donnerstag, morgen war in seinem Heimathsorte Wochenmarkt, der Hauptverdiensttag der ganzen Woche, wenn er an diesem nicht daheim sein würde, würde sein Verlust noch größer fein, und seine Sorgen wuchsen ihm ohnehin bald über den Kops hinaus. Heinrich Müller ernährte sich und seine Familie schlecht und recht — er pflegte allerdings zu behaupten, zuweilen recht schlecht — von dem Ertrage eines nicht übermäßigen großen Geschäftes, das schon sein Großvater gegründet. Damals war es rasch emporgeblüht. zu dem bedeutendsten Geschäfte des Ortes. Später waren jedoch Konkurrenzgeschäfte entstanden und Müller hatte mit denselben nicht Schritt halten können: in demselben Maße, in dem seine Familie zunahm, nahm sein Geschäft ab, so daß er selbst es nahezu als Erleichterung empfand, als ihm während einer Epidemie von seinen sechs Kindern drei entrissen wurden. „Der liebe Gott hat mit uns getheilt," pflegte er zu sagen, während seine Frau sich in Seelenqualen wand, und der ihr entrissenen Lieblinge noch nach Jahren nicht ohne Thränen gedenken konnte. Doch je größer die Kinder wurden, desto größer wurden auch ihre Vedürsnisse, und ward es den Eltern zuweilen gar nicht leicht. dieselben zu befriedigen, so bescheiden und anspruchslos die Kinder auch waren. Vor Mitternacht kam die Mutier nie in's Beit, häufig ward es jedoch um mehrere Stunden später, bis sie die Garderobe der Kinder in Stand gesetzt hatte, denn sie suchte ihren Stolz darin, daß an derselben auch nicht der kleinste Flecken oder Riß sich befinde. Trotz aller Mühen und Sorgen hatte in der Familie stets eine heitere Stimmung geherrscht, die Mutter war eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Frau, der Vater fleißig und sparsam und gut, der es neidlos anerkannte, daß seine Frau ihn in Frömmigkeit und idealer Gesinnung überragte. Das beste Einvernehmen hatte stets zwischen beiden geherrscht, bis vor einigen Wochen das Gerücht aufgetaucht war, daß der Wochenmarkt von Freitag auf Samstag verlegt werden solle. Wenn dieses Gerücht zur Wirklichkeit werden sollte, dann würde es ein schwerer Schlag für Müller sein, in dessen Familie der Sabbat stets strengstens beobachtet worden war. Aber, wie bereits erwähnt, der Wochenmarkt war gegenwärtig, sein Haupiverdiensttag, wenn er an diesem das Geschäft nicht offen haben würde, wovon hätte er sich und seine Familie ernähren können? Wiederholt hatte er daher schon seiner Frau erklärt, wenn es dazu kommen würde, daß der Wochenmarkt auf Samstag verlegt würde, so würde er gezwungen sein, sein Geschäftslokal auch am Samstag zu öffnen, das wäre er sich und seiner Familie schuldig und allen denen, gegen die er Verpflichtungen habe. Ebenso oft hatte seine Frau ihm erklärt, daß sie nie und um keinen Preis das Geschäftslokal am Sabbat betreten werde und mit Zuversicht hoffe, daß auch-er sich nie dazu entschließen werde. -Dies waren die ersten, aber zuweilen recht ernsten Differenzen zwischen den beiden Gatten. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wSchentlleh zweimal, Mor.tag* und Dimnerstags. jedesmal >n mindestens zwei Dogen Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher Man abonnirt ganzjährlich. halbjährlich oder vierteljährlich Alle Buchhandlungen und P.stämtcr ncbnren Bestellungen an. — Der Buchhandel verkehrt durch < ... Nonpareillezeile oder deren Raum, pro Jahrgang für Dcutsckland und Expedition. Stellesuchende und sonstige Interessenten können auf Wunsch die jeden Dienstag und Freitag erscheinende »Kleine AuSgabe deS Israelit" vier Wochen lang gratis und franco erhalten. Wünscht man den Empfang der »Kleinen Ausgabe" längere Zeit, so kann man sich für 25 Pfennige das Vierteljahr indcß ausschließlich bei der Post auf dieselbe unter Nr. 3033 abonnircn Auf Wunsch stunde« wir die Zahlung des JnferttonSbetragS an außer Stelle Befindliche bis nach Erlangung einer solchen. Iahst« Rückblick auf das Jahr 5M3. - Zeitungsnachrichten u. 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