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Der Israelit · 1903-12-03 · Heft 96 (3.12.1903) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 96 (3.12.1903)
Date
1903-12-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2121 k t „Schmutziger Jud!" flüsterte er. Doch plötzlich änderte fich der Ausdruck seines Gesichtes. Er batte in der Brusttasche des offenstehenden Rockes des Schläfers eine etwas hervorstehende Brieftasche wahrgenommen. Vorsichttg neigte er sich zu ihm nieder und vorsichtig, ohne daß der Betreffende auch nur das geringste davon merken konnte, zog er die Brieftasche heraus. Er öffnete sie. Sie enthielt sechs. Zwanzig-Kronen-Roten, vier Zehn-Kronen-Noten und zwei einzelne Kronen. Außerdem einen Brief, adressirt an Herrn Heinrich Müller in K., und vier Visitkarten mit dem gleichen Namen. Einen Moment schien der Gauner zu überlegen, ob er die Brieftasche in die eigene Tasche oder in die des Eigentümers zurücklegen solle, doch er entschloß sich zu letzterem, und wieder hatte der Schläfer es nicht gemerkt. Bald darauf jedoch erwachte.er, richtete sich auf, knöpfte Weste und Rock zu, rieb sich die Augen und erblickte jetzt erst den zweiten Passagier, der in die entgegengesetzte Ecke lehnte. „Mir scheint, wir kommen gleich nach B. Haben wir dort nicht längeren Aufenthalt?" „Der Zug hält dort eine halbe Stunde, ich aber fahre nicht weiter, ich steige dort aus," erwiderte der Arier. Noch einige Minuten' rasselte der Bummelzug weiter, dann ertönte ein schrilles, langgedehntes Pfeifen, die Wagenreihe hielt, die Schaffner riefen die Station und rissen die Thüren auf. Aus demerwähnten Koupee sprang der eine Passagier hinaus. Ein paar Schritte ging er den Perron entlang, dann fuhr er mit der Hand in die Vrusttasche und schrie plötzlich mit aller Kraft seiner Lunge laut auf: „Ich bin bestohlen! Meine Brieftasche ist fort! Hilfe! Hilfe! Herr Kondukteur! Herr Stationschef! Ich bin bestohlen! Hilfe! Hilfe! Herr Stationschef!" Eine größere Anzahl Menschen hatte sich um ihn gesammelt, unter ihnen der Stationschef, alle schrieen durcheinander. „Sind Sie im Zug bestohlen worden?" fragte der Stationschef. „Freilich im Zug, dort im letzten Koupee bin ich gesessen, nur ein Jud' ist bei mir gewesen, der muß mir die Brieftasche gestohlen haben. — Schauen's! jetzt grad will er aussicigen!— Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!" schrie er noch lauter und mehrere der Umstehenden wiederholten seine Schreie: „Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!" " Ehe der ahnungslos Aussteigende sich dessen versah, war er von Menschen umringt und festgehalten. „Laßt mich los! Laßt mich los!" schrie er, indem er die Angreifer von sich abzuwehren strebte. „Was wollt Ihr von mir?" - . „Dieb! Dieb!" hallte es ihm von allen Seiten entgegen. Und da war auch schon sein Reisegefährte und der Stationschef- undall die andern. „Das ist der Dieb!" schrie der Erstere.' „Derfst .^'-.<- Jud, gib mir meine Brieftasche heraus! Kein anderer r als der Jude ist mit mir im Koupee gewesen,er muß?^ sie haben!" ' ■ Leichenblässe überzog das Gesicht des Beschüldigb^ len. „Ich bin kein Dieb!" stammelte er, ^ich habe keines Brieftasche gestohlen!" . ... ----- „Lügner!" schrie der Andere, indem er auf ihn -zu-. sprang, ihm den Rock auseinander riß und. die Brieftasche aus der Brusttasche zog. ...... „Das ist meine Brieftasche! mein Eigentdum!"'^ schrie der Jude und wollte sie dem Gauner entreißen^ Dieser hatte sie jedoch dem Stationschef übergeben? „Ich will vor aller Welt beweisen,, daß die Briefs) tasche mir gehört!" -schrie er. „Sie alle haben -gesehen,-» ~ daß ich sie jetzt nicht aufgemacht habe, und stoch, werde-,^'9 ich Ihnen sagen, was sie enthält." :; „Das werden Sie nicht können!" rief der^igen-^'' thümer, „das weiß nur ich." 9' Hi-S Der Gauner lachte laut auf. „Ich sollte nicht wissen, was ich in meint Brieft ' - i tasche gesteckt habe? Das kann nur ein dummer Jud . behaupten. Erstens befinden sich in meiner Brieftasche . Vsechs Zwanzig-Kronen-Noten, zweitens vier-IeHnE» kronen-Noten und drittens, zwei einzelne Kronem" WgMl Sprachlos vor Entsetzen starrte der Verdächtigte^.^ ihn an, ein unartikulirter Schrei entrqng sich seinen..H Lippen. i j:’1. Der Stalionschef hatte indessen die .Brieftasche-"- geöffnet und den Inhalt in Augenschein genommen. . j,($ä stimmt." sagte er, „hier nehmen Sie -Ihr - Eigenthum.". . " . Aber der Jude, der noch immer vergebens von ihn'-' - Haltenden sich loszurcißen suchte, schrie laut auf:-"' „Geben Sie's ihm nicht, mein Eigenthum ist's.m mein!" . ' > - Allgemeines Hohngelächter antwortete ihm.9^?. „Red' keine Dummheiten, Jud! Wie hätte er.-denir^-H-- wissen können, was darin ist?" „Er muß gesehen haben, wie ich das Geld hinein----* that. Er soll sagen, was außer dem Geld darin ist!"' ‘ /-5-4 „Auch das will ich Ihnen sagen,".'berse^te>d^r Gauner lachend, „außer den hundertzweiundsechzig i.t.y Kronen befindet sich ein Brief darin, an Heprn Hein-; ^'^ rich Müller in K. und vier Visitkarten, gleichfalls aus^') -- meinen Namen lautend." . r:. U"Mu'uun „Stimmt alles, Herr Müller," sagte der Station^--^ chef, „hier nehmen Sie-Ihr Eigenthinnr"« jjf/£ Jdj#-- „Besten Dank. Herr Stationschef,"' en^gegnrt^ der Gauner, indem er grüßend den' Hut lüftete.- „Laßt's^« den Juden laufen," rief er sten Leuten-zü^Äe^- '.nochiH? immer den sich wie.rasend'Geberdenden/'^iestest,'' bin zufrieden, daß ich. mein--Geld Habe-,' ^weiter chill nichts,".und raschen Schrittes eilte er [fr?

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