Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1903)
- Date
- 1903-12-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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2118 hat. bk Religion gänzlich negiert. Und die Partei, die die Religion auf ihre Fahne geschrieben hat, ist zugleich die 'Partei der Reaktion. Und daß unser Hohenzollernkaise, der Hort des Protestantismus, einen Freund des verstorbenen Papstes sich nennen durste, ist auch erst eine Errungenschaft unserer Zeit. Im Westen hat ein kühner Minister mit starker Hand den Fehdehandschuh ergrifsm und scheint fest entschloffen. die Religion als eine Privatangelegenheit des menschlichen Gemüihes ganz aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Uird die (5 ntrüstung, die der Trierer Schulkampf in liberalen Kressen hervorrief, lebt noch in Aller Erinnerung. — Zn diesem welthistorischen Kampfe, m. H., auf wessen Seite stehen wohl da unsere Sympathien? An uns geht die Frage, die wir uns Orthodoxen nennen, Orthodoxen sogar strengster Observanz. Stehen wir in Frank reich mit unseren Sympathien auf Seiten der Klerikalen, in Preußen auf Seiten der „Germania"? Rein, m. H., das thun wir nicht, wir, die wir gleiche wohl mit Stolz eine konfessionelle Realschule unser eigen nennen, der es sogar sehr gut gehen soll. Und dennoch ist dies kein Widerspruch. Wo5l kann außerhalb de.u jüdischen Bekenntniskreifes der einseitige Sieg irgend einer Konfession nicht wünschenswertst erscheinen. der ja doch nur auf Kosten der Freiheit und Wissenschaft geschehen würde. Eine Religion, deren wesentlicher Zweck nur darin gipfelt, die Art der Gottesperehrung zu regeln, hat mit dem öffentlichen Leben nichts gemein. Wehe aber, wenn dasselbe Urtheil auch über das Judenthum gefällt wird, wenn man so wahnwitzig wäre, auch dem Judenibum seinen Ort in die d.inkle Seite des Gemüthes zu weisen, wenn es irgend etwas im Leben gäbe, das der Jude nicht mit dem Maßstabe seines Judentums messen müßte, wenn es ui?§ nicht sonnenklar wäre, daß das Judenthum selbst eben kein Glaube, sondern Wissenschaft, kein Cerenwu'.aldienst, sondern Lebensgesetz ist. M. H! Diesen Jrrthum. man hat ihn begangen, man begeht ihn heute noch, und diesen Jrrtbum werden wir als Leitmotiv finden für die wichtigsten Erscheinungen der Gegenwart. Freilich war dieser Jrrihum erst möglich, nachdem man das Judenihum leformirt hatte; in dem .alten, unverfälschten Judenihum war er ausgeschlossen. O, in diesem alten Judenihmne. wie es. Gott sei Dank, in unserem Kreist noch weiter lebt, gibt es keinen Gegensatz zwischen Glauben und Wissen, denn das Judenthum selbst ist ie. untere Wissenschaft, da gibt es keinen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Leben, denn das Judentbüm ist z-wkich Gesetz.' Da griff die Reform ein. Ihr entsprachdos durch das Gesetz gereaelte Leben zu wenig dem Leben der Völker Europas.^ denen man stch durch die Emanzipation plötzlich genähert süblt^ Draußen im Leben sollte man gar sicht merken, daß Jemand ein Jude sei. Um dkS zu erreichen, mußte das Judenthum abgeflacht werden. Da vollbrachten die Refo rm he-lden die That Descartes', freilich in anderem Sinne: Sie trennten Glauben und Wissenschaft im Kreise des Judenthums. Sie entkleideten die Wissenschaft ihres göttlichen Urprungs und wiesen ihr nur noch ein historisches Interesse zu. Gott aber, den sie der Wissenschaft geraubt hatten, nahmen sie in die Synagoge, in deren engem Raume stch künftig das ganze, einst so blühende Mische Leben abspielen sollte. Wir werden spater untersuchen, wie es. menschlich gesprochen, Gott in der Synagoge erging. Sehen wir nun erst, welches Schicksal die gottlose Wissenschaft hatte. Hier drängt sich uns fast unwillkürlich der Vergleich auf, daß, wahrend für die nichtjüdische Wissenschaft die That Descartes' eine Erlösung bedeutete und diese Wissenschaft nun erst den rechten Aufschwung nehmen konnte, der Mischen Wissenschaft hingegen durch die Reform der Todesstoß versetzt wurde. Sofort erlosch alles Leben in dieser Wissenschaft. Sie wurde nicht weiter fortgesetzt. Wozu auch? Galt sie doch als das Machwerk von Menschen, die zwar in ihrer Zeit hervorgeleuchtet hatten, nun aber längst überholt waren. Durch keinen einzigen neuen Gedanken hat die Reform die jüd. Wissenschaft gefördert. Es begann eben die Zeit, da man nur noch Schriften über die Wissenschaft schrieb. Das Alter der einzelnen Bücher Mosis wurde genau untersucht, die Fehler, die stch angeblich eingeschlichen hatten, korrigirt und geistreiche Vermuihungen über den wirklichen Verfasser angestellt. Der ganze Talmud wurde als kindische Spielerei erklärt, worin unter vielem Spreu und Wust nur hie und da sich ein Weisheitskorn befinde. Für dieses ganze widrige Treiben nun hatte man seine Vorbilder bei nichtjüdischen Gelehrten. Sowie man das L e b e n dem der Nichtiuden angeähnelt hatte, versuchte man es auch mit der Wissenschaft. Soll doch der große Zunz sich geäußert haben, daß nicht eher die Juden wahrbast emanzivirt werden wurden, als nicht ihre Wissenschaft emanzipirt worden wäre. Jüdische wie nichtiüdische Gelehrten wetteiferten demgemäß, ihren Witz an den heiligen Schriften zu üben, und kein Einfall war zu geschmacklos, als daß man ihn nicht in einem unglücklichen Vers hatte unterbringen können. Ein Beispiel hierfür genüge. Sie alle kennen das herrliche Deborahlied. „diese Perle der Poesien aller Zetten", wie der Direktor Hirsch Vst es nennt. Es ist sa die niLvn für ntea Dort heißt es im 8. Verse: *£ >? °'-D e-n-r. Zu deutsch: .Da es - Israel — sich neue Götter erkor, da war der Krieg an den Tboren." Dieser Vers bietet eine Schwieriakett, denn Krieg heißt bekanntlich gewöhnlich .ner^s. Dies gibt nun einem Gelehrten, sein Name ist mir leider entfallen, Anlaß zu folgender Leistung. Er nimmt ein 1 Blei in die Hand und beginnt zu überlegen. heißt