Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1903)
- Date
- 1903-12-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2117 Ausdruck. Er hat aber auch das Gut der Väter als Besitz zu erwerben: Diese Thätigkeit zeigt sich in seinem Verhältniß der Religion gegenüber, die von Geschlecht zu Geschlecht forterbt. Der Körper wiederum ist der Träger des Geistes, und nur selten kann dem Körper ein Uebel widerfahren, ohne daß nicht zugleich der Geist in Mitleidenschaft gezogen wird. Ist doch die ganze moderne, soziale Frage bekanntlich im letzten Grunde eine Magenfrage. Schließlich gibt es dann auch ein Gebiet, in dem, wie wir später sehen werden, die merkwürdige Verbindung von Geist und Körper, wie. sie beim Menschen thatsächlich besteht, auch deutlich hervortritt. Schwieriger ist schon die Frage nach einem Leitmotiv, und wir werden etwas weiter ausholen müssen, um in's Reine zu kommen. Fangen wir beim Ei der Leda an. Es ist ein oft wiederholter Gedanke, daß das Leben eines Volkes ganz dem Leben des Einzelmenschengleicht, dessen Verbindung mit Seinesgleichen ja ein Volk bildet. Roh noch und ohne Kultur sind die Völker, wenn der Genius der Geschichte sie auf die Bühne führt. Furchtbar gährt noch die Kraft des Individuums, kocht über in Mord und Gewaltthat, und will sich nimmer dem Gesammtwillen unterordnen, der vergebens nach Ausdruck ringt. Da wird die Religion die Retterin des Staates, seine zweite Mutter, da Roth die erste gewesen. Sie, die tröstend den Furchtblick des Einzelnen vom flammenden Wetterstrahl und rollenden Donnerschlag, von peinigendem Leid und blassen: Tod zu einem höheren Wesen gelenkt, das in all diesen Erscheinungen zum Ausdruck kommt, sie lehrt nun auch einen Jeden, dem Herrscherbefehl des Dynasten sich zu unterwerfen, den eben dasselbe Wesen zum Oberhaupt, gewissermaßen zum Stellvertreter auf Erden bestimmt. Im Namen der Religion schließen sich die Stämme zum Volk, und im Namen der Religion wird Recht und Sitte gelehrt und verbreitet. Aber die Völker sind undankbare Kinder und ihre Mutter wird je älter, desto launischer. Die Völker wachsen heran, ihr Verstand entwickelt sich, und bald merken sie, daß die Religion nur ihre Aftermutter gewesen, mit der sie einen grimmen Kampf eröffnen. Aber die Religion ist auch stark. In dem Ansturm gegen die althergebrachte Religion, der furchtbare Sittenlosigkeit und Entnervung zur Folge hat. bricht das ganze Alterthum zusammen, jedoch in seinen Trümmern begräbt es zugleich seine Religion. Eine neue Religion vermag diesen Trümmern nicht zugleich auch neues Leben einzuhauchen, erfüllt aber die kraftstrotzenden Recken des Nordens mit dem . Impuls zu immer neuen Thaten und lehrt sie zugleich , auf den Trümmern des Alterthums festgefügte Staaten zu errichten. Allein bald wiederholt sich dasselbe Schauspiel der Empörung gegen die Religion, die Politik und Wissenschaft ihrem verhaßten Joche beugt. - Machtstolze Kaiser zersplittern ihre Kraft und ihr Genie an dem spitzen Fels der Kirche, sie schwinden dahin und die Kirche besteht. Ganze Volksstämme erheben ihr Panier zu begeisterungsvollem Kampfe, durch Feuer und Schwert werden sie vom Erdboden vertilgt und die Kirche besteht. Die aber schließlich den Sieg erringen, das sind zwei einfache Männer: Martin Luther und Rens Descartes. Martin Luther erschüttert das weltliche Reich der Kirche, Rens Descartes stürzt die Scholastik. Politik und Wissenschaft sind befreit. Noch e i n grausiger Kampf und die Entwicklung nimmt ihren Gang. Immer unabhängiger machen sich Politik und Wissenschaft von Religion, ja die Wissenschaft begnügt sich nicht mehr, sich ihrer Freiheit zu erfreuen, große Männer bedecken vielmehr in ihrem Ra-, men die Religion mit geistreichem Spott und Hohn und ihre zündenden Lehren kommen schließlich zum Ausdruck in der gewaltigsten Bewegung, die die Geschichte kennt: In der großen Revolution. M. H.! In dem Zeitalter dieser Revolution stehen wir-heute noch. Das Unglück wollte, daß die Religion sich mit der Völkerknechtung verbunden hatte, Freiheit nur im Lager der Aufklärung zu finden war. Und als nach dem Sturze des größten Herrschergenies vielleicht aller Zeiten, Europas Könige sich an die Wiederherstellung der alten Ordnung machten, da trat die Religion im Bunde mit der Reaktion auf und ist es leider seitdem vielfach geblieben. Die sog. heilige Allianz suchte die Religion wieder in die Politik einzuführen, die Romantiker wollten auch die Wissenschaft ihr öffnen. Die Aufgabe des 19. und unseres Jahrhunderts scheint es nun zu sein, was die Reaktion verdorben, wieder gut zu machen. was die große Revolution mit stürmischer Hast in zwei, drei Jahren gethan, aus dem Wege langsamer Entwicklung für die Dauer zu erreichen. Die Revolution hatte die Juden emanzipirt: Allmählich gelangte auch unsere Zeit dazu. Die Revolution hatte die weltliche Herrschaft des Papstes gestürzt: Unsere Zeit brachte die Einigung Italiens. Die Revolution hatte durch das Gewaltgesetz des Maximums das Elend der Armen zu lindern, gesucht: Langsam gibt sich unsere Zeit eine soziale Gesetzgebung. Verweisung der Religion auf ihr eigentliches Gebiet, die Regelung der Beziehungen des Menschen zu Gott, das ist die Devise unserer Zeit, und es laßt sich nicht leugnen,-.daß diese De-' vise historische Berechtigung für sich in Anspruch nehmen kann. Wir haben die ganze Weltgeschichte darzustellen versucht als einen Kampf der Völker um ihr Dasein erst im Bunde mit der Religion, dann gegen die Religion. Schwer rächt sich der innere Widerspruch, an dem die herrschende Religion krankt, die keinen ungetrübten Monotheismus aus dem Judenthüm herüber-, genommen Hai. Deßhalb muß die Wissenschaft gegen sie ankämpfen, und sie wird den Sieg erringen. Schon ist es so weit, daß die größte fortschrittliche Partei, die erst jüngst bei den Wahlen so gewaltige Erfolge erzielt