Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1903)
- Date
- 1903-12-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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mals zurück zu greifen auf die überholte Zeit, nochmals zu prüfen, da die Tage der Prüfung vorbei? Wahrlich, von solchen Gesichtspunkten geleitet, erscheint mir die ganze Rede wie ein greller Anachronismus, wie ein anw nach rrs»! Allein trotzdem, m. H., ist dem nicht so, hat vielmehr gerade jetzt ein Rückblick seine volle Berechtigung. Der narn wn hatte einen Jeden in Israel aufgefordert, zu prüfen, wie er selbst, für seine Person, zu Gott, zur Welt und den Menschen stehe und hatte in erster Linie das Gefühl der persönlichen Verantwortungsschwere mit größter Lebendigkeit wachgerufen. Anders wir heute. Es ist Sache in erster Linie, losgetrennt von den Persönlichkeiten, die wir heute beleuchten wollen, beleuchten von dem hehren Stande, auf den die ewigen Ideen unseres Judenthums uns setzen. Und für dieses Vorhaben ist es gut, daß wir erst den Monat Tischri haben verstreichen lassen. Denn haben wir diesen wunderbaren Monat, den wir heute beschließen, im Geiste unserer Thora verlebt, so haben wir in kräftigen Zügen von dem Borne der Heileswahrheiten geschöpft, die allein uns an diesem Abend Wage und Richtschnur sein sollen. Freilich wird es-nicht immer gelingen, von den Personen gänzlich zu schweigen, denn die Personen sind die Träger der Handlungen und haben -sie zu vertreten. Aber ruhig wollen wir sprechen und sachlich, wie es sich nach vierwöchentlicher Ueberlegung geziemt, und wollen auch nie vergessen, daß das Jahr schon todt ist, und daß man von Tobten manirlich reden muß. — Kaum haben wir nun die erste Frage zur Roth beantwortet, so kommt uns schon eine zweite entgegen. Was wollen wir eigentlich behandeln? Die Welt ist groß und ein Jahr ist lang. Wie Vieles kann sich nicht in einem solchen Zeitraum ereignen. Und täuschen wir uns nicht. Wenn wir sagen, vom jüdischen Standpunkte wollen wir die Dinge betrachten, so vermag uns dies durchaus keine Beschränkung aufzulegen und noch lange keinen festen Rahmen zu gewähren. Weltumspannend ist der Begriff des Judentums, umspannend und durchdringend. Sehen Sie sich das Buch des Judcnthums an, den Talmud! Weßhalb ist er ein so buntes Allerlei, wie seine Tadler nörgelnd bemerken, seine Schüler staunend bewundern? Die ganze Welt zieht der Talmud in sein Bereich, - und ist denn die Welt etwas anderes. . als ein buntes Allerlei von Erscheinungen und schreienden Gegensätzen? So müssen wir denn freiwillig uns Grenzen sehen, die unser Thema an sich nicht veranlaßt. Wir wollen allerdings nur spezifisch jüdische Angelegenheiten bebandeln, wohlverstanden, nicht weil wir von jüdischen Ideen ausgehen, sondern weil unsere Zeit gemessen ist. Und nicht einmal alle jüdischen Angelegenheiten wollen wir betrachten, vielmehr nur die, welche, wenigstens für unser Empfinden, im Stande find, die Anschauungen weiter Schichten innerhalb der Judenheit zu beleuchten. oder die vom Wohl und Wehe vieler Millionen uns künden. Erwarten Sie von mir nicht viel neues, denn es ist schon gar oft über diese Dinge geschrieben und gesprochen worden, und ich bin bescheiden genug, zu gestehen. daß ich keine Lust verspüre, wo Große schon gesprochen. auch noch meinen Sens herzugeben, oder, wie ein Sprüchwort sagt, mit Erbsen zu schießen, da Kanonen abgefeuert werden müßten. Rur ein Weniges will ich Ihnen bieten. Zusammen wollen wir nach einem Leitmotiv suchen, das etwa den Hauptereigniffen zu Grunde liegen mag, und wollen dann diese Ereignisse selbst, soweit Gott es uns gibt, mit einer gewissen Anmuth zu gliedern unternehmen. Manche Ereignisse liegen schon abgeschlossen vor uns. manche noch nicht, und demgemäß werden wir Heiteres sowohl, als auch Wehvolles zu berichten haben, wie ja auch un- . sere Weisen sagen, alles, was als werdend geschildert wird — wi — ist von Leid durchzogen und oon Thränen getränkt, und nur, was die Geschichte als bereits vollendet uns malt — rrm — ist wahrhaft froh und erfreuend. Und dann noch eins, m. H.! Sollten wir vielleicht im weiteren Verlauf eine Ansicht äußern, die dem einen oder andern nicht genehm ist — erzürnen Sie sich nicht, denn man kann vieles vertragen, wenn man nur weiß, daß es eine ehrliche Ueberzeugung ist. die man anhort und besten Falls widerlegt. Also nach einem Leitmotiv wollen wir suchen und die Ereignisse anmuthig zu gliedern unternehmen. Glauben Sie nicht, daß das ein unnützes Thun und ein müßiges Gerede ist. Versucht denn die ganze sog. Wissenschaft etwas anderes? Es sucht der Philologe nach dem leitenden Sprachgedanken und stellt die gefundenen Schätze, in Paragraphen eingetheilt. in den grammatischen Schriften dar. Der Geschichtschreiber sucht nach der Idee des Jahrhunderts und schildert Geschehenes in kunstvoller Erzählung; und auch der Naturforscher lauscht nur den bestehenden Erscheinungen die scheinbar ewigen Gesetze ab. Ja, jedes echte Gedicht, was ist es eigentlich anders, als der Ausdruck eines edlen Gedankens in anmuthiger Form. Und das inzige Gebiet, wo der Mensch in seinem Selbstdünkel md Wissensdrang ein Höheres erstrebt, die Philosophie. sie ist bis auf den heutigen Tag die Geschichte, der Irrungen der Menschheit geblieben. Indem wir ms also in unserem Thun mit den besten Geistern eins wissen, bemerken wir gleich, daß die Gliederung nicht chwer fallen kann. Es sind menschliche Handlungen, ne unserer Betrachtung unterliegen, und nichts ist . räher, als auf diese Handlungen dieselbe Eintheilung :• il>r übertragen, die beim Menschen selber angeht. Der; Mensch aber ist ein Doppelwesen, ist Geist und Körper, ltnd dieser Geist hat offenbar zwei Funktionen; er hat.,^ orlchend sortmfchreiten in der Kenntniß des Wahrenr. ,! Diese Thätigkeit kommt am deutlichsten in der eigen!- tidjett Wissenschaft im engsten und besten Sinne zum -,u