Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-10-16 · Heft 81-82 (16.10.1903) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 81-82 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449964--59218-2523755
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

, V k 44. Jahrgang. ■>■&>* Neue Irrlehren. f Von i S. M. Mvlarrred Frankfurt a. M., 12. Oktober. Voretcha mehr als Jahresfrist kündigten die Führer des linken Flügels des Zionistenkongresses die Gründung eines „Jüdischen Verlages" an. Der „Jüd. Verlag" sollte ein Culturcentrum innerhalb des Juden-" thums iverdck Uno die Juden des Ostens mit denen des Westens in'geistige Verbindung bringen. Daß dieser Verlag entstehen.werde, konnte jeder, der den politischen Zionismus seit seinen Anfängen aufmerksam verfolgte, vöraussehen. Der Gründung des jüdischen Verlages ging ein Prozeß, ein sogenannter Kulturkampf voraus, und auf jedem der ersten fünf-Kongresse kam dieser Kulturkampf zum Vorschein. Die Herren Jung-Juden forderten vom Kongresse eine Subvention für jüdische Hoch- und Mittelschulen, die Unterstützung jüdischer Künstler u. s. w. Der Kongreß mar aber nicht dazu berufen. jüdische Kunst zu fördern, er hatte vielmehr eine andere Aufgabe, die jedem Freund wie Gegner des Zionismus bekannt sein dürfte. 'Die Herren Jung-Juden, ob.der Hartnäckigkeit und des künstlerischen Unvermögens der Kongreß-Delegirten "erbost, gingen nun an die Arbeit, selbst etwas zu schaffen, was der jüdischen Kultur wohlthun könnte. Und so entstand der „Jüd. Verlag." Die Bekanntmachung von seiner Entstehung rief seiner Zeit in verschiedenen jüdischen Kreisen Bestürzung hervor. Man wußte nicht, was diese Kulturwächter anzufangen gedenken. Die Zeit war dazu am wenigsten geeignet, um den großen, jüd. Massen für dieses Unternehmen einen Beifall abzugewinnen, da die Juden heute, um uns im Geiste der heil. Schrift auszudrücken, lebten nass xv-n :in brtpn pne. Aber ohne Vertrauen der Massen ist wohl nichts anzufangen, und das wußten die Herren Verleger genau. Um das erstrebte Ziel zu erreichen, ging man an die Veröffentlichung der Werke jüdischer, volksthümlicher Dichter.- So erschien in einem Jahre ein jüdischer Almanach, ein Werk, welches der Menge Beifall fand. Bald batten . die Herren des jüdischen Verlags ihr Ziel erreicht, aber der Bär hockt nicht freiwillig - im Käsig: Man mußprogrammatisch bei der Arbeit Vorgehen, wenn man die Juden, dieses hartnäckige und widerstandsfähige Volk, „kultiviren" will. Gedichte und Bildwerke macht noch bei weitem keine Kultur aus. Und was thun? Vor mir liegen jetzt zwei vom betreffenden Verlag herüusgegebene Schriften. Ein Vortrag Dr.! ' ' . *• ... -;- * - L— - . . ■ - Nathan Birnbaums über „Achad Haam" unk eine „Skizze" über „die Entstehung des Judenthüms". Es ist mir nicht jetzt möglich, an dieser Stelle den Achad Haamismus zu besprechen, da man keinen Elephantenkopf durch ein Nadelöhr durchdrücken kann, denn der Stoff ist gar zu groß. Hier soll nur die zweite'Schrift, „Die Entstehung des Judenthums", besprochen werden. . Ohne daß man das Schriftchen gelesen, hat, muß cs die Aufmerksamkeit eines jeden Juden auf sich lenken. Die Entstehung des Judenthums, eine „Skizze", mit der üblichen Vor- und Nachrede, 70 Seiten, dazu im Format einer Rödelheimer „Tefiloh". Hei, hei, das ist doch einfach zum Tollwerden. Mit einer' gewissen Furcht und Ehrfurcht vor dem Genie des Autors machte ich mich an die Schrift. Ich bin Jude und weiß, daß ich meines Judenthums halber vielfach leiden muß. Es war mir nun interessant, die Wiege meiner Leiden, zu sehen. Ich glaubte, daß jede kleine Seite dieser kleinen Schrift über dieses riesengroße Problem mindestens 500 Zeilen und jede Zeile 600 Worte enthalten, wird. Das wäre sicher ein bibliographisches Wunderwerk. Gibt es doch kleine Thorarollen solcher Natur. Ich setzte nun meine Augen in sechs Doppelfenster und noch andere Vergrößerungsinstrumente brachte ich zusammen, um nur das Lesen dieser wundersamen Schrift zu ermöglichen. Aber als ich die erste Seite aufschlug-,-, war ich ganz enttäuscht. Kein bibliographisches Wunder mehr, sondern eine Schrift, wie tausend anders Jetzt wurde, ich erst recht neugierig. Ich schaue noch? mals auf das Vorderblatt und lese: „Die Entstehung' des Judenthums," Skizze von Lublinski. Jetzt glaubte -ich, jeder Gedanke enthalte einen genialen Gedanlenflug und ging nun än's Lesen. Und lese im Vorwort.' Da die Judenfrage die Welt zum Narren machte und über dieselbe viel Mystik ausgebreitet werde, schien es" dem Autor daher jetzt an der Zeit zu sein, dieser Närrischmacherei einmal mit durchaus antimystischen, ökonomischen Geschichtsbetrachtungen zu Leibe zu rücken. . Er wolle nur den richtigen Weg, anbahnen, einen Fingerzeig geben, wie man auf diesem Gebiete etwas' Positiv-Systematisches zu Tage fördern könnte. Ich - begrüße Sie. Herr Lublinski, als:.Geschichtsforscher» und Neligionsphilosoph. Ich lese weiter.. Die ersten ' zehn Seiten eine Schimpferei über Salomon, dann eine tiefsinnige Erklärung über die Entstehung des" Christenthums und des Sozialismus,- ein paar Sähe weiter eiye lange. Auseinandersetzung über-die -Politik ^und. - Staatsverfaffung der alten Römer.,-dann.ein ällge-- meiner Ueberblick über den Handel Und die Geldwirthsckaft im Alterthume, eine geistreiche Bemerkung, daß der Nazarener niemals gelebt hätte, endlich wieder über

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.