Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 81-82 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Unser Oberrabbiner ist vierundzwanzigmal so gescheitst, als ich. Er brauchte nur drei Stunden, um auf diesen Gedanken zu kommen, und ich hatte zweiundsiebzig dazu n'öthig." VI. Alle Beliebtheit und Verehrung des neuen Oberrabbiners war nicht groß genug, um die Widerwärtigkeiten und Unannehmlichkeiten zu überwinden, -die sich an seine Stellung als Vorsitzender der Steuer-Kommission knüpften. Von den idealen Zeiten und Menschen, die gern Steuern und zwar unerschwinglich hohe Steuern zahlen, war man auch im damaligen Prag weit entfernt. Der Vorsitzende einer Kommission, welche die Steuern unter die verschiedenen Gemcindemitglieder gerecht vertheilen wollte, war dem Hatz und der Verfolgung Aller ausgeseht. Während die Stelle des Oberrabbiners unbesetzt war, hatte der Rosch hakohol diese dornenvolle Stellung provisorisch, inne. Wenige Tage, nachdem Rabbi Jom tob Lipman Heller installirt war, sollte ihm auch dieses Amt definitiv übertragen werden. Er behielt sich jedoch vor, daß diese Uebertragung für einige Zeit verschoben werde, bis er selber einen Einblick in das ganze Geschäftsgebahren der Kommission gewonnen habe. Zu diesem Zwecke erbat er sich das Recht, alle Akten zu studiren und den Sitzungen ohne berathende und beschließende Stimme eine Zeit lang beiwohnen zu dürfen. Der Oberrabbiner überzeugte sich bald, daß er hier Schwierigkeiten. Hindernissen und Gefahren gegenüberstehe, denen er ohne besonderen Beistand Gottes nicht gewachsen war. Die Kommission bestand aus den 17 reichsten Mitgliedern der Gemeinde; die Armen hatten keinen Sitz und keine Stimme. Deßhalb lag im allgemeinen die Tendenz vor, die Armen zu Gunsten der Reichen hoch zu besteuern oder jedenfalls höher, als es recht und billig war. Die Armen supplirten Jahr ein, Jahr ans über zu drückende Besteuerung, fanden aber kein Gehör. Die jüdische Gemeinde hatte ihre eigen: Polizei, ihr eigenes Gefängniß, hatte außerdem noch den Gemeindebann und andere Mittel, um die säumigen Zahler anzuhalten und machte von diesen Mitteln harten, rücksichtslosen Gebrauch. Es war eben eine barte Zeit, in der man die Anwendung harter Mittel für statthaft, ja für unerläßlich hielt. Die Gemeinde mußte die auferlegten Judensteuern pünktlich abliefern. Jede Lässigkeit hätte verhängnißvolle folgen für sie gehabt, sie müßte also hart Vorgehen. Das wäre nun ganz in der Ordnung gewesen, wenn diese Strenge allen gegenüber angewendet worden wäre. Aber die reichsten Mitglieder der Gemeinde. die Sitz und Stimme in der Kommission hatten, hatten ein Interesse daran, sich gegenseitig durch die Finger zu sehen. Dabei gab es fast kein einziges steuerndes Gemeindemitglied, das sich nicht über den auferlegten Steuersatz beschwerte, wenn auch ohne Aussicht auf Berücksichtigung, so doch in der Erwartung, wenigstens nicht höher besteuert zu werden. . . Diese eigenartigen, complicirten Verhältnisse bedeuteten eine fortwährende Versuchung, welcher die Redlichkeit, der Charakter und alle mcnschengefellschaftlichen Tugenden unablässig ausgesetzt waren. Wenn nicht jeder diese schwere Versuchung bestand, wenn Hehlerei, Unausrichtigleit, Denunciaiion und Geschäftsneid ihre Opfer forderten, so ist dies gewiß betrübend, aber es ist menschlich und deßhalb begreiflich. Ebenso verständlich ist es aber auch, wenn ein so makelloser, goldlauterer Charakter, wie es derjenige des neuen Oberrabbiners war, sich von diesem Treiben abgestoßen fühlte und von dem festen Vorsatz beseelt war, hier Wandel zu schaffen. Aber ein einziger unbeugsamer, redlicher Charakter bedeutete eine Kriegserklärung gegen sämmtliche Mitglieder der Kommission, also gegen die angesehensten Mitglieder der Gemeinde. Als daher in der ersten Sitzung, welche der Oöerrabbiner präsidirte, er eine neue Einschätzung in Vorschlag brachte, weil die Begüterten und besonders die Kommissionsmitglieder verhältnißmäßig gerade am wenigsten hoch eingeschätzt seien, so erhob sich ein Murren gegen diesen Vorschlag und den, der ihn gestellt hatte, das eigentlich nie wieder verstummte. Man wußte die Frömmigkeit, Redlichkeit und Charakterlauterkeit als treffliche Tugenden eines Oberrabbiners wohl zu würdigen und würde sie gewiß nicht bei ihm vermissen wollen. Aber der Inhaber dieser Tugenden sollte sie hübsch auf sich beschränken, sollte damit nicht bei anderen dafür Propaganda machen und sollte die glücklichen Besitzenden damit nicht aus ihrer Ruhe auf-' stöbern. Ein Oberrabbiner, der sich aber aus diesen haushälterischen Gebrauch seiner Tugenden nicht verstand und es" so furchtbar ernst mit ihnen nahm, der' hatte unter diesen Umständen Alle zu Gegnern. Selbstredend waren die Herren am grünen Tisch in Prag Diplomaten genug, ihre Fäuste nur in der Tasche zu machen, in ihrem äußeren Auftreten und Benehmen von Verehrung und Liebenswürdigkeit gegen den Oberrabbiner überzufließen., aber an der Sache selbst änderten diese'äußeren Formen nichts. Man ging äußerlich sogar auf die Sache ein. jeder betonte, daß er nur Recht und Gerechtigkeit wollet man solle eine neue Einschätzungsliste ausarbeiten, wenn dieselbe die Lasten gerechter als bisher vertheite. so wolle man sie mit Dank annebmen. Eine solche Liste auszuarbeiten, gründlich und gerecht, erforderte Zeit und Arbeit, der sich aber der Oberrabbiner gern unterzog. Ein balb-s Jabr war bereits seit der Installation des Ober-Rabbir>ers in's Land gegangen. Die feind-,, lichen Trubpenmaffen zogen sich immer dichter um Prag zusammen. In der jüdischen Gemeinde war durch den. Tod des greisen Leiters der weltberühmten