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Der Israelit · 1903-10-16 · Heft 81-82 (16.10.1903) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 81-82 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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durch allerlei Betheuerungen und Klagen Mitleid. Wie sich nachträglich ergab, sei dieselbe getauft, katholisch' und bekennt sich neben diesen beiden Eigenschaften selbst als Antisemitin. Als man ihr in einem hiesigen jüdischen Hause-nichts abkaufte, schimpfte sie über Juden und Judenthum. Die Schwindlerin ist ungefähr 35 Jahre alt, mittelgroß, hat blasses Gesicht, schwarzes Haar und trägt ein graues Jaquet. Ein Verhaftenlassen wäre hier am Platze. Ich selbst habe Anzeige wegen Betrug gemacht. Lehrer Lehmann, Vorsitzender der Armen-Unierstützungskasse. Sprechsaal. Bezugnehmend auf Ihren Artikel aus '„Straßburg", das Circular des elsässisch-lothringischen Rabbinerverbands enthaltend, muß es Wunder nehmen, daß wohl von dem Fehlen der Unterschriften, der Oberrabbiner die Rede ist, aber nicht angegeben wird, wieso es gekommen, daß die Oberrabbiner, insbesondere der Oberrabbiner von Straßburg, Herr Uhry, das Circular nicht unterzeichnet haben. Es dürfte sich empfehlen, von dem Elsässisch-Lothringischen Rabbiner-Verbande Aufschluß zu bekommen, unter welchen Umständen die Verweigerung der Unterschrift zu Stande gekommen ist. x. . F e u i l l e t o n. lallt %m tri Hum Wer. 71 Von Heinrich Lebermann. Wenn ein Blitz unter die drei Männer gefahren wäre, so hätte er nicht konsternirender wirken können, als diese in gehobenem, feierlichem Tone gesprochenen schlichten Worte. Die Deputirten der Prager Gemeinde starrten mit offenem Munde auf ihr geistiges Ober-' Haupt hin, als zweifelten sie, ob dort alles in Ordnung sei. Der Statthalter gewann zuerst die Fassung und das Wort wieder, indem er halb vorwurfsvoll, halb ehrerbietig zu dem Qberrabbiner sprach: «Wißt Ihr auch, was Ihr da gesagt habt? Mir. mir allein legt Ihr die Erhaltung und den Fall Prags ln die Hand? Und verbürgt Euch dafür mit Eurer Person? Wenn ich nun damit Ernst machte und Euch' sofort als Geißel hier zurück behielt, um Euch an Gut und Blut zu strafen und zu lohnen, je nachdem sich Eure Prophezeiung als Wahrheit oder als Lüge erweist, waS dann?" ' „Wenn Ew. Königliche Hoheit die Juden am Sabbat von der Arbeit freisprechen wollen, so bin ich bereit,' sofort als Geißel hierzubleiben, die Zustimmung meines Vorstandes vorausgesetzt. Aber es bedarf dessen nicht. Hier oben, fast eine Wegestunde von der Judengaffe entfernt, würde mir die Führung des Rabbinats sehr erschwert. Ew. König!. Hoheit aber können mein Haus mit einem Doppelposten besetzen, um meiner sicher zu sein. In Wirklichkeit kann aber auch dieses unterbleiben. Es liegt mir nichts ferner, als mich der Verantwortlichkeit zu entziehen, die ich durch meine Worte übernommen habe. Ich wiederhole daher mit der ganzen Kraft meiner Ueberzeugung, daß das Schicksal Prags in der Hand Ew. Königl. Hoheit liegt, und daß ich mit Gut und Blut für die Wahrheit dieser Worte eintrete." . Der Ernst und die Entschiedenheit, mit welcher diese Worte gesprochen wurden, ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, daß der Sprecher sich ihrer Tragweite vollkommen bewußt war. Erregt stand der Statthalter von seinem Sitze auf. ging nachdenklich mehrere Minuten in seinem Audienzsaal auf und ab, setzte sich dann an seinen Schreibtisch und warf einige Zeilen auf ein Papier, das er dann dem Nosch Hakohol mit den Worten übergab: „Gebt diese Weisung dem Vicestatthalter Rudolph Waldstein, sie dispensirt die Juden von den Lefestigungsarbeiten am Sabbat und an Feiertagen. Ihr beide seid Zeugen, daß Euer Oberrabbiner sich mir mit Gut und Blut verbürgt hat- Ihr seid mir dafür verantwortlich, daß ich seiner jeder Zeit habhaft werden kann. Ihr seid in Gnaden entlassen." Weit über die Prager jüdische Gemeinde hinaus hatte dieses wunderbare Vorkommniß die Geister und Gemüther beschäftigt. Alle Welt pries die Weisheit, die aufopfernde Frömmigkeit des neuen Führers der Prager Gemeinde. Die große Masse brachte die Prophezeiung des Oberrabbiners mit seiner großen Kenntniß der Kabbala in Verbindung. Aber auch die einsichtigen, nüchternen Köpfe, die an einen solchen Zusammenhang nicht glaubten, versuchten vergeblich, das Geheimniß zu enthüllen. Keiner dachte darüber angelegentlicher nach, als Raphael Beck. Die ungewöhnliche Popularität, die der Oberrabbiner sofort errungen, kam ihm sehr ungelegen. Er hätte'sie wenigstens gerne geschmälert, indem e.r aller Welt erzählt hätte, woher dem Rabbiner diese Wissenschaft geworden sei. Am dritten Tage, als er sich wieder zurückgezogen und sein Gehirn mit dem Problem zermartert hatte,-kam's ihm wie eine Erleuchtung. Er schlug sich mit der Hand vor den Kopf: „Die Sache ist ganz einfach: Hält sich Prag, wenn die Juden nicht arbeiten, so ist bei der Garantie nichts riskirt, dann wird's dem Rabbiner nur Anerkennung und Ehre einbringen. Fällt aber Prag, trotz des Dipenses der Juden, so fällt ja der Statthalter auch, und er kann dem Rabbiner nichts mehr anhaben, wenn sich seine Prophezeiung nicht erfüllt hat.

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