Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 81-82 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1770 Abermals brachte ein vereinigter Sängerchor ihrem Chef und Direktor Sängergrütze vor. Später vergnügte man sich beim Tanz. Der Tag wird allen Theilnehmern eine liebe Erinnerung sein. Messel, 9. Ott..' Das „Darmstädter Tagblatt" schreibt: Am 15. Oktober d. I. begeht der älteste Einwohner hiesiger Gemeinde und das älteste Glied der israelitischen Religionsgemeinde, Herr Lob Merkel, seinen 90. Geburtstag. Derselbe ist geboren am 15. Oktober 1813 zu Messel, trat am 1. April 1834 in den hessischen Militärdienst und war 22 Jahre 7 Monate ununterbrochen in demselben; er machte den Feldzug 1848/49 in Baden mit, schied am 24. Oktober 1856 aus dem Militärdienste aus und wurde als Bahnwärter in Grotz-Linden bei Gießen angestellt, welchen Dienst er 16 Jahre zur größten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten versah. Am 1. Jan. 1871 wurde er als Weichensteller nach Vilbel bei Frankfurt versetzt, wo er bis zu seiner Pensionirung am 1. Mai 1878 verblieb und dann wieder hierher zurückkehrte. Herr Merkel 'erfreut sich trotz seines hohen Alters noch ziemlich guter Gesundheit. . Wir empfehlen diese Notiz der „Staatsbürger- Zeitung" zum freundlichen Abdruck. Schlochmr, 11. Okt. Die antisemitischen Hetzereien haben hier zu einem abscheulichen Todtschlag geführt Ein jüdischer Schriftsetzer Levi aus Warschau ist nach Mittheilung des „Berliner Tagblatt" in einer Herberge von vier Einwohnern des Ortes gehänselt und, als er ihnen das Vaterunser nicht vorlesen konnte oder wollte, schwer mißhandelt, und nachdem er schon bewußtlos war, in einen Stall geschleift worden, wo man ihn am anderen Morgen todt fand. Die Thäter, Nachtwächter Vergin, Schuhmacher Gräber, Tischler Stutzke und Schlossermeister Halm, sind bereits von der Staatsanwaltschaft vernommen worden und dürften eine schwere Strafe erhalten, da sie sich nicht allein der schweren Körperverletzung, sondern auch der gröbsten Gotteslästerung schuldig gemacht. haben. . - H o. t l a rr d. Haag, im Okt. (E in eil nt er redung mit de m - russischen I u st i z m i n i st e r üb e t di e V ö rg8 nge in Kischinew.) Der „Frkf. Zeitung" wird'geschrieben: In der Frühstückspause des Schiedsgerichts gewährre mir der russische Justiz- ' minister Herr von Mnrawjew eine Unterredung. Der Minister, sagte:'/' ', ' . ~ ' * „Seit zwei Monaten bin ich abwesend und daher über die jüngsten Vorgänge nicht genügend unterrichtet, um darüber reden' zu können. Ueber Dinge, die' mein Ministerium'nicht direkt angehen, werde ich Ihnen überhaupt nichts sagen." -— Die Rede kam nun auf Kischinew. „Eine Menge von Unwahrheiten," sagte der Minister, „sind über die dortigen Vorgänge verbreitet worden. Fast jedes Wort, das man in den Zeitungen liest, ist falsch. Es sind, dies Unruhen gewesen, wie sie überall Vorkommen, wo heterogene Elemente dicht gedrängt zusammenwohnen. Es ist der Plebs, der Aufruhr macht. Ich versichere Ihnen, daß die Voruntersuchungen mit größter Unparteilichkeit und Genauigkeit vorgenommen wurden. Zehn Untersuchungsrichter ersten Ranges waren mit der Sache betraut. Solche Stöße von Akten (der Minister machte eine entsprechende Bewegung) sind nach Petersburg gekommen und Tag und Nacht ist gearbeitet worden. In Kürze, wahrscheinlich noch im Dezember, werden die Verhandlungen vor dem Gericht von Odessa stattfinden, da^ * öiettetdjt auch zu diesem Zweck in Kischinew selbst etabliert. Es wird ein erhöhtes Gericht sein, dem außer den drei Richtern und den Geschworenen noch der betreffende Adelsmarschall, der Bürgermeister der Stadt und der Vorsitzende'der Bauerngemeinde beigegeben ist. Beide Parteien werden voll Gelegenheit haben, sich zu äußern, und sie haben -ihre Vertheidiger. Die Anklage geschieht öffentlich, ebenso der Gerichtsbeschluß; allerdings werden die R-*athungen ihres nach außen aufreizenden CharaUecs wegen mit beschränkter Oeffentlichkeit stattfinden. Wir haken für ein solches Verfahren Präzedenzfälle und das russische Recht läßt es zu. Uebrigens geschieht ein Aehnliches auch bei Ihnen in Deutschland. Aber ich habe das größte Vertrauen in die Unparteilichkeit der Richter, dafür bürgen mir ihre Namen." Die Zeit des Ministers war hier bis zum Aeußersten in Anspruch genommen; er hatte daher, um die Unterredung überhaupt möglich zu machen, die Liebenswürdigkeit, in Begleitung des hiesigen russischen Ersten Gesandtschaftssekretärs v. Schelking bei häßlichem Wetter die mit Pfützen bedeckten Straßen der Altstadt zu Fuß zu durchwandern und bestieg nun seinen uns nachfolgenden Wagen. Rußland. Petersburg. Fast regelmäßig erscheint in Begleitung einer jeden Judenhetze gewissermaßen als Dämpfer die Nachricht von neuen Judengesetzen in Rußland. Verschiedene Blätter bringen darüber folgende Nachricht:' ' . „Der russische Minister des Innern hat 'sich in einem Zirkularschreiben an dje Gouverneure des Weichselgebietes und den Oberpolizeimeister von Warschau gewandt unb sie aufgefordert, ihm in kürzester Zeit ihre Erwägungen über die Unzulänglichkeit der. bestehenden Gesetze über die Juden zugehen lassen, da die Regierung, eine Verbesserung, keine vollständige Umarbeitung der Gesetze über die Juden plane.. Im Ministerium des Innern ist bereits im Laufedes Som-