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Der Israelit · 1903-11-26 · Heft 94 (26.11.1903) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 94 (26.11.1903)
Date
1903-11-26
Page
– (sequence 31)
Language
German
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2098 einzuschreiten, erwiderten, daß keine diesbezügliche Ordre ertherlt wurde. Viele Juden find zu mir gekommen, um mir Geld und Schmucksachen zur Aufbewahrung zu übergeben; Schutz konnte ich ihnen leider nicht bieten. Vors.: Waren die Juden bervaffnet, die zu Ihnen kamen, oder chatten fie irgend welche zum Angriffe dienende Werkzeuge oder Gegenstände mit sich? Zeuge: Die Juden waren derart eingeschuchiert und verzweifelt, daß fie wie Schatten wandelten, und fie erschienen gänzlich hilflos. Von einer Vewafjnung kann keine Rede sein. Staatsanwalt: Haben die Juden mit den Christen sonst in Eintracht und Frieden gelebt? Zeuge: Soweit ich mich seit meiner frühesten Kindheit erinnern kann, hat in ganz Bessarabien das beste Einvernehmen geherrscht. Wenn einmal vorgekommen ist, daß irgend ein Moschke (vulgärer Mischer Name) einen Ivan (russischer Name) übervortheilt hat. so hat sich der Zorn des Ivan gegen den Moschke allein gewendet, und es war niemals eine Bewegung von Christen gegen Juden zu bemerken. Erst seitdem der „Bessarabeh" zu erscheinen begann, verbreitete sich allmählich der Judenhaß, und auch da nicht unter der ansässigen Bevölkerung, sondern hauptsächlich unter der fluktuirendcn Masse der Handwerker, denen die jüdische Konkurrenz unangenehm ist. In dieser Klasse ist auch der „Vessarabetz" sehr verbreitet und viel gelesen. Die Moldavannen, die Stammbevölkerung Bessarabiens, find den Juden wohlgesinnt gewesen, und find gewohnt, von ihnen mit größtmöglicher Achtung zu sprechen. Die zahlreichen gegen die Juden erlassenen einschränkenden Gesetzesbestimmungen haben vielfach dazu beigetragen, ihr bürgerliches Ansehen und ihre Stellung in den Augen der christlichen Bevölkerung herabzusetzen, so daß man in manchen Kreisen anfing, fie wie Parias und außerhalb der Gesetze stehende Leute zu betrachten. Trotzdem aber wäre der Hatz gegen die Juden in den besseren bürgerlichen Klassen niemals dazu gelangt, daß Exzesse gegen fie veranstaltet werden, wenn nicht in ven. erwähnten Handwerkerkreisen, welche auf den „Beffarabetz" geradezu schwören und dessen Behauptungen wie Orakelsprüche aufnahmen,.die systematische Aüsreibnng geübt worden wäre. — Auf die Frage über das Verhalten der gebildeten Stände unter den Christen während der Unruhen antwortet der Zeuge, baß diese ganz theilnahmslos dem Unglück der Juden gegenüber sich stellten. Es sei ein Plan bei den Plünderungen genau zu bemerken gewesen. Die Mutter des Dr. Dubina. deren Haus stch in der Nahe einer jüdischen Wohnung befindet, hatte bemerkt, daß eine Bande Exzedenten -in ihr Haus emdringen wollte, und machte ihnewVorwürfe, daß sie nicht zwischen einem jüdischen und christlichen Hause, unterscheiden. Hierauf zog einer der Mordgesellen ein Notizbuch aus der Tasche, suchte nach und sagte: „Dein Haus ist Nr. 7, bei uns ist es eingetragen als Eigenthum eines Juden, du mußt daher den Jrrthum verzeihen, und im Uebrigen sei sicher, es wird dir nichts geschehen." Die Sitzung wurde nun unterbrochen. Die nächste Verhandlung findet Samstag, den 21. ds. Mts', statt. K i s ch i n e w, 21. November. Die Zeugenaussage des Bürgermeisters K. A. Schmidt wird fortgesetzt. Vertheidiger Schmakow läßt durch den Vorsitzenden an S ch m i d t die Frage richten, ob ihm bekannt ist, daß die Juden den ganzen Handel von Kischinew und Umgebung an sich gerissen haben. Zeuge Schmidt: Eine große Anzahl der größeren Handelshäuser u. der größte Theil der kleineren Geschäfte ist aus ganz natürlichen Gründen in jüdischen Händen, da den Juden fast alle Wege abgeschnitten find, außerhalb der kommerziellen Thätigkeit ihre Existenz zu finden. Mit Ackerbau und selbst mit Pachtungen von Landgütern dürfen sie stch nicht befassen, und seitdem namentlich von den Dörfern und Grenzorten die Juden ausgewiesen werden, sammeln sie sich in den von der'Grenze entfernteren Städten in größeren Massen an und sind, um nicht Hungers zü sterben, darauf angewiesen. Handel zu treiben. Auf weitere Anfragen, ob er Beweise dafür habe, daß die Exzesse vorbereitet warim, erzählt der Zeuge, daß zwei Weiber, die im Nathhause beschäftigt sind, ihm gemeldet hätten, daß vor dem Osterfeste unbekannte Leute zu ihnen kamen und sie über alle Einwohner ihrer nächsten Nachbarschaft ausfragten, ob dort nur Christen oder auch Juden wohnhaft seien. Die Unbekannten vergewisserten sich auch darüber, daß die ausgefragten Weiber selbst Christinnen sind. Letztere wandten sich hierauf an Schmidt um eine Aufklärung. An den Ostertagen wurde es klar, was die Fragen bezweckt hatten, da die genau ausgezeichneten christlichen Wohnungen übergangen und in denselben nicht eine Fensterscheibe zertrümmert wurde. In Bezug auf Kruschewan fügt Schmidt hinzu, daß er vom ehemaligen Vicegouyerneur und Zensor Ustrugow gehört habe, daß in Kruschewans Blatt oft Verleumdungen und Erdichtungen gegen die Juden von der Präventivzensur gestrichen wurden. Kruschewan aber habe stch in der Regel daran nicht gehalten.. Trotzdem ist Kruschewan niemals wegen Uebertretung des Preßgesehes durch die systematische Aufhetzung gegen die Juden auch nur ein Haar gekrümmt worden. Als zweiter Zeuge wird General B e ck m o n vorgernfen, der während der Ausschreitungen den ihn um Hilfe anflehenden Juden jede Unterstützung verweigert hat, indem .er sich darauf berief, daß ohne Befehl des Gouverneurs seitens des Militärs gegen die Exzedenten nichts geschehen könne. Der Zeuge gesteht, daß . am 19. und 20. April in Kischinew mindestens 8000 Mann

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