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Der Israelit · 1903-11-26 · Heft 94 (26.11.1903) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 94 (26.11.1903)
Date
1903-11-26
Page
– (sequence 30)
Language
German
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201*2 'iid\>rPiiirTir1<ftiwi^riiTnMffiWiniiinTn<^iifrn^Y^ttrfiiriiWryT^ i Eide der Juden kein Vertrauen schenken könne. Der Statsanwalt entgegnet hierauf, daß er zum ersten Mal eine derartige Insinuation gegen die Juden vernehmees sei ihm nicht bekannt, daß seit Einführung der neuen Prozeßordnung, im Jahre 1870, jemals behauptet worden sei, daß der Schwur des Juden, nur wenn er in der Synagoge geleistet werde, Geltung habe. So viel ihm bekannt sei, haben die Juden leine an sich heilige Stätten, sondern jeder Ort, an weichem der Jude Gott anruft, gelte als heilig. Der Vertreter der beschädigten Juden, Advokat Karabische w s k i . erklärt, daß die jüdischen Zeugen trotz der im Anträge der Verteidigung liegenden schweren Beleidigung bereit seien, um nicht die geringsten Zweifel über ihre vollkommen mitder Wahrheit übereinstimmenden Aussagen aufkommen zu lassen, den Eid unter allen verlangten Zeremonien und Feierlichkeiten in der Synagoge ab.zulegen. Der Gerichtshof verwirft den Antrag der Verteidigung. Die Zeugen werden nun in sechs Gruppen nach einander beeidigt. An die jüdischen Zeugen hält Rabbiner Abraham G o t t! o f k e r die vorschriftsmäßige Ansprache, in der er üe auf die Heiligkeit des EideS aufmerksam macht. Bei der Vereidigung der christlichen Zeugen sagt der orthodoxe Geistliche in seiner Ansprache unter anderm: „Ihr kennet doch den Hauptgrundsatz unserer Religion: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"; daS Prinziv: ..Aug' um Aug', Zahn um Zahn" ist uns fremd." Diese Anspielung machte auf den Gerichtshof sichtlich einen höchst unangenehmen Eindruck. Als erster Zeuge wird der ehemalige Bürgermeister von Kischinew, Karl Alerandrowitsch Schmidt, vernommen, der 27 Jahre lang an der Spitze der Stadtvertretung stand. Er sagt: Kurz vor Ostern verbreiteren stch kn Kkschkneio Gerüchte, daß Exzesse gegen die Juden bevorstehen. Man glaubte .jedoch nicht ernstlich daran. Man erkannte zwar, daß die seit sechs Jahren von Kruschewan im „Bessarabetz" ununterbrochen veröffentlichten gemeinen Beschuldigungen und Verleumdungen einmal zu einem Ausbeute der Leidenschaften führen müßten; man vermochte aber nicht anzunehmen, daß in einer so großen Stadt bei einer wohlorganisirten Polizei und einer Garnison von 10,000 Mann Militär so furchtbare Blutthaten stch vollziehen werden, wie cs am 19. und 20. Avril der Fall gewesen. Am ersten Ostertage, Sonntag, den 19. April, zwischen 5 und 6 Uhr Nachmittags, machte ich einen Besuch bei einem Bekannten, Viktor Sinadino. Während ich dort war, hörte ich in der Nähe Klirren von Fensterscheiben, worauf ich vermuthete. daß Ausschreitungen gegen die Juden thatsächlich stattfinden. In. großer Aufregung begab ich mich nach Hause: unterwegs traf ich schon größere Haufen von Burschen, welche die Häuser und Läden von Juden demolirten. Als ich in mein Haus trat, erzählte mir meine Familie, daß man auch unser Heim demoliren wollte, aber ein Offizier sei an die Exzedenten herangetreten und habe ihnen den Rath ertheilt, an das Nachbarhaus stch zu wenden, da in diesem Hause der Bürgermeister logire. Ich blieb darauf in meiner Wohnung, die ich bis Dienstag Morgen nicht verließ. Gegenüber meinem Hause sah ich, wie die Exzedenten die Geschäftsläden der Juden im Hause des Dr. Großmann verwüsteten. Meine beiden Söhne, die an den Tagen der Krawalle viel in der Stadt herumgingen, erzählten mir herzzerreißende Vorfälle und schilderten die furchtbar grauenhaften Blutthaten. So erzählte mein älterer Sohn, er habe an der Ecke der Alerandrowskaja und Michaelyowskaja eine Bande getroffen, die sich laut rühmte: „Vor einigen Minuten haben wir einen verfluchten Juden blutig geschlagen, so daß er bereits im Sterben liegt." Mein Sohn sprach den Erzedenten in's Gewissen; da wollten sie auch über ihn herfallen und sagten: „Der ist wohl auch ein Jude, sonst würde er uns keine Vorwürfe machen und uns loben." Mein Sohn war ganz entsetzt über diese Mcrdgier und schrie die Leute an: „Ihr gemeinen Kerle, ist euch nicht genug, daß ihr einen Juden gemordet und ausgeplündert habt, daß ihr auch einen Christen iodtscklagen wollt? Ich bin ein geborener Christ, und daher habe ich auch mit. anderen Menschen Mitleid! Selbst mit wilden Thieren mutz man Mitleid haben, um so mehr mit Menschen, die, wie wir, von Gott geschaffen sind!" Die Exzedenten standen ganz verblüfft bei diesen Worten meines.Sohnes und fragten ihn höchst erstaunt: „Hast du denn den „Bessarabetz" nicht gelesen, der alltäglich darüber schreibt, wie die Juden den Dubossary, den Christenknaben, ermordet und sein Blut ausgetrunken haben?" — „Aber das ist ja schon längst amtlich widerlegt und als niederträchtige Lüge bezeichnet worden," erwiderte mein Sohn; habt ihr denn die Berichtigung im „Bessarabetz" nicht gelesen?" — „Was geht uns die Berichtigung an!" erwiderten die Leute, «wir haben gehört, die Juden hätten sich verabredet, alles abzuleugnen, was im „Bessarabetz steht." Der Bürgermeister erzählf ferner, daß sein jüngerer Sohn in der Alexandrowskaja in der Nähe der Kiliskigasse gesehen habe, wie eine Gruppe von Plünderern jüdische Frauen und. Mädchen mißhandelte; er wandte sich an einen Offizier des in der Nähe befindlichen Militärdetachements mit der Bitte, den Unglücklichen Hilfe zu leisten, . es geschah jedoch nichts, erst später kam eine andere Truppenabtheilung vorüber und zerstreute die Bande. Im. allgemeinen hat. der Zeuge beobachtet, daß-die Polizei stch wahrend der Ausschreitungen konsequent weigerte, zu. Gunsten der geplünderten und mißhandelten Juden zu.interveniren. während die Offizier der in zahlreichen Detachements auf den Straßen postirten Truppen auf die dringenden Bitten,

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