Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 94 (26.11.1903)
- Date
- 1903-11-26
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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Werte Anlage z« J* 94 des Lsraelit.^ A« pcszeß gegea dir KWarmr Llttdestk«. Kischinew, 19. November. Das Verhalten der Polizei den überfallenen Juden gegenüber wird durch folgende Thatsache gekennzeichnet: Es ist doch bereits bekannt, daß unter den Polizeikommissären, die den Mordihaten mit verfchränkten Armen zusahen, der Oberkommissar Solonkin des zweiten Kischinewer Stadtbezirks sich durch sein aufreizendes Benehmen besonders bemerkbar machte; dieser Mann (der, nebenbei bemerkt, nicht nur seines Postens nicht enthoben, sondern sogar — offenbar als Auszeichnung fiir seine Verdienste an den schrecklichen Tagen — befördert wurde), hat die ganze Zeit kaltblütig dem furchtbaren Vernichtungswerke zugesehen und den ihn kniend um Hilfe anflehenden Juden jede Unterstützung versagt. Er vergaß aber nicht, seine Taschen mit jüdischem Hab und Gut zu füllen und vollzustopfen, und eignete sich ganz offen in den geplünderten Wohnungen und Hausern alles an, was ihm von Werth schien. Auf diese Weise trug Solonkin unter anderm auch drei Kisten sogenannter „Zawjalower" (nach der Fabrik genannte Messerscheiden) aus dem Gewölbe des Chajkel Paskary am Neuen Markt davon. Vergebens fragte dieser nach seiner Maare; er erhielt immer eine verneinende Antwort, und nun stellte es sich heute heraus, daß kein anderer als Solonkin selbst es war, der diese Messerscheiden bei sich versteckt hatte. Ein Jude bot heute diese Maare zum halben Preise an, und als Paskary hiervon erfuhr, erkundigte er sich bei diesem Hausierer, woher er zu dieser so billigen Maare käme, und nun stellte es sich heraus, daß es seine Maare sei, die der Polizeioberkommissar bei ihm erbeutet hatte. Weitere Nachforschungen ergaben, daß diese Messerscheiden von Solonkin selbst dem Hausirer zum Kaufe angeboten wurden. Besonders charakteristisch für die herrschenden Zustände ist jedenfalls der Umstand, daß trotz der Rathschläge seitens der sich derzeit in Kifchinew aufhaltenden juristischen Anwälte Paskary nicht zu bestimmen ist, Solonkin zur Verantwortung zu ziehen, da er in dem Polizeioberkommissar den allmächtigen Mann erblickt, der ihn auf Schritt und Tritt verfolgen kann. . Den . ersten Punkt der morgen beginnenden Verhöre bilden die Ermordung des Realschülers Baranowitsch unddann der Familienväter D r achmann, Galanter u. s. w. Im Richterkollegium befindet sich Iwan Semigradow, ein Mann, der in Kischinew als wüthendster Antisemitenfuhrer bekannt ist. Der Gerichtshof designirte als Vertreter der! Angeklagten folgende Rechtsanwälte: Maljisky, Oschorja, S ch m i t t o w und Schurjary. Einer derjenigen Rechtsanwälte, die sich weigerten, die Vcrtheidigung der Mordgesellen zu übernehmen, Rechtsanwalt H e l l m a n n, erklärte dem Vorsitzenden ohne Rückhalt: Er sei.zwar der Konfession nach Christ, könne aber auf keinen Fall die Mörder seiner Brüder und Stammesgenossen in Schutz nehmen. Für die Dauer der Gerichtsverhandlungen wurden aus dem Kischinewer'Kreise 40 polizeiliche Unteroffiziere (Urjadniks) und ein ganzes Korps Gendarmen noch Kischinew wegen Aufrechthaltung der Ruhe herangezogen. Der Gouverneur Fürst Urussow hat gestern sämmtliche hiesigen Polizeibeamten vorgeladen und ertheilte ihnen die strengste Weisung, sie mögen im Interesse der Sache, falls sie an den Krawallen theilgenommen haben, ihre Demission geben, da jeder, der durch das gerichtliche Erkenntniß als Theilhaber überführt werde, des Rechtes verlustig gehe, irgend ein Staatsamt zu bekleiden. Den Verhandlungen in Kischinew werden offizielle Vertreter des Ministerium des Innern und des Justizministeriums beiwohnen. Es wird behauptet, daß der Lieferant für den Ausbau des Straßenpflasters, ein bekannter Antisemit, als eifriger Entlastungszeuge für die Plünderer auftreten wird, es ist dies ein gewisser P ro n i n, der schon zu wiederholtcnmalen seinen ausgesprochenen Sympathien für die Mordgesellen Ausdruck geliehen hat. Kischinew, 20. November. Heute Mittag begann die erste Verhandlung unter Vorsitz des Präsidenten D a w i d o st». Unter den Beisitzern befinden sich: der Adelsmarschall des Kreises Bender, K r u p e n s k i, der Bürgermeister der Stadt Ackermann S ch e l i k o w i t s ch. Seitens des Vertreters der Anklage wurde beantragt, daß die Verhandlungen gegen sämmtliche Exzedenten einheitlich geführt werde und nicht, wie es beabsichtigt war, in 22 Einzelprozessen; dieser Antrag wurde mit der Motivirung vom Gerichtshof abgelehnt, daß eine Zusammenziehung sämmtlicher Prozesse mit Rücksicht auf die große Zahl der Betheilgten zu Verwirrungen führen würde. Die erste Einzelklage betrifft 37 Angeklagte und 53 Beschädigte, wozu 545 Zeugen vorgeladen sind. Nach Verlesung der umfangreichen Anklageschrift schreitet der Gerichtshof zur Beerdigung der. Zeugen. Da erhebt sich der antisemitische Rechtsanwalt S ch m a k o w und verlangt, daß man die Juden mors judaico . in der Synagoge bei schwarzen Kerzen und im Gebetmantel, wie es angeblich in früheren Jahrhunderten üblich gewesen sei, beeidige, da man sonst dem