Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-11-26 · Heft 94 (26.11.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 94 (26.11.1903)
Date
1903-11-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449976--59512-2523714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

'rtiiWfrrifiiiftfr ■? 2064 Schätzen. die wir Juden angeblich aufgehäust haben sollen. Sie klagen, daß wir ne ausgesaugt haben, daß wir schuld sind an dem materiellen Elend, unter dem breite Volksmaffen seufzen, daß wir uns auf ihre Kosten bereichern, daß wir die Früchte ihres Fleißes, den Lohn ihrer Arbeit einheimsen. Es ist daher dom Siandounkte einer gesunden Volkswirthschaft aus durchaus nrihwendig, die Juden zu bekämpfen, es ist ein Postulat der nationalen Wohlfart. sie zu unterdrücken. b rzr: ~zz erzählen uns unsere Weisen. Tie erste Gestalt, die der Engel Esau's Jakob gegenüber annahm. war die der Nationen, das erste Argument, das die Judenfeinde für die Berechtigung ihrer Lehren Vorbringen, ist das nationale Jntereffe, und zwar in doppelter Gestalt. Erstens, wie wir bereits erwähnt, das wirrbs.baftlich? Jntereffe der Nation und zweitens das morolisck-e Jntereffe derselben^ Sie haben nämlich ihre Schuld uns gegenüber in der Weise gezahlt, daß sie uns. die wir der ganzen Kultur der verrauschten Jahrtausende die Richtung gewiesen, die wir ihr nicht den Stempel unseres Geistes, sondern des in uns und durch uns geonenbarten göttlichen Geistes aufgedrückt, als Wesen von untergeordnetem Werthe hingestelli. Sie haben uns Lasten und Verbrechen angedichtet, von denen wir uns frei wiffen, sie haben verschiedene Fehler, die in ihren Kreisen weit eher anzutreffen sind, als in den unseren, als jüdische getauft und erblicken in uns daher gemeingefährliche, der Moral der Völker schädliche Elemente, die auszurotten eine Pflicht der nationalen Selbsterhaltung ist. rrrrp rxwn klagt schon der Prophet, rr^ bv nenin bi-.o sw rtrr.3 c^. Die sog. jüdischen Sünden sind mit eisernem Griffel und mit Schamirnagel eingeschrieben und eingearoben auf den Tafeln der Völkerherzen, die Unsitten und Verbrechen, die man als jüdische bezeichnet, sind in den Kreisen der Nichtjuden in weit größerem Maße verbreitet und demnach crrr.rroa r-rpSv weisen sie auf die Höhenwinkel euerer Altäre bin. als ob ihr allein diesen Lastern opfern würdet. Und da nützt ungar nichts. Es nützen nicht unsere Proteste.— auch nicht wenn wir sie eidlich erhärten — und es nützt nicht das in vielen Kreisen des Judentbums sich geltend machende Streben, so viel als möglich vom Judenthum zu ovfern. Dieses Streben, unter den Völkern aufzugeben, so viel als möglich vom Judenthum abzustreifen. hatte nur die eine Wirkung, daß sie das uns alle umschlinaende Band der Brüderlichkeit lockerte, daß sie Zwietracht säte, deren Ernte die beispiellos zu nennende Entfremdung unter uns Juden wurde. Der Vruder will den Bruder nicht mehr kennen, was umso betrübender ist. als ja das Leid im Allaemeinen eine eber verbindende als trennende Wirkung zu haben pflegt. Nichts kittet Menschen mebr aneinander, als gemeinsam durchlebtes Leid. Nur bei uns versagte die Kraft des gemeinsamen Leides und von dem vielgepriesenen Solidaritätsgefühl der Juden wissen die anderen Völker mehr als wir. Tiefes Streben hatte § ferner die Wirkung, daß sie uns verächtlich werden ließ. Wir verloren unsere Selbstachtung, wir ver- I Icren den sicheren Boden, aus dem wir standen. Turch 4 das tiefe Hinuöerspielen auf uns fremde Kreise verloren j wir den sicheren Blick; durch das ängstli-che Haschen nach allen möglichen und unmöglichen Kulturprodukien der Fremden verloren wir die uns von Gott vorgeschriebene - Richtung, wirwurden scheu und verlegen, wir wagten es nicht mehr, wir selbst zu sein, unser Schritt wurde unsicher und wir wurden verächtlich. Und genutzr hat es uns nicht. Tie Völker schritten ihrem Ziele zu. Und dieses Ziel war. uns unserer Reichthumer zu berauben. b rz~: z~zbz. Die zweite Gestalt, die Esau unserem Stammvater zeigte, war die eines Räubers. Tie Völker beraubten uns unserer Reichtbümer. Sie zerstörten unsere nationale Selbstständigkeit, zerstörten unsere nationale Wohlfahrt und trieben uns von dem ererbten Boden. Und auch in der Fremde fanden wir keine Ruhe. Plünderungen über Plünderungen batten wir zu erdulden, keinen Augenblick waren wir sicher. Und als die Zeit io weit sortschritt, daß man sich schämte, einfach zu vlündern, da entdeckte man tausend andere Mittel, um uns die Lebensadern zu unterbinden. b ncsrn;, ruft man auch heute noch. Man schuf Gesetze, deren Svitze sich gegen die Juden richtet, und welcher Gebrauch von dieser Waffe gemacht wurde, beweist uns ein flüchtiger Blick in die Statistik der Volker, in deren Mitte wir leben. Wir sind arm geworden. An dieser Tbaisache ändert j nichts die andere Thatsache, daß es auch reiche Juden i gibt. Erstens sind diele die verschwindende Minorität. \ und zweitens sind sie meistens keine Juden mehr. Und j nun. da es nichts mehr zu holen gibt bei uns. da begann j ein Ansturm gegen die anderen Reichthumer. die. den ' Stolz eines jeden Juden ausmachen. Man begann. f uns unsere tbeuersten Kleinodien zu rauben, man öe-! gann die zerstörende Arbeit gegen unsere Lehre. Und! zu diesem Zwecke b nci: zzr\ -rzbrz wurden die Völker Schriftgelehrten. Die unermüdliche Arbeit der Bibel-! kritik begann den Boden zu unterwühlen, auf dem wir fußten. Es wurde die Art gelegt an den Lebensbaum j des jüdischen Volkes. Man versucht, die Lehre zu enti göttlichen, sie ihres göttlichen Ursprungs zu berauben.? und uns so auch das Einzige, was uns noch geblieben, den Stolz auf unsere Wahrbeiten zu rauben. Die Bibelkritiker. diese Alchymisten und Astrologen, der * Vibelwiffenschcrft. . wie ich sie einmal geleitet von der Erwäauna. daß die Ehemie und Astronomie in ihren Ursprüngen Alchvmie und Astrologie waren, nannte, versuchen nun zu zeiaen. daß wir nicht das auserwablte Volk und daß wir nicht einmal dieienigen sind, die dev Welt zuerst den Gottesgedanken offenbarten. Und diese '! sog. Gelebrten fanden selbst in Mischen Kreisen Anhänger. Die Namen eines Gratz und eines May. bäum, aus der neuesten Zeit Herr Lu.blinsky.; FS*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.