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Der Israelit · 1903-10-05 · Heft 79-80 (5.10.1903) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 79-80 (5.10.1903)
Date
1903-10-05
Page
– (sequence 31)
Language
German
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von der Gnade des Zaren. Ich kenne-dies! O Weh!" „Aber Sofronow hat ja im Gouvernement Kostrom... «Na! na! Ich kannte schon so Manchen, der in den Gouvernements Jaroslaw und Tombow „tausend Seelen" aber — kein Stück Brod hatte! Wahrhaftig! Das sind Alles lauter Lügen! Geh hin und versucht einmal in Kostrom!" Bedeutungsvoll nickte hier Frau Wtortowska mit dem Kopfe. „Und diese Obersten- und Generals-Pensionen," fuhr sie seufzend fort^ „davon tonnten sie ohne das, was sie — mit Erlaubniß zu sagen — sich sonst — zusammengespartj nicht leben!" „Aber ich bitte Dich, Mama, das ist bei ihnen nichts Unerlaubtes. Denn hierzulande ist schon alles so geordnet, daß Alle ihre Neben-Einnahmen haben, sowohl öffentliche, als geheime. Und zwar Alle ohne Ausnahme!". Trotz dieser Erklärung der Tochter seufzte Frau Wtorkowska und fügte hinzu: „Um diesen Jakob thut es mir dennoch leid! Aber wieder solch' eine Mutter mit Schminkpflastern! Und augenscheinlich denkt er gar nicht daran, sich von seiner Religion loszusagen. Das ist schon eine Unmöglichkeit!" „Ei, Mamachen," sagte Musa, die Hand schwenkend, „wenn ich nur wollte, sagte er sich von Väter und Mutter und Allen los! Aber, siehst Du, Mama, in d e m steckt irgend eine alte Liebe oder Liebelei! Und mit der mag ich nicht kämpfen! Denn so anziehend ist er für mich noch lange nicht. Mein Liebling ist — Heinrich!" „Aber der ist doch verheirathet!" „Allerdings! Aber mit dieser bleichen, hüstelnden Tilda! Mir thut sie von Herzen leid. Aber was kann ich dabei thun? Und sobald dieses Hinderniß beseitigt ist, hält Heinrich sofort um mich an!" „Nur schade, daß diese Birnen noch auf dem Weidenbaume hängen, mein liebes Kind!" „Wir werden ja sehen!" meinte Musa. „Sosronow haben wir ja immer in Reserve!" „Nein!" sagte Heinrich zu seinem Schwiegervater, einige Tage nach der Ankunft von Jakob's Mutter. „Aus diesem Jakob werden wir niemals einen vernünftigen Menschen machen! Eingebildet und eigensinnig, ohne Weltkentitniß, hat er nichts anderes im Kopfe, als talmudischen Fanatismus, Reformträumereien, Meinungen und Begriffe! Ich begreife ihn nicht. Mit den Polen hält er es-mnd ist doch gegen die Revolution, um Beziehungen zu höher gestellten Personen kümmert er sich nicht viel. Immer mit sich allein, sondert er sich ab, wie ein Wilder, und läßt sich weder Lei uns, noch bei irgend Jemand sehen! Ich sage nicht, daß er ohne Fähigkeiten ist. Er hat Kopf genug und auch Herz! Aber dieses ist viel zu weich! Beides zusammen genommen aber gibt eine Mischung, die mir unbegreiflich ist!" „Ich will Dir etwas sagen," entgegnete Tilda's Vater. „In ihm fühlt man noch immer den Judenwust, aus dem ich ihn hetauswälzte. Was' willst Du? Ein einfacher Velfcr lehrte ihn den Talmud, und das haftet ihm ewig an! Er schliff sich ab an der Welt, aber das, was die Schale cingesogen, verlor er nicht!" „Und das ist sehr Schade!" rief Heinrich. „Er' könnte uns sehr nützlich sein, denn er besitzt ein gutes Aeußeres, einen klaren Kopf und viele Kenntnisse. Er präsentirt sich so, daß ihn Niemand für einen Juden hält. Aber beim dritten Worte platzt er damit heraus, wer er ist und wird gar nicht fertig. Mit ihm in Gesellschaft zu sein, ist schrecklich, so leicht kann er einen Menschen komprottiren!" „Allerdings," sprach Herr Samuel. „Auch ich schätze ihn im Grunde.' Aber ich sage Dir,-ich werde ihn zu nichts gebrauchen!" „Solche Leute sind zum Verderben bestimmt. Zu guter Letzt werden sie überall zurückgewiesen. Auch er ist blind und versteht sein eigenes Interesse nicht!" „Na! Und kennst Du die Geschichte mit seiner Mutter?" „Nein! Bis jetzt nicht!" „Kommt da zu -ihm eine alte Jüdin, ich sage Dir, so eine echte. Und die nimmt er auf, schleppt sich mit ihr herum, rühmt sich ihrer, mit einem Wort, er macht Skandal damit!" Heinrich zuckte die Achseln. . „Vis ich ihm offen sagen mußte," fuhr Tilda's Vater fort, „er möge sie mir doch ja nicht in das^Haus bringen!" „O. er wäre im Stande, dies zu thun!" unterbrach ihn Heinrich. „Er ist auch bereit, sie zu mir zu bringen, und wird sich dazu noch eine gute Stunde aussuchen, wenn bei mir die meisten Gäste aus der besten Gesellschaft sind! Hol'ihn der Henker! Denn ich muß Dir 'sagen, trotz all dieser Lächerlichkeiten hat er meiner und Deiner Tilda dermaßen den Kopf verdreht, daß man bei mir zu Hause nicht ein Wort wider ihn sprechen darf!" . „Ach, das sind die alten, kindischen, platonischen Romane," lachte der Vater. ^„Kinderei! Aber um sie zu entzaubern, will ich Dir eine wirksame Arznei, geben!" - - ..Ich gräme mich darüber durchaus nicht! Tilda ist das edelste Weib von der Welt. - Nur vorurtheilsvoü ist sie und hält ihn für einen Heiligen!" „Das ist mir ein schöner Heiliger!" ries lachend der Vater. . . . i ü

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