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Der Israelit · 1903-10-05 · Heft 79-80 (5.10.1903) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 79-80 (5.10.1903)
Date
1903-10-05
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1756 mehr. Denn ich kann Dich doch nicht überzeugen. Aber wenn Du noch an die Wtorkowska denkst, so gib nur auch dort Deinen Hoffnungen Valet!" .Ich?" fragte Jakob lachend. „Ich?!" „Die Leute sagen ..." „Die Leute wissen nicht, was ste schwatzen sollen!" „Nun, aber das kann Dir und Andern noch Verdruß genug machen!" „Wäre dem wirklich so," antwortete Jakob, „müßte ich nicht, um ste zu schonen, die Mutter dort einführen?" Samuel überlegte und sagte dann: „Aber sie selbst wird es gewahr werden! Nun, ich werde mich lange quälen um diese Visite. Aber kommt nicht etwa noch Jemand von der Familie?" fügte er ängstlich hinzu. „Wie mir scheint, ist sie allein! Die arme Frau setzte sich dieser weiten, unbequemen Reise aus, für mich! In ihrem Alter und bei ihrer Schwäche!" „Allerdings!" meinte Samuel. „Hätte sie nur lieber Dich nach'dort berufen, als selber hierher zu kommen, das wäre weit besser gewesen!" Düster blickten sie sich an; sie vermochten nicht, sich zu verständigen und verzweifelten sogar daran. Nachdem er sich von Jakob verabschiedet, ging der 'Gast nochmals in den Salon und hielt sich für verbunden, sich vor der Alten zu verbeugen. Dann entfernte er sich zerstreut mit einem Seufzer. . Unten im ersten Stockwerke ging die Geschichte von der alten Jüdin schon von Mund zu Munde. Herrn Jakobs Diener war innig befreundet, mit Fräulein Wtorkowska's Zofe und Pflegte vor dieser nichts zu verhehlen. Vom ersten Augenblicke an drängte es ihn, ihr sofort seine Erlebnisse anzuvertrauen. Kaum war dies geschehen, so hätte die Zofe nichts Eiligeres zu thun, als diese Klatscherei Frau Wtorkowska mitzutheilen. Und da dies Mädchen ziemlich viel von Paul de Kock gelesen, so schmückte es die Erzählung des Die-, ners noch aus, um sie noch dramatischer zu machen. Unter solcher Redaktion wurde die Szene zu einer höchst Rührenden gestaltet. Frau Wtorkowska eilte damitoffenbar in das Zimmer der Tochter. Emusa lag mit einem Buche auf der Chaiselongue. - „Aber ich bitte Dich!" rief die Mutter ihr von Weitem zu. „davon hat uns Gott noch bewahrt, daß es mit diesem Jakob schon etwas geworden ist! Stelle -DirnurdieseScheußlichkeitvor!".- „Was ist denn mit ihm los?" fragte Musa. „Ist er kompromittirt? Verhaftet? Verbannt?" „Ach was! Dies Alles wäre mir viel lieber! Aber doch welch' eine skandalöse Geschichte. Jan. sein Diener, erzählte sie soeben unserer Therese und diese flog mit der Nachricht zu mir!" „Nun, was ist denn gescheh'n?" widerholte Musa gähnend. „Hör' doch, ich bitte Dich! Heut', vor ein Paar Stunden, hört Jan. daß Jemand klingelt. Jakob war nicht zu Hause. Jan öffnet und steht vor sich — eine alte Jüdin, abgerissen, zerlumpt, klapperig, bleich und elend, mit einem Worte, wie aus der Franziskanergasse. Sie tritt ein und fragt: „Ist der Herr zu Haufe?" Jener antwortet: „Nein!" Sie spricht so gebrochen, daß sie nur schwer zu verstehen ist. „Nein? Aber er kommt doch wieder? Und wann?" — „Weiß ich's!" sagt Jan. „Nun, so werde ich hier warten auf ihn!" ruft die alte Jüdin. Der Diener will widersprechen. Da fällt sie ihm in das Wort, daß man es hier unten hört: „„Ich bin seine Mutter!" — Der Diener, ein verständiger Mann (er liebt unsere Therese), wird ganz blaß und weiß nicht, was zu thun sei. Er will sie die Treppe hinunterwerfen, dann hätte es aber noch größeren Lärm gegeben. Die Jüdin besteht darauf, er muß sie in den Salon führen. Dann kommt Jakob, und es ergibt sich, daß sie wirklich seine Mutter ist. Er nimmt sie bei sich auf. vor Aller Augen, ohne sich ihrer irgendwie zu schämen. Das ganze Haus schwatzt schon davon!' Nun höre! Ich bitte Dich, solch' eine ganz ordinäre Jüdin, wie sie die Mazzen herumtragen! Was soll man mit solchem Menschen anfangen? Da hat er uns einen schönen Dienst erwiesen!" Musa biß sich, auf die Lippen und sagte dann: „Allerdings! Das ist ein sehr unangenehmer Vorfall! Aber was sollte er thun?" , „Ihr geben, was sie verlangte, damit sie nur schweige, nicht aber sich so öffentlich zu ihr bekennen! Das nehmen sie aus, die Zungen, und machen daraus eine Geschichte! Gott bewahre uns!" Gähnend fuhr Musa fort: „Mir ist schon Alles einerlei! Denn ich rechne durchaus nicht auf ihn!" „Mein Gott!" seufzte Frau Wtorkowska, „so ein reicher Mann! — Und doch ein Jude, ein ordinärer Jude!" „Aber Mama. Du hast Dich doch schon für Sofronow ausgesprochen! Wenn e r sich nur erst erklärte!" „Was soll ich denn machen? Hättest Du nur erst einen Mann, ich wäre mit Jedem zufrieden! Mit Sofronow aber, ich bitte Dich, sei sehr vorsichtig! Zunächst darfst Du Dich nicht zu weit mit ihm einlassen, denn er ist ein Russe und ein Rou6! Und diese nehmen es mit dem Gewissen, besonders in solchen Dingen, nicht allzu genau; ihnen ist es ein angenehmes Spielwerk, ein Mädchen unglücklich zu machen; das macht ihnen noch Ehre! Dann aber glänzen sie Alle und sind dabci halbnackt. Und nach einer Polin drängen sie sich nur. um die Beutel zu füllen. Und geschähe dies nur, um sie voll zu erhalten! Aber gleich wird wieder verpraßt, was man gestohlen hat. Und dann faselt man von seinen „tausend Seelen". Aber das ist alles verfchukdet und glänzendes Elend, es lebt nur vom Brode und

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