Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 79-80 (5.10.1903)
- Date
- 1903-10-05
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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Maschinenfabrik eine sehr gute Stellung gefunden, er x sandte seinem Liebchen eine Ueberfahrtskarie und noch hundert Rubel in baar. und bat in den flehentlichsten Worten, Bascha möge doch so bald wie möglich zu ihm hinüberkommen. Nun konnte und wollte der Vater nicht mehr hinderlich sein angesichts der Veränderung, die mit seiner Tochter vorgegangen war, und mit schwerem Herzen willigte er darin ein, daß Bascha ihrem Verlobten in die neue Welt folgte. Frohen Mnthes reiste Bascha ab. Jainkel batte das Schiff genau bezeichnet, der Tag der Ankunft im Hafen von Newyork war ihr von ihm mitgetheilt worden; er wollte schon auf dem Schiffe sein kurz vor dessen Einlauf, damit sie des Genusses des Wiedersehens so früh wie möglich theilhaftig würden.' Wie pochte deßhalb Vascha's Herz, als sie endlich nach langer, langer Fahrt die durch Forts geschützte Statue der Freiheit auf Vedloes Island im Hafen von Newport hochragend erblickte. Wie würde es erst gepocht haben, wenn sie gewußt hätte, daß ihr Jainkel sich bereits feit einigen Stunden auf dem Schiffe befand. Der aber hielt sich hübsch im Hintergründe und hütete sich, von der Geliebten gesehen zu werden. War denn das dieselbe Bascha, die er in Vubnow verlassen? Wo waren die blühenden Wangen, die hellblickenden Augen, die Fülle der Formen? Das war ein abgemagertes, vergrämtes, blasses Mädchen, wie sie hier zu Hunderten im jüdischen Arbeiterviertel herumliefen; - um eine solche Braut zu bekommen, dazu hätte er nicht ^nöthig gehabt, sich aus der'fernen, fernen Heimath eine kommen zu lassen. Je mehr er sie betrachtete, desto mehr mißfiel sie ihm, und sein Entschluß war gefaßt, er ging, ohne sich ihr genähert zu haben und ohne von ihr gesehen worden zu sein. Bascha hatte sich ein wenig erstaunt darüber, daß Jainkel seinem Versprechen gemäß nicht bereits auf dem Schiffe erschienen war, doch machte sie sich darüber'wenig Sorge. So leicht, sagte sie sich, wird das wohl nicht gehen, und an der Landungsbrücke werde ich ihn schon unter -Hunderten herausfinden. Doch auch auf der Landungsbrücke war von Jainkel nichts zu sehen, und bei der Zollabfertigung und auf dem Gesundheitsamt war ebenfalls keine Spur von ihm zu entdecken. Nun fing sie an, ein wenig verlegen zu werden, sie setzte sich auf eine für die Hafenarbeiter bestimmte Bank, und als sie einige Stunden so gesessen -und sich Niemand blicken ließ, fing sie bitterlich an zu weinen. ' Der Blinde soll kurz vor seinem Tode.auf Sekunden sehen können, der Irrsinnige soll vor seinem Ende häufig lichte Augenblicke haben, in denen ihm sein gsn-. zes unglückliches Leben furchtbar zum Bewußtsein kommt, und der normale Mensch hat in Stunden übergroßen Schmerzes einen erweiterten und vertieften Blick, mit dem er die Dinge sieht, wie wenn sie aus einem Schleier enthüllt würden. Vor Bascha's geistigem Auge zog ihr ganzes seitheriges Leben vorüber, und jetzt fühlte sie, daß ihre Liebe zu dem leichtsinnigen Burschen keine echte gewesen, nur diktirt von einer vorübergehenden sinnlichen Anwandlung. Trotz ihres furchtbaren Schmerzes erhob sie ihren Blick dankend züm Allvater und im Bewußtsein dieser neugewordenen Erkenntniß rangen sich die Worte: „Ato chauncn loodom daas umelamed leenosch binoh" unwillkürlich von ihren Lippen. Zwei junge Leute in hocheleganter Kleidung gingen in den Hafenanlagen spazieren und gewahrten das verzweifelnde, betende Mädchen in dem Augenblicke, als ein Polizeimann ihr bedeutete, daß ihres Bleibens hier nicht länger sein könne, da dies der Aufenthalisplatz für die Hafenarbeiter sei. Ein neue: Verzweiflungsausbruch ließ sie beinahe den Entschluß fassen, sich in die nahen Fluthen zu stürzen. Ta näherten sich die beiden jungen Leute dem Mädchen: „Mein Fräulein, wenn wir Ihnen in irgend einer Weise dienen können, so stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung." Das sonst bei Annäherung irgend eines männlichen Wesens so züchtig verschämte Mädchen war in diesem Augenblicke hochbeglückt, daß sich Leute fanden, die sich ihrer annehmen wollten: In' wohlgeordneter Rede erzählte sie, was sich ihr ereignet, und die jungen Leute hatten sofort Gelegenheit, die Schärfe ihres Geistes und ihre große Beobachtungsgabe zu bewundern. „Mein ehemaliger Bräutigam." sagte sie^ „legte ausschließlich Werth auf meine äußeren Eigenschaften, nun diese durch die Sehnsucht nach ihm minderwerthig geworden, verläßt er mich schnöde, — — denn ihr war während ihres großen Schmerzes plötzlich die Erkenntniß gekommen, daß er dagewesen sein mußte und daß sie ihm nicht mehr gefiel. Je mehr die Beiden mit Bascha redeten, desto mehr erstaunten sie über ihren hohen Geist, auch die. Laute der Heimath berührten sie sympathisch, denn sie stammten ebenfalls aus Littauen. Bascha gab nach einigem Sträuben ihr Einverständniß dazu.- daß ihr die beiden Männer in einem feineren Hotel ein Zimmer mietheten und die nächste Zeit für sie sorgten. Nach acht Tagen erklärte ihnen Bascha, sie könne im Interesse ihres Rufes sowohl, sowie in dem ihrer Freunde von ihrer Güte nicht langer Gebrauch machen, sie wolle arbeiten, um sich soviel zu erwerben, daß sie die Rückreise in's Elternhaus antreten könne. Da hielten die jungen Leute mit dem Ausdruck ihrer Gefühle nicht länger zurück. Die Liebe ist etwas in uns selbst Vorhandenes; viele Wasser können sie, wie der weise König singt, nicht auslöschen, deßhalb finden wir. von