Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 79-80 (5.10.1903)
- Date
- 1903-10-05
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Zs! « iüäL t^g**-'» £ 9Q N^ 5. Olt. 1903.| [91*. 44 Lk1»t ♦ Manchmal übertrifft die Wirklichkeit die kühnste Phantasie des.Dichters. Daß aber das reale Leben fa^ einen Musterroman schreiben kann, wie er ohne viel Einbildungskraft, aber auch ohne banal zu sein, von den Volksbibliotheken geliefert wird, das mögen die folgenden Geschehnisse, die uns, als der vollkommenen Wahrheit entsprechend, mitgetheilt wurden, lehren. Bubnow ist ein kleines Städtchen im Gouvernement Minsk in Rußland. Meistens Holzhäuser, wenige aus Stein. Selbst bis hierher in dies abgelegene Nest sind Sozialismus und Zionismus gedrungen und hoben den Leuten die Köpfe verdreht. Meistens bildet der Zionismus ein Gegengewicht gegen den Sozialismus. aber wo es ihm paßt, macht der Zionismus auch mit den Herren Soci gemeinsame Sache, und in unserm Städtchen wußte Mancher nicht, ob er ein jüdischer Patriot oder ein russischer Umstürzler ist. Dem Grobschmied Jainkel ging es ebenso; kam ein Zionistenführer in das Städtchen, so war er bebegeistert für Zion, jüdische Kultur, Herzl und Esrawein. er kaufte dann von den Ueberschüssen aus seinem Verdienste Shares, und die Broschüren voy Nordau. in den Jargon übertragen, guckten kokett MS der Seitentasche seines Kaftans hervor. Kam aber ein Sozialist nach Bubnow, dann waren Zion und Basel vergessen und von selbiger Stund aü nahmen Marx und Lassalle, Bernstein und Rosa -Luxemburg den ganzen Raum in Jainkels Herzen und Brusttasche ein. Rur in einer Sache blieb er konsequent,'mochte er nun beim. Aufstieg in's gelobte Land oder beim Abstieg in's Proletariat begriffen sein. Die Jüdischkeit, die wahre, echte, alte Jüdischkeit hatte er über Bord geworfen. Die drei Abstufungen, die der Prophet so bündig bedeutungsvoll dem sich ewig gleich bleibenden Israel entgegenschleudert: Oswu es haschem, niazu k'dausch jisroel, nosauru ochaur, sie hatten sich auch an Jainkel, dem Bubnower Grobschmied vollzogen. Erst verließ er aus Bequemlichkeit seinen Gott; um das zu motiviren, fing er an, über die jüdischen Gesetze zu spotten, und schließlich kam er so weit, daß er am Sabbat ungenirt mit seiner Papyrosse über die Straße ging. Daß unter diesen Umständen der Rabbiner seine Werbung um dessen reizendes Töchterlein mit aller Entschiedenheit zurückwies, war selbstverständlich.' Selbst wenn er nicht der öffentliche Verächter der Gottesgesetze gewesen lväre, hätte der Rabbiner schwerlich seine Zustimmung zu dieser Verbindung gegeben. Denn Jainkel war nicht nur ein Grobschmied, er war auch ein grober Schmied, wie es das Handiverk num so einmal mit sich bringt, und Bascha war ein feingebildetes Kind, das oft mehr über den Büchern des Vaters lag, als dieser es der schmächtigen Tochter für zuträglich hielt. Jainkel war aber überaus beharrlich in seiner Werbung. er ließ nicht nach, und als trotzdem alle Liebesniüh vergebens war, blieb Jainkel eines Tages verschwunden, kein Mensch wußte, wohin er gegangen. In Bascha's Herz indessen saß Jainkel tiefer, als sie es sich selbst zugestehen wollte, und vom Tage an, da Jainkel dem Städtchen den Rücken gekehrt, wurde Bascha zusehends-magerer und ernster. Trübe Augen, blasse Wangen, und das Herz ach so schwer.' Da bekam sie einen Brief. Jainkel hatte in Newyork in einer UMJJBgMgJ