Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 79-80 (5.10.1903)
- Date
- 1903-10-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1732 Feuilleton. MW Jom tob LiMliii Heller. «r Von Heinrich Lcbermann. „Ich weis; es selber nicht," erwiderte resignirt der Rosch Hakohol. „In unserer Verlegenheit wußten wir keinen andern Ausweg, als den Hinweis auf das Oberrabbinat, das unbesetzt war, und baten um die Gnade, jede Zwangsmaßregel so lange wenigstens zu verschieben, bis der neue Oberrabbiner sein Amt angetieten hat. Es ist nun, von dem allem abgesehen, eine Pflicht des Gemeindevorstandes, den neugewählien Oberrabbiner vorzustellen, üfficnr. es dem Herrn Oberrabbiner recht ist, erfolgt diese Vorstellung noch heute. Ich habe schon gestern Sr. Kgl. Hoheit dem Fürsten die offizielle Mittheilung gemach', daß der Oberrabbiner sein Amt angetreten habe und bereit ist, sich vorzustellen, sobald der Fürst Tag und Stunde des Empfanges bestimmen wird." „Habt Ihr schon die Antwort des Statthalters?" fragte der Oberrabbiner. „Nein," entgegnete der Nosch Hakohol, „aber ich erwarte sie stündlich und glaube sicher, daß wir für heute oder jedenfalls morgen zur Audienz befohlen werden. Zwei Mitglieder des Vorstandes werden Euch dort einführen; ich als Präses und Herr Raphael Beck, der sich der besonderen Gunst des Statthalters erfreut." Bei der Nennung dieses Namens zog eine Wolke über die hohe Denkerstirne des Oberrabbiners, die, so leicht sie auch war, der Aufmerksamkeit des Rosch Hakohol nicht entging; aber er deutete sie falsch. „Ich muß den Herrn Oberrabbiner sehr um Verzeihung bitten, daß ich sofort mit dem ersten Tage seines Amtsantritts ihn in dieser Weise in Anspruch nehme. Wir wissen ja. daß der Herr -Oberrabbiner das .Bauen der Vefestigungswecle am Sabbat ebensowenig erlauben werden, als es das Bes Din (das Richterlollegium der Gemeinde) gethan hat, aber wir dachten, daß jeder Sabbat ein Gewinn ist, an dem wir nicht zu arbeiten brauchen. Es ist nun sehr möglich, daß bei der bevorstehenden Audienz die Angelegenheit gar nicht zur Sprache kommt. . Sie soll formell nur der Einführung und Vorstellung des Oberrabbiners gelten. Nur für den Fall, daß der Fürst sie zur Sprache bringt, wollte ich den Herrn Oberrabbiner über die Angelegen- ' heit unterrichtet haben." „Für diese weise Vorsicht bin ich Ihnen sehr dankbar. verehrter Herr Vorsteher, denn die Sache bedarf doch reiflicher Erwägung. Wir haben am Jom Kippur ein Gebet, worin es heißt: Heje im Pifijos scheluche amcho, „Sei Du mit dem Munde der Wortführer Deines Volkes, des Hauses Israel, lehre sie, was sie sagen, unterweise Du sie, was sie reden sollen." Dieses Gebet wird gewöhnlich aus den Vorbeter bezogen, der die Gemeinde im Gebete vor Gott vertritt. Ich weiß aber durch eine alte Ueberlieferung, daß es sich aus diejenigen bezieht, die vor den Großen der Erde die Anliegen von Juden und Judenthum vertreten, wie wir es jetzt zu thun im Begriffe sind. Teßhalb mögen wir wohl Gott vorher um Erleuchtung und seinen Beistand bitten, daß unser Mund nichts rede, was, wie es in jenem' Gebete heißt, nicht dem göttlichen Willen entspricht." Der feinfühlige Takt des Rosch Hakohol glaubte in diesen Worten den Wunsch des Rabbiners, allein zu sein, herauszuhören und wollte sich eben erheben, als sein Diener eintrat und ihm ein amtliches, versiegeltes Schreiben brachte. Es war die Antwort des Statthalters, nach welcher er den Herrn Oberrabbiner und die Vorstands-Deputation heute Nachmittag drei Uhr in seinem Palais erwarte. Der Roschhakohol Rabbi Jakob Teomim Lümmel versprach, heute Nachmittag mit Herrn Raphael Beck um zwei Uhr beim Oberrabbiner vorzufahren, um ihn dem Statthalter von Böhmen, Fürst Karl von Lichten- - stein, vorzustellen. V. Des Nachmittags fuhren der neue Ober-Rabbiner, begleitet von dem Roschhakohol und Herrn Raphael Beck, in das von der eigentlichen Stadt ziemlich weit entfernte Palais des Statthalters von Böhmen. Herr Beck war die personifizirte Ehrerbietung, Freundschaft und Liebenswürdigkeit gegen den Oberrabbiner, so daß dieser ihm im Stillen Abbitte that für den schwarzen Verdacht, den er gestern und heute gegen den bewährten, langjährigen Freund hatte aufkommen lassen. Die Deputation wurde von dem Fürsten huldvollst empfangen, und zu dem Oberrabdiner gewandt, sprach der Statthalter die herzlichen Worte: . „Senn Sie mir als erster, geistlicher Vertreter der böhmischen Judenheit herzlichst willkommen. Die jüdischen Gemeinden, und allen voran die Prager Gemeinde, leisten in dieser schweren Kriegszeit wirklich Großes dem Staate, dessen gnädiger Kaiser es Euch dankbar anerkennt und keine Gelegenheit vorüber gehen läßt, obne den Juden seine besondere Huld zu bezeugen. Sie sind ja, wie ich weiß, kein Fremder hier, Sie waren^ 28 .Jahre lang in Prag Rabbinatsassessor und haben, „ nachdem Sie in Nikolsburg und Wien das dortige Nabbinat bekleidet hatten, nach kurzer, dreijähriger Trennung von Prag den ehrenvollen Ruf zum Oberrabbiner dieser altberühmten Gemeinde erhalten und angenommen. Ich beglückwünsche Sie und die Gemeinde zu dieser Wahl und hoffe, daß dieselbe 'dazu beitragen wird.- die gutem Beziehungen zwischen der Kaiserlichen '