Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 79-80 (5.10.1903)
- Date
- 1903-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1731 scheu Presse" ans Pinsk vom 25. September geschrieben, daß am Montag vorher der Gouverneur von Minsk völlig unerwartet in Pinsk eintraf. Der Genvarmerieoberst, der Polizeimeister und der Jvprawuik .^Landrath) begegneten ihm auf dem Bahnhöfe. Seine erste Frage war: „Was ist's mit dem jungen Kiffelew?" Die spitzen der Ortsbehörden waren nichr wenig erstaunt: sie wußten nämlich absolut nichts von dem geringfügigen Borfall, und verwunderten sich deßhalb r.'vpelt, zu hören, daß der Gouverneur die -telegraphische Ordre aus Petersburg erhalten hatte, sich wegen dieses Vorfalls sofort nach Pinst zu begeben. Die nunmehr angestellte Untersuchung ergab, daß der Kissc- .erv nicht ein „elfjähriger Knabe", sondern ein achtzehnjähriger, sehr rabiater, streitsüchtiger Arbeiter ist. Cr patte Händel mit einem jüdischen Arbeiter, erhielt dabei einen Ritz an der linken Hand, der längst vernarbt ist und so unbedeutend war, daß er schon am Tage nach derSchlägerei zur Arbeit ging. Bis jetzt scheint der .,Praw. Wjestnik" noch keine Berichtigung gebracht zu haben. Petersburg. Eine Milderung der Aufnahmebedingungen jüdischer Schüler in den russischen Lessr-" anstalten ist soeben, wie man aus Petersburg berichtet, in Kraft getreten. Bisher bestand die Bestimmung, daß in den Gouvernements, in denen Juden ohne irgend n'elche Einschränkung zu wohnen berechtigt sind, 10 'Prozent, der Schüler mosaisch sein dürfen, in solchen Gouvernements aber, wo ihnen der Aufenthalt nur unter gewissen Bedingungen gestattet ist. nur 5 pCt. und in Petersburg sogar nur 3 pCt. Dadurch kam cs, daß die Eltern ihre Kinder schon unmittelbar nach der Geburt anmeldeten und daß stets alle Plätze im voraus auf lange Zeit, in einer Petersburger Schule sogar schon bis zum Jahre 1912, besetzt sind. Nunmehr ist bestimmt worden, daß unter gewissen Umständen auch über die prozentualen Grenzen hinaus jüdische Sckuiler Aufnahme ^finden können. Die Negierung hat die Entscheidung darüber in die Hände der Lehrerkoriferenz einer jeden höheren Lehranstalt gelegt. s England. London, iiP Sevt. (D r. G a sters Prote st.) Dr. Moses Gaster in London, der Oberrabbiner lChacham) der sephardischen Gcmenkden Englands, der in der zionistischen "Bewegung eine große Rolle svielt, hat aus Anlaß des Ostafrika-Projektes folgenden Brief in englischen.Zeitungen veröffentlicht: „Ums Zions Willen will ich nicht Ruhe bewahren." ' - Mein Herr! ' Angesichts der jüngsten Evolntio-nen des.Zionismus erachte ich es als meine Pflicht, das fundamentale Prinzip des Zionismus wieder zu konstatiren: „die Erwerbung einer' gesetzlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk". Weder mehr noch weniger. Das ist der erste Artikel und zugleich die unveränderliche Basis des Programms, welches durch die Zionisten in Basel formulirt und angenommen wurde. Wir lvünschen in die alte Heimath unseres Volkes zurückzukchren und das alte nationale Leben in dem durch Tradition geheiligten und durch Jahrhunderte altes Martyrium verherrlichten Landes wiederherzustellen. Der Zionismus ist nicht dazu da, um temporäre Erleicksterunasmittel zu schaffen. Unsere Lösung des jüdischen Problems muß eine endgültige sein. Sie muß die religiösen Bestrebungen und das religiöse Sehnen der Vergangenheit verwirklichen, und die soziale Lage-der Juden in der Gegenwart sichern. Jede Abweichung von diesem Programm, wenn auch nur um Haaresbreite, bedeutet das Aufgeben des fundamentalen Prinzips des Zionismus. Abhilfe durch Kolonisation in großem oder kleinem Maße muß speziellen Organisationen überlassen werden, die mit dem Zionismus nichts Gemeinsames haben. Und mag auch ihr Werk von temporärem Charakter sein, so ist es nichts destoweniaer lobenswerth. Unser Ziel ist nickst, einen unbedeutenden Staat zu schaffen. Das hieße mit Worten spielen und mit heiligen Idealen Scherz treiben, jvdllie man vom Zionismus außerhalb Zions'sprechen und von einem Lande für Juden außerhalb des heiligen Landes. In dem britischen Reiche, wie auch in den Vereinigten Staaten herrscht ein wahrer Geist der Gerechtigkeit und Freiheit. Wir setzen^das^.vollständigste Vertrauen in ihre Gesetze und in die wundervolle Art, wie diese Gesetze angewendet werden. Das höchste politische Ziel eines Juden sollte unter den gegenwärtigen Verhältnissen, eher sein, ein Bürger des britischen Reiches oder der Vereinigten Staaten zu werden, als der eines unbedeutenden Kleinstaates, auch wenn er innerhalb deren Jurisdiktion oder unter ihrem Schutze steht. Das ist ein Anachronismus. Das ist eine Travestie auf das nationale Leben unserer Hoffnungen und Gebete. Cs ist „den Prinzipien des Zionismus diametral entgegengesetzt. Eine Politik der Verzweiflung oder Ungeduld kann nicht gestattet werden. Es ist auch noch gar kein Grund zur Verzweiflung. ltnb wir haben auch noch manche Jahre-'länger zu warten, was bedeuten diese im Vergleich mit den Jahrhunderten der aufrecksterhaktenen Hoffnung un'd der ausdauernden Geduld? Die Zukunft gehört denen,, die warten und arbeiten. Die Zukunft gehört uns. Und sind auch" unsere Bestrebungen, ein gesetzlich gesichertes Heim in Palästina zu errichten, ein- oder zweimal fehlaeschlagen. so hat das wenig zu sagen. Wir sind deS Erfolges sicher. Die Geschichte deutet in diese Richtung. Die Prophezeiungen deuten in diese Richtung. Wir müssen uns an.Zion klammern. Wir müssen uns stets die Losung vor Augen halten: „Wenn .ich Dein vergesse. Zion", soll meine Rechte verdorren Wenn ich Jerusalem meiner höchsten Freude nicht vorziehe." ' L o n d o n, 2. Elul 5663. Der Ihrige M. Gaster.