Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 79-80 (5.10.1903)
- Date
- 1903-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449963--59175-2523677- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1738 Regierung und der böhmischen Judenschafi auch für die Zukunft zu erhalten." Rabbi Jomtob Lipman Heller erwiderte auf diese Ansprache einige Worte des Dankes mit der ihm eigenen Bescheidenheit, aber zugleich mit einer Festigkeit, Entschiedenheit und wahrhaft diplomatischen Gewandtheit, daß sie alle Anwesenden in Erstaunen setzten. Unsere Rabbinen alten Schlages waren von Haus aus nichts weniger als gewandte Redner. Von Moscheh, unserem ersten Rabbiner an. der schweren Mundes und ungefügiger Zunge war und daher seinen Bruder als Sprecher neben sich haben mußte, waren die Funktionen des Rabbiners, d. h. Lehrers und des Maggid, d. h. Sprechers und Predigers der Gemeinde, zwei verschiedenen Personen überantwortet. Ob die Vereinigung beider auf eine und dieselbe Person wirklich ein Fortschritt ist oder nicht, soll hier nicht untersucht werden. Wir wollen hier nur betonen, das; der neue Ober-Rabbiner der Prager Gemeinde mit seiner großen Thoragelehrsamkeit eine gewandte, verbindliche Form der Darstellung verband, die, wie gesagt, alle drei Zuhörer verblüffte. Am meisten den Fürsten Lichtenstein. ' Für ihn waren die Juden und ihre Gemeinden im Grunde genommen nur ein Gegenstand des Fiskus, der alljährlich große Summen abwarf. Seine Beziehungen zu den Juöen bewegten sich nur nach dieser Seite hin. Um die Jnteresien der Juden an sich kümmerte er sich nicht. Die Gerichtsbarkeit innerhalb der jüdischen Gemeinde lag in den Händen der Juden selbst. Synagogen konnten allerdings nur mit Erlaubniß des Kaisers gebaut werden; aber was darin gebetet wurde, war ausschließlich Sache der Juden. Daß die Rabbinen ihr ganzes Leben dem' Studium der Thorawissenschaft derart gewidmet hatten, daß sie sich nicht einmal die Zeit nahinen, die Sprache des Landes zu' lernen, daß sie also bei öffentlichem Auftreten linkisch und unbeholfen sich benahmen, that den Machthabern ganz wohl, weil sie darin einen Beweis für die Inferiorität der Juden erblickten. Deßhalb war der Fürst von dem Auftreten des neuen Oberrabbiners betroffen. Beck sah in dieser Art und Weise des Sprechens und freien Verkehrs, daß er den Mann nach dieser Seite hin doch unterschätzt habe. Sollte es einmal zu einem entscheidenden Schritt'zwischen ihm und dem Oberrabbiner kommen, so werde er keinen leicht zu überwindenden Gegner in ihm haben. Das stand ihn; reifest. o„ , Der Roschhakohol Rabbi Jakob Teomim Lamel freute sich redlich, daß die Gemeinde auch nach dieser Seite hin eine so gute Wahl getroffen habe und war fest überzeugt, daß diese Gewandtheit ihres geistlichen Leiters der Gemeinde noch oft zu Gute kommen werde. „Haben Sie." fragte der Fürst zu Beck gewandt, „dem Herrn Oberrabbiner schon von der Differenz zwischen uns berichtet, welche er begleichen soll, die BetHeiligung der Juden an dem Festungsbau am Sabbat, wie es die Christen am Sonntag thun?" Herr Beck, der nichts von der heute Morgen statigehabten Unterredung zwischen dem Oberrabbiner und dem Roschhakohol wußte, verneinte die Frage. „Dann könnten wir die Sache ja sofort zum Anstrag bringen, wollen Sie den Herrn Oberrabbiner darüber aufklären?" „Der Präses der Gemeinde hat mich bereits flüchtig von der Sache unterrichtet, ohne daß Herr Beck zugegen war," bemerkte der Oberrabbiner. „Aber wenn ich eine Entscheidung in der Sache fällen soll, so ist es unerläßlich, daß ich auch die Aufassung Ew. Kgl. Hoheit kenne." „Nun, die ist bald mitgethejlt," erwiderte leutselig der Fürst. „Mir stehen vor einer großen, entscheidenden Schlacht, die vermuthlich hier bei Prag geschlagen wird. Die Sch'.veden ziehen sich immer dichter zusammen und ihre Alliirten bilden einen großen, eisernen Ring, der sich immer enger und enger schließt und dessen Mittelpunkt Prag, der Herzpunkt des böhmischen Königsreichs ist. Wer den Schutz der Stadt genießen will, muß, wie wir alle, an ihrer Befestigung arbeiten. Unser gnädiger Kaiser Ferdinand führt wegen seiner besonderen Frömmigkeit und Anhänglichkeit an die Kirche den Namen „der Katholische". Aber deßhalb hat er es doch als selbstverständlich gehalten, daß wir Christen auch an Sonn- und Feiertagen Tag und Nacht unablässig an der Befestigung Prags arbeiten. Mit welchem Rechte wollten sich die Juden dieser Pflicht entziehen?" . „Wenn ich Ew. Kgl. Hoheit richtig verstanden habe," entgegnete nach einigen Sekunden der Ueberlegung der Oberrabbiner, „so bedeutet eine ungenügende Befestigung der Stadt eine Lebensgefahr für jeden Einwohner. Jeder, der dagegen an der Befestigung mitarbeitet, schützt dadurch sein'Leben und das Leben aller Insassen, soweit er dies eben mit seiner schwachen Kraft vermag." „Ganz recht, so ist es," unterbrach der Statthalter diese Ausführungen. - Der Oberrabbiner fuhr fort: „Nun ist der Sabbat das älteste Heiligthum der Menschheit.. Der Jude, welcher es entweiht, hat damit eine Todsünde begangen. Deßhalb und nur deßhalb trägt die Pragc; Gemeinde so schwere Bedenken, sich dieser an und für sich billigen und gerechten Anordnung zu fügen. Sie hat deßhalb die Angelegenheit vertagt, bis ich meine Entscheidung abgeben könne. Indem ich mich bei dieser Entscheidung zunächst auf den Boden des strengen Rechts stelle, muß ich bemerken, daß sämmtliche Gesetze des jüdischen Pflichtlebens zurücktreten, sobald ihre Erfüllung das Leben kostet oder auch nur gefährdet. Da aber durch Einstellung der