Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1903)
- Date
- 1903-11-30
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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kinderloser Mann, der feines hohen Alters wegen das Geschäft aufgab; im zweiten Falle ging das Geschäft zu Grunde, da der Besitzer und dessen Söhne sich dem Prunke ergaben und das angesammelte Vermögen verpraßten. Uebrigens sind während dieser Zeit auch mehrere jüdische Firmen zu Grunde gegangen. Vertheidiger S ch m a k o w : Was hält der Zeuge von den Güterpachtungen der Juden? — Dr. Sizinsktz - Ich halte sie für schädlich, und zwar dcßhalb, weil die Juden in Folge der gesetzlichen Ausnahmsstellung und der Unsicherheit des Vertragsoerhältmffes geradezu gezwungen sind, in der kürzesten Zeit die größtmöglichsten Vortheile aus den Bodenerträgniffen zu ziehen, so daß eine rationelle Bewirthschafiung nicht zu-Stande kommen kann. Die Juden sind, sehr fleißig und. arbeitssam; namentlich in legier Zert-üestreben -sie-sich immer mehr, selbst durch schwere körperliche Arbeiten ihr Brodzu verdienen, so daß. unter ihnen geschickte Handwerker und Arbeiter sehr zahlreich sind. — Ans die Frage, in welcher Weise viele Juden in Kischinew es zu großem Reichthum gebracht haben, antwortet Dr. Sizinsky, daß ebenso zahlreiche Armenier, Griechen und Bulgaren im gesegneten Vessarabien es zu ansehnlichem Vermögen gebracht haben, manche sogar auf nicht ganz einwandfreie Art. Der folgende Zeuge ist Regimentsarzt Dr. Miller. Als die Unruhen ausbrachen, erschienen ihm die ersten Gerüchte über die Blutthaten und barbarischen Zerstörungen unglaublich; er überzeugte sich aber selbst bei einem Rundgang durch die Straßen, daß allenthalben Morde, Plünderungen und Mißhandlungen der Juden unter den Augen der Polizei und des Militärs begangen wurden, ohne daß von irgend welcher Seite dagegen eingeschritten worden wäre. Aus Erbarmen mit den Unglücklichen — sagt Regimentsarzt Dr. Miller — begab ich mich zum Gouverneur, um ihn zu bitten, er möge gegen die unerhörten Vorgänge einschreiten, da eine ganze Vevölkerungsklasse der Stadt als vogelfrei behandelt werde. Der Gouverneur gebrauchte jedoch allerlei Ausreden und veranlaßte nichts... Polizeiinspektor Witkowsky sagt aus, daß 14 Tage vor dem Osterfeste der Besitzer der Schankwirthschaft „Moskwa" ihm ein vertrauliches Zirkular übergeben hat, in welchem er ersucht wurde, alle christlichen Besucher seines Etablissements darauf aufmerksamzu machen, daß während der Osterfeiertage gegen die Juden lösgegangen werde; er möge' durch geeignete Erzählungen über die Juden seine Gäste zur Rache aneifern. wie zum-Beispiel durch Verbreitung der Nachricht. daß die Juden eine christliche Kirche verunrermgt und den Geistlichen erschlagen haben. Der Zeuge hat ' dieses, vertrauliche Zirkulär seinem ^Pristaw lRevietpolizeikommissär) Solonkin üchergebrn; dieser steckte e aber in die Tasche und — schwieg. . Staatsanwalt: Wußten.Sie nicht, daß es außer dem ^Pristaw" noch Instanzen und vor allem Gerichte gibt, bei denen Sie die Angelegenheit zur Anzeige hatten bringen können? — Zeuge: Wir Polizeileute wissen nichts von den Gerichten; wir haben uns nur an unsere unmittelbaren Vorgesetzten zu wenden. Der meinige war der „Pristaw"! Aus die Frage, wie er sich selbst an den kritischen Tagen verhalten habe, entgegnet Witkowsky, daß er mit den wenigen ihm unterstehenden Wachleuten den Juden keine Hilfe bringen konnte. Als er sich am 20. April an den Gendarmerieobersten Chansenkow um Rath wandte, sagte letzterer: „Die Juden müssen Zusehen, wie sie sich selbst helfen, wir können ihnen keinen Beistand leisten." An diesem zweiten Tage der Excesse traf ich — führt Witkowsky fort — auf der Straße zwei Gruppen, eine jüdische und eine christliche, in Kampsesstellung gegen einander; meiner Aufforderung, .sich .zu zerstreuen, leisteten die Juden sogleich Fvtge, wahrend die Christen nicht auseinandergehen wollten, und nur mit dem ganzen Aufgebot meiner Kräfte kennte ich sie bewegen, daß sie sich entfernten; dann plünderten und zerstörten sie jüdische Wohnungen in anderen Straßen. Rechtsanwalt K ö n i g s ch a tz in Kischinew hat ebenfalls am Charakter der Ausschreitungen erkannt, daß sie planmäßig organisirt waren; er sah Banden von Plünderern durch die Straßen ziehen und die Soldaten räumten ihnen den Weg und schienen ihnen Schutz zu gewähren, unt ihre verbrecherische Arbeit zu erleichtern. Der Zeuge ging niehreremal zum Gouverneur von Raa ben, konnte aber nicht die geringste Hilfe erwirken. Die Grausamkeiten, die an den ermordeten Juden begangen wurden, spotten, wie Königschatz aussagt, jeder Beschreibung. Als ich in Begleitung des Gouvernementsarztes Twjordockljebow 'und des Gendarmerieobersten Dobrodejew das jüdische Spital besuchte, wohin die meisten jüdischen Verletzten und Todten gebracht wurden, war der Anblick so fürchterlich ergreifend und aufregend, daß wir drei in heftiges Schluchzen ausbrechen mußten. Nack Ansicht des Zeugen hat sich die Polizei nicht nur vollstänbigcr Unthätigkeit, sondern geradezu der Verführung und Anleitung zu . den Exzessen, schuldig gemacht. (Bewegung.) Weiters erwähnt der Zeuge, daß der Dizegouvcrneur Ustrugow Zensor und zugleich Mitarbeiter des „Beffarabetz" Wat. . . Dr. Mutfchnik. ein angesehener Ärzt, Ptäfes der israelitischen Knltusgemeinde in Kischinew intft Obmann des Hilfskomitees für die Opfer der Excesse, har sich Äs Vertreter der Jüdenschast beim Äusbruch der Krawallezum Gouverneur begeben und ihn. flehentlich^ um Schuß für die Juden gebeten. Anfangs' unschlüssig, wollte der Gouverneur in Folge der sich häufenden Nachrichten von Mördthaten sich schließlich doch auf den Schauplatz der Excesse begeben und Keß seinen Wagen ansvannen. Kr. Mutschnik, dessen Haus