Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1903)
- Date
- 1903-11-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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2104 man muß die Brille aufsetzen! „Sozialpolitische Zeit- und Streifragen" heißt das Thema — da ist das weite Auditorium bis auf den letzten Platz mit Russen gefüllt, kein Wort von dem, was der Professor spricht, geht in der lautlosen Stille verloren, und gespannt sitzen sie da und saugen das süße Gift ein, die Liebe zur Freiheit. Aber es kommt noch schlimmer, denn am Abend versammeln sie sich in ihren Wohnungen, und während der geliebte Thee die Hauptrolle spielt — quantitativ spielt er sie weit besser, als qualitativ — machen sie in Politik, genau so, wie an irgend einem deutschen Stammtisch, um den die wohlbeleibten Bürger sitzen. Natürlich: diese Politik ist roth, und die Wogen der Diskussion schlagen ein wenig höher — aber staatsgefährlich? Du lieber Gott! Ach, es ist wie mit dem Thee. den sie trinken: die Begeisterung ist arg verdünnt durch Resignation. Und dennoch werden diese russischen Studenten von ihrer Regierung auf's eifrigste beobachtet, genau ist sie von ihrem Thun unterrichtet und mit einer Unzahl von Spitzeln hat sie dieselben umstellt. Die Studenten wissen das auch recht gut und die Genfer Asfaire hat sie daher durchaus nicht überrascht. Aber man spricht aus diesem Anlaß hier viel von einem anderen Vorfall, der sich im vorigen Jahre in Zürich abspielte und der amüsant genug ist, hier wiedergegeben zu werden: - In irgend eine Nussenversammlung kommt ein junger Mann, den man schon lange im Verdacht hatte, im Dienste der russischen Regierung zu stehen. Er setzt sich still in eine Ecke, zieht ein Buch aus der Tasche und gibt sich den Anschein, als ob er die harmlosen Reden nackizuscheeiben beginne. In Wirklichkeit zeichnete er aber die Portraits gewisser Anwesenden, an denen die russ. Regierung besonderes Interesse nahm — allein man kam ihm bald hinter dqs saubere Geschäft, und noch nie soll mit solcher Begeisterung jemand an die frische Luft gesetzt worden sein. (Frkf. Z.) Zeitimgsrrachrschten und Correspondenzerr. Deutschland. Berlin, 26. Nov. Man kann wohl schon heute das Fazit aus den preußischen Landtagswahlen ziehen. Im Großen und Ganzen werden ja die Wahlen nur geringfügige Aenderungen an der bisherigen Zusammensetzung des preußischen Abgeordnetenhauses bringen. Die Hauptsache ist, daß die konservativen Parteien für sich im neuen Abgeordnetenhause keine Mehrheit bilden werden; auf der anderen Seite aber sind sie auch diesmal im Stande, .im Bunde mit dem Zentrum ihren Willen durchzusetzen. Bei den freisinnigen Parteien dürfte sich Gewinn und Verlust so ziemlich die Wage halten. In jedem Falle werden wir Vertreter unserer Interessen im Avgeordnetenhause haben, - welche sicher keine Gelegenheir vorübergehen lassen werden, an die durch die Erfassung gewährleistete Gleichberechtigung aller Staatsbürger und religiösen Bekenntnisse zu erinnern und jeden Versuch, diese Gleichberechtigung aufzuheben, energisch zu bekämpfen. Daß das neue Abgeordnetenhaus nun wohl auch sechs jüdische Abgeordnete auflveisen wird, Dr. Marx Hirsch, Leop. R o s e n o w, Justizrath Cassel, Kommerzienrath A r o n s o h u, Landgerichtsrath Peltasohn und Justizrath Wolfs, gereicht uns zur aufrichtigen Genugthuung, da wir die Uebeczeugung hegen, daß diese Männer, obwohl sie nicht von Juden und für Juden gewählt sind, doch für die Rechte ihrer Glaubensgenossen sicher mit Entschiedenheit eintreten und jeden Angriff auf dieselben kräftig abwehren werden. Frankfurt a. M., 26. Nov. In Nr. 93 Ihres geschätzten Blattes versucht Herr Dr. Loevy den in seinen Kalender eingeflossenen Jrrihum bei Berechnung der Barmizwoh-Tabelle zu rechtfertigen, und bei dieser Gelegenheit mit einer erstaunlichen Kühnheit mich eines Plagiats an seinem Kalender zu beschuldigen. Diese den Thatsachen in jeder Hinsicht widersprechende Behauptung n'öthigt mich zu folgender Klarstellung: Herr Dr. Loevy hat vor zwei Jahren seinem Kalender eine weitere Rubrik beigefügt, aus welcher für die das 13. Lebensjahr Vollendenden der Barmizwohtag sich feststellen lassen sollte. Auf Veranlassung meines Verlegers fertigte ich nun eine Barmizwoh-Tabelle an, jedoch nach ganz anderem Schema, als die Loevy'sche, der übrigens der Name einer Tabelle nicht zukam und welche durch ihre Unübersichtlichkeit nur verwirren konnte. Das beste Zeugnitz hat mir übrigens Herr Dr. L. selbst ausgestellt, indem er das folgende Jahr sein Schema fallen ließ und sich mein Muster aneignete, womit er den Beweis, bei mir abgeschrieben zu haben, erbrachte. Eine kleine Hinzufugung, die er vornahm, und die ich ihm trotz seiner Genehmigung nicht nachmache, hat an dem Wesen meines Originals nichts geändert. Die Art, wie sich nun Herr Dr. Loevy aus der Klemme zu ziehen suchte, trägt für jeden nur etwas Eingeweihten den Charakter der Verlegenheitsphrase an sich. Es scheint doch sehr sonderbar, daß sein Verleger den Anregungen, welche von außerhalb an ihn gekommen sein sollen, mehr Autorität beimißt, als dem Verfasser seines Luach selbst. Hätte der Letztere seinen Verleger nicht aufklären können, daß das Vorhandensein verschiedener Minhagim für die in einem Gemeinjahr Barmizwoh Werdenden, selbst wenn im Schaltjahr geboren, nur von Unwissenden behauptet werden kann und gar nicht existirt? Er, als