Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1903)
- Date
- 1903-11-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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44. Jahrgang. mm; Milde Biatotai in Ser BAeiz. Von Max Adler. Bern, 28. November. Die jüngste Genfer Spionage-Affaire lenkte den Blick der Oeffentlichkeit wieder einmal auf die in der Schweiz lebenden Russen, auf jenes geheimnitzvolle Völkchen, das sich der Fernstehende theils aus fanatischen, theils aus dämonischen, jedenfalls aber aus höchst interessanten Individuen zusammengesetzt denkt. Sehen wir zu, in wieweit diese Meinung im allgemeines durch die Tatsachen gerechtfertigt wird. Ich sage: im allgemeinen, denn ich will nicht leugnen, daß es in der That einzelne Gestalten geben mag, die auf Mord und Todtschlag stnnen und ihre Kinder vielleicht zu Hause mit Bomben Ball spielen lassen. Der weitaus überwiegende Theil aber? — ach, Romantik und Wirklichkeit, ihr seid zwei ganz verschiedene Dinge! . . Es find Studenten, zumeist Juden, denen man in ihrem Vaterlande (es hieße besser Stiefvaterland) die Nahrung des Geistes vorenthält, — in jener großen Dunkelkammer Europas, wo man das Licht der Wissenschaften als störend empfindet. Junge Leute beiderlei Geschlechts, deren Wissensdrang aber stärker war als alle Maßregeln und die in der Fremde^suchten, was sie in der Heimath' nicht fanden. So bevölkern sie denn die Schweizer Universitäten, besonders die beiden großen deutsch-schweizerischen Universitäten, Zürich und Bern. Es fehlen mir statistische Angaben darüber, in welchem Berhältniß sie der Zahl nach zu den einheimischen Studenten stehen, aber ein Viertel sind es mindestens, wenn es nicht die Hälfte sind — und in gewissen, besonders schöngeistigen Disziplinen bilden sie zweifellos die absolute Majorität. Dem ganzen Bilde jener beiden Universitäten drücken sie denn auch den Stempel ihrer Eigenart auf. und wer nur den Fuß in eine von ihnen setzt, empfängt sofort einen ganz fremdartigen Eindruck, einen Eindruck, der besonders für den deutschen Studenten viel seltsames und überraschendes hat. Da gibt es nichts von dem geschniegelten und gezirkelten Wesen unserer „akademischen Jugend" — das sind urwüchsige, ungezähmte Gestalten, die in keinen Komment hineinpaffen wurden. Es sind Charakterköpfe darunter: die Einen riesig, robust, fast ungeschlacht, im Gesicht etwas Hartes, Dumpfes, Stumpfes, die langen Haare flach zurllckgestrichen — Gorki-Typen; Leute, denen man ihre Intelligenz nicht aniehen würde, die Her an einen Arbeiter, als an eisten Studenten erinnern."*) Dann wieder andere: aus- ' *) Es W bdamt.bafj eS In RuNand. namentlikb im Kieivor tyouvernewalt. aide Qubcn nicötfcmitiftficc Rasse giebt. ihre Ab» wnft wird osn Lein zum Jubmtbum übergetretenen Kaukasischen Bergvolk der Chaparen hecgdeitet. Red. d. Lsr. gesprochen semitische Typen, mit blaffen Gesichtery.nM. durchgeistigten Zügen, wie sie nur Menschen-eigen,, die-, zu denken gewohnt sind. Die jungen Mädchen 5-7, Zahl ist erstaunlich groß — sind oft von außerördent-. licher Schönheit, aber sie verlieren durch eine Untugend, die sic mit den Männern gemein haben, die aber, bei^ ihnen doppelt unangenehm auffällt: durch ihre geradezu, unglaubliche Mißachtung des äußeren Menschen^ die/ soweit sie auf Nachlässigkeit beruht, einfach unverzeihlich ist, die aber freilich nur allzu entschuldbar wird, soweit sie von den Verhältnissen erzwungen./_ Denn eines haben sie fast alle gemeinsam;/.ihre Armuth. Diese jungen Leute verließen ihre Heimäth/ keineswegs in dem beruhigenden Bewußtsein, . .einen5 Vater zu besitzen, der jeden Wechsel des Monats punk^ lichst mit einem Monatswechsel beantwortet: .und ..an' dem ihre ganze Existenz ein festes, metallisches Rückgrat hatte, vielmehr nahmen sie zum größten Theil di^ trübe Gewißheit in die Fremde mit, einem schweren Kamp/ entgegenzugehen, einer Zeit des Duldens und des Entsagens. In der That: das ist ein Leben unter den dürftigsten Verhältnissen, die sich nicht selten bis zstm wirklichen Elend steigern. Aber man macht sich auch nur schlver einen Begriff davon, wie bescheiden diese Fremden in ihren Lebensansprüchen sind, und. man', muß es gesehen haben, wie einer in die.Borsesungi kommt und — im November — auf seinem Häupt/mi/ stoischem Gleichmuth einen schäbigen Strohhutzu.ri Schau trägt. Geradezu bewunderswerth aber , ist ß,', wie Leute, die sich fortwährend um die allernichtigsten Kleinigkeiten und Widerwärtigkeiten des Alltagslebens, zu kümmern haben, dennoch ein lebhaftes und tiefes Interesse für hohe geistige Probleme sich..bewähren, können. Ich sagte schon, daß in den meisten schöngeistigen Vorlesungen der größte Theil der Hörer aütz Russen besteht, und ich hätte noch hinzufügen können^ daß sie sich bei den Konzerten auf dem Stebplatz drängen und' im Theater die Galerien, bebolkern,. Welch' ein widerwärtiger, aufreibender Kampfs dieses, ewige Hin und Her zwischen geistigen Bedürfnissen, einerseits und dem Mangel an Mitteln .andererseits, um sie befriedigen zu können! .. , ' Am schlimmsten stehen die Verhältnisse jedoch dä/ wo es sich um Verheiratete handelt, und solcher Fällei gibt es erstaunlich viele. Ja, ab und zu sind sogar/ schon Kinder da, durch die ein regelrechter.. Haushalts erforderlich wird, der natürlich abermals nur in.de/ allerprimitivsten Form bestritten ' werden... %o.' blüht hier statt der bunten Romantik das. graue. Güster/ Proletariat,, jener traurige Zweig an der, Tr.aiierwekd^ der Armuth. ' . .’ i';. r’. Und von den staatsgefährlichen Ansichten dieser' Studenten ist gar nichts zu merken? — O doch, aber