Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1903)
- Date
- 1903-11-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2096 So aber verkündet-jene zweite Richtung der Reform ihr Programm zur Entfremdung des alten Thorastudillms an Israel. Mit dem Abschaffen hatte die Reform entschieden mehr Glück, als mit dem.Neuschaffen. Denn das „Jesch meajin," das Etwas aus dem Nichts Hervorbringen, hält gar schwer. Es dürfte sehr schwer sein, etwas Positives zu zeigen, das die Reform neben dem unzähligen negativen Abschaffen, in ihr Programm ausgenommen hätte. Nun suchte man an Stelle der Thora das zu setzen, was man fälschlich „Wissenschaft des Judenthums" nannte. Wissenschaft des Judenthums heißt, die Gesetze zu kennen, die das Judenthum seinen Bekennern vorschreibt, heißt die „Dine Koscher und Trefe," die „Hilchos Schobos wejontow" etc. zu lernen. Doch die Reform konnte eine solche „Wissenschaft des Judenthums" nicht gebrauchen. Was that sie also? Sie verwandelte die Wissenschaft d e s Judenthums in eine Wissenschaft vom Judenthum. Heisa, jetzt hatte man ein Feld, auf dem man gehörig herumstampfen konnte. Um diese Wissenschaft vom Judenthum nach ihrem Werthe würdigen zu können, muß man sie nur nach den Gesichtspunkten betrachten, die wir oben in der Virchas Hatauro als Charakteristika unserer alten — ach so unwissenschaftlichen — Thora fanden. Jst's etwas Lebendiges, etwas Lebenerhaltendes um die Kenntniß des Jahres, in dem Jüda hanasi die Sichtung der Mischna . vollendet, wenn diese Mischna selbst als etwas längst Veraltetes dahingestellt wird, oder vermag es dem Judenthum besondere Lebenskraft zu geben, wenn festgestellt wird, daß es doch noch sehr zweifelhaft fei, ob der „Magid Meschorim" wirklich von R. Joseph Karo ist oder nicht, das aber, was R. Joseph Karo in seinem Schulchan Aruch als Lebensnorm für den Juden, aufgestellt, stündlich, ja jede Minute (wir erinnern an das mvvv Verbot) von eben diesen Forschern verletzt wird. Jst's eine Wissenschaft, bfe gleich unserer Thora, in allen Ständen und Berufen des jüdischen Volkes gekannt sein .will/ Der Dozent am Rabbinerseminar und sein Dienstmädchen zu Hause — und sein Metzger, sie werden alle Drei wissen, daß man am Tischvbeas fasten muß, ist für alle Drei auch die Thatsache von derselben Wichtigkeit, daß Älcharisis Todesjahr ) 230 war? Judenthum ist eine Kathederwissenschaft, aber „Mauros.cho. khil.aS Jakov", das Erbguts der Gemeinde Jakob's ist sie mit nichten. Wir beschränkten .uns. hier nur auf den Umstand, daß man biographische, geschichtliche und litterarhistorische Wissenschaft zur Wissenschaft des Judenthums stempeln wollte. Eine Folge dieser „Wissenschaftlichkeit/ war aber auch, daß man mit „objektivem Forscherblicke" sich aN unsere''Mora wagte, und sie zerlegte, .„wie man^ einen LeichUaM zerlegt/.und gär hübsch winen, Gastlich nachwies daß unsere Thora im Grunde genommen doch nicht'das sei, wofür man sie bis jetzt gehalten, sie ser auch nicht immer so ganz gewesen, wie sie jetzt sei. Nach und nach in den verschiedenen Jahrhunderten züsammengeflickt, als. Grundlage aber etwas „heidnische Mantik" erklärte man das, wofür in ihrem beschränkten Wahne unsere Ahnen Folterqualen erlitten, Scheiterhaufen bestiegen, und unsägliches Weh und Jammer erduldeten, und das alles für die Thora, die doch von der Wissenschaft als Menschenwerk erkannt, wird. Einige Schwankende machten aus persönlicher Gutmüthigkeit vor der Thora selbst Halt, und begnügten sich mit einem Pseudo-, oder höflich ausgedrücki. Deuto- — Jesajas. Wenn der Jesajas alles gesagt hätte, was im Buche Jesajas geschrieben steht, hätte er ja Dinge gesagt, noch bevor sie geschehen waren. Und das konnte doch nicht sein, denn es gibt keine Propheten. Folglich — Deuterojesaias. Und sonnenklar wird das bewiesen durch die Verschiedenheit des Ausdruckes. Mag man die in den Erklärern und im Talmud auch gedeutet finden, das ist „geistreiche Homiletik", aber die Wissenschaft, das sind wir. Wenn die Helden der Reform Und ihre heutigen Nachfolger diese Wissenschaft als Wissenschaft des Judenthums erklären, so gehen sie leichitosan, wie sie nicht anders können, und mögen sie sich recht wohl befinden in der Gesellschaft Eichhorn's. Watkes, Ewalds und Kollegen. Doch an die wenden wir uns, die noch treu dem Judenthum, die es. ernst meinen und doch Gefahr laufen, statt Thora jene Afterwissenschast als Lebensstudium zu betreiben. Marr wende mir nicht ein, daß man den Feind mit eigenen Waffen schlagen müsse. Das Kind, das erklärt, gerne seinen Kindespflichten nachzukommen. sobald seine Eltern ihm beweisen, daß sie auch seine Eltern seien, dieses Kind ist von Grund aus verdorben und wird durch keine Beweise besser. Ist jenen Herren im Dienste der Pallas Athene unsere Thora .Menschenwerk, da ist alle Mühe vergebens, sie eines Besseren zu belehren, wem aber die Thora Gottes Wort und Wille ist. der gehe zu ihr und lerne sie, lerne, wie's die Alten thaten. Durch Jeschibot und Tarbizot vermag das Judenthum gerettet zu werden, nicht aber durch „Jüdische Geschichts- und Litteraturvereine." Möchten sie wieder aufblühen. die Jeschibot, und wieder zurückkehren, eine Zeit, die mit Berechtigung sagt: „Gesegnet seisi Du Gott, der die Thora gibt." . — X— Zeitungsnachrichten und Correspottdenzen. Deutschland.' .' :':r' Mainz, 27. Nov. Während der Zeit, da in hiesiger Stadt keine Juden wohnen durften, kam es vielfach vor, daß das Volk die Steine des herrenlos da-