Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 77-78 (29.9.1903)
- Date
- 1903-09-29
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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Darap anknüpfend gehe ich zu dem über, was ich für den Uebersetzungsunterricht hier eigentlich empfehlend darlegen möchte. Das ist der Grundsatz: „Der hebräische Uebersetzungsunterricht hat stets vom Deutschen auszugehen und zum Deutschen wieder zurückzukehren." Es mag diese Forderung manchem paradox erscheinen; steht doch sicher beim Uebersetzen das Hebräische im Mittelpunkte des Interesses und soll auch den K e rn der Arbeit bilden. Doch ist das bei der aufgestellten Forderung nicht minder der Fall. Es ist nur eine scheinbare Abweichung vom jetzt geäußerten Gedanken, es ist gleichsam eine optische Täuschung, wirkt wie diese, wenn man Ausgangspunkt und Endziel. Mittel und Zweck verwechselt. Hier die methodische Begründung und Rechtfertigung! Der hebräische Uebersetzungsunterricht hat stets vom Deutschen auszugehen! Das Uebersetzen ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Verständlichmachen des Inhalts, entweder des Pentateuchs, der Bibel überhaupt oder der Gebete. Bevor ich diesen Zweck erreichen kann, habe ich verschiedene sprachtechnische Schwierigkeiten zu überwinden. Ich nenne hier zunächst das lautrichtige und lautreine Lesen. Es erfordert gewissenhafte Pflege. Dazu gesellt sich die im Hebräischen andere Wortfolge, als die in der deutschen Muttersprache, oft auch sog. Hebraismen. die überhaupt dem Deutschen nicht eigen sind. Verbinde ich mit alldem noch die — mechanische — Gcdächtniharbeit des Uebertragens hebräischer Wörter in's Deutsche, die Zusammenfassung der Worte zu einem Gedanken, zu einem Sinn, so habe ich mehrere Arbeiten kombinirt, die methodisch getrennt werden sollten im Interesse des Hauptzweckes, der da ist und bleibt: „Verständniß des Inhalts!" Halte ich mir tiefen Zweck vor Augen, dann m u ß ich nolens volens vom Deutschen ausgehen. Wenn ich dem Kinde den Inhalt erläutere, wenn ich einen Sab. ein Wort, das es übersetzt, erkläre, tbue ich das nicht in deutscher Muttersprache? Im Grunde genommen ist ja jede Uebersetzung eine Erklärung. Mer treffend übersetzt, der hat genau erklärt. Der Volksmund aebraucht deßhalb auch gern das Wort ..verdeutschen" fiir erklären. ..Ich hab's ihm verdeutscht" heisst soviel als ..ich bab's ihm erklärt." Der russische und polnische Rabbi sagt ebenfalls: »ich datsch" (verdeutsche. erkläret. ..er datscht anders" ier erklärt anders>. Was wir Wort- und Sacherklärung bei Behandlung deutscher Lesestücke nennen, muss auch beim Hebräisch-Uebersetzen stattfinden. Rur soll hier die Sacherklärung voraus arhen und zwar mit Rücksicht auf die Wovterklarung. sie soll gleichsam auf die Worterklärung zugeschniiten sein. Denn die Worterklärung findet eine Stühe am Inhalt, das .Verständniß des JnhÄts^wird zum leitenden Faden beim Uebersetzen, erweist sich als „Pfadfinder" bei der Uebertragung dieses oder jenes hebräischen Wortes in's Deutsche. Das „nikkor m'injonau" wissen wir Großen ja aus eigener Erfahrung; es ist beim Kinde nicht anders, weil in der Natur der Sache liegend. Angenommen. es würde das einzelne Wort aus seinem Inhalt beransgegrifsen und abgefragt, so wüßte der Schüler oft nicht zu antworten. Fragt man nach oder •■csVcn allein, nach (Pf. l5), nach ir** nach rr-e u. s. w.. so bleiben oft gute Schüler die Antwort schuldig. Uebersetzen sie jedoch den ganzen Satz, so geht's fließend. Die öfter vürkommenden Vokabeln werden dabei zu Stützpunkten und Wegweisern, zu Trägern des ganzen Satzes, also auch zu einer Art Leuchtthurm im Uebenetzungsstoff. Als solche sind sie uns willkommen, und doch verdienen sie hierbei den bekannten Namen „Eselsbrücke" nicht. Sie sind Mittel zum Zweck und durch fleißige Wiederholung des ganzen Satzes, der als inhaltvoller Gedanke sich leichter ernprägt, werden gar bald auch die unbekannten Vokabeln gemerkt. Das ist nicht etwa neu. Schon 1880 hat Perthes in seiner „Reform des lateinischen Unterrichts" darauf hingewiesen und das Erlernen unbekannter Vokabeln aus dem Zusammenhang warm befürwortet. In der That ist im kleinen Kinde auch längst der Gedanke fertig, ehe es solchen ausdrücken kann; längst spricht es einen Satz, ehe es daran denkt, ihn in Worte zu.zerlegen. Mit Recht stellt Perthes die Forderung auf, daß nicht nur die „Vokabeln eine Vorstellung. sondern auch als S a tz t h e i l einen Gedanken vermittle." Und darum soll der Inhalt der Sähe „im Gesichtskreise des Knaben liegen." Dies, geschieht für das hebräische Uebersetzen dadurch, daß' ich stets die Inhaltserklärung vorausgehen lasse; auf ibr baut sich das Uebersetzen leicht und sicher auf. Erklären muß ich ohnebin in deutscher Sprache. Der Unterricht gewinnt an Zeit, das Uebersetzen geht leichter, die Resultate sind ücherer. wenn die Inhaltsbesvrechung voraus ging, sodaß das Hebräische gleichsam auf festem Geleise dahingleitet. Der Uebersetzungsunterricht muß aber auch zum Deutschen zurückkebren. Darunter verstehe ick — um es kurz zu sagen — die Fähigkeit und Fertigkeit des Schülers, den vorliegenden Kebr. Text so fließend in's Deutsche zu übertragen. als würde der Schüler eine deutsche Uebersetzuna vorlesen' Dabei schaut das Kind nur das Hebräische an.^ohne es auszusprechen. Zu solcher Fertigkeit gelangt das Kind umso eher, als es ja auch seitens des Lehrers das Gleiche vernahm. Natürlich muß die entsprechende Behandlung der zu übersetzenden Gebets- oder Pentateuchstücke g r ü n d l i ch gewesen sein. Das hierauf folgende freie Vorträgen in deutscher Sprache betrachte ich aber deßhalb als höchstes Ziel des Unterrichts, als beste Frucht alles Uebersetzens, weil es