Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 77-78 (29.9.1903)
- Date
- 1903-09-29
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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daraus zu machen! Und da unten im ersten Stockwerke sitzen diese Schelme von Spionen, die sofort Alles ausspüren! Und die Stelle ist doch sonst hier so gut!" Jakob zeigte sich in der Thür und rief ihm zu: „Hol' doch so schnell wie möglich Wasser! Daß uns um Gotteswillen mit der alten Frau fein. Unglück passirt. Sie ist ja meine Mutter!" „Ach, gnädiger Herr!" rief der Diener ängstlich, „das hat sie mir auch gesagt! Aber ..." »Jetzt hol' erst Wasser!" rief Jakob, indem er einige Papier-Rubel herauszog. „Nimm dies für Dein braves Herz! Gott lohn' es Dir!" Der Diener verbeugte sich und lief davon. Jakob kehrte so schnell als möglich zu der Alten zurück, die noch immer Thränen der Freude und der Rührung weinte. „Grosser Gott Israels! Dessen Namen mein Alter so in Ehren hielt! Was hast Du für Gnade an meinem Kinde gethan!' Könnte Dich doch mein Seliger sehen in diesem Glücke! Jakob,' wie würde er Gott dafür danken! Denn das verstand er. Ich armes Weib vermag dies nur mit Thränen!" „Das grösste Gut, welches ich von Gott erhielt," rief Jakob, „ist, dass - ich Dein Mutterherz erfreuen kann, und dass Er mich etwas lernen und Seine Wege erkennen ließ!" „Ach! Jakob, mein geliebter Sohn! All' diesen reichen Segen verdanken wir nur d?.n Tugenden des Seligen! Aber nicht all' meinen Kindern mar das Geschick so günstig. Sarah ist in Noth, obschon Du sie unterstützest, und was noch schlimmer, sie ist immer krank. Bei Mirjam sind die Kinder noch unerzogen. Ich wohnte lange bei ihr. Aber mein Herz sehnte sich nach Dir! Noch einmal wollte ich Dich sehen im Leben. Und lange schwankte ich und dachte bei mir, er wird sich vielleicht seiner alten, armen und. elenden Mutter gar schämen! Und das hielt mich zurück! Dann sagte ich mir aber: In aller Stille will ich hingehen, um ihck — sei es auch nur von ferne — noch einmal zu sehen, und insgeheim ihn zu segnen, auf dass meine Äugen sich satt sehen am Anblicke dessen, den der Herrgott Israels selbst so gesegnet!" „O meine theure Mutter." entgegnete Jakob.' „Wie konntest Du mich hier so undankbar halten und glauben, ich könne nicht nur Gottes Geboten, sondern auch dem eigenen Herzen zuwider Dich nicht hochachten und verehren!" . „Nein, Jakob." antwortete sie. „Ich weiß, wie es auf der Welt zugeht. Dein älterer Bruder achtet, mich auch, obschon ich seine Mutter nicht bin, sondern nur seines Baters Frau. Er ist kein schlechter Mensch. Und dennoch, wenn ich einmal ärmlich gekleidet zu Ihm kam und er gerade Gäste bei sich.hatte,'sah ich stets, wie verdrießlich ihm dies war. Aber höre, mein Sohn! Auch zu Dir werde ich nicht wiederkommen, und mich niemals wieder hier zeigen." Jakob sprang vom Sessel auf. und rief händeringend: . „Dies werdet Ihr mir nicht anthun! Mutter! - Nein! Ihr thut es nicht! Denn dies wäre eine Beleidigung. Niemals wird mein Herz vor der Welt die Mutter, den Vater, die Nation, das Gesetz oder irgend etwas Heiliges verläugnen! Mögen die Leute erfahren, - woher ich gekommen bin. Nein! Das wäre ja ein Betrug und frevelhafter Stolz!" Bei diesen Worten trat, wie durch eine absichtliche Fügung des Schicksals, der Diener ein. dessen Mienen eine ungewöhnliche Besorgniß verriethen. Er blinzeUe dem Herrn zu und zuckte die Achseln., „Ach! gnädiger Herr!" sprach er leise, „ich weiss nicht, was ich machen soll. Aber soeben kam der Herr, der hier stets unangemeldet Eintritt hat, und verlangt, ihn einzulassen. Hier aber..." „Nun, so laß ihn doch ein! Auf der Stelle!" rief Jakob, mms ist denn dabei?" Der Diener verstand ihn schon nicht mehr und ließ in den Salon Tilda's Vater eintreten, der, als er auf dem Kanapee die alte Jüdin erblickte, ohne sie zu erkennen, vor Staunen ganz entsetzt war. Er hatte Jakob mit etwas ganz Anderem in Verdacht, als man ihn an der Thür festhielt. „Sieh da, liebe Mutter!" rief Jakob, nachdem er den Eintretenden begrüßt, „erinnerst Du Dich noch! Das ist mein Vormund, unser Vetter, Herr Samuel., welcher das göttliche Werkzeug für mich war, und dem ick) Alles verdanke. Er zuerst erinnerte sich meiner, als ich noch eine arme Waise war. er hob mich empor, und ließ. mich, unterrichten. Nächst Gott, gebührt ihm unsere grösste Dankbarkeit!" Herr Samuel fühlte sich höchst peinlich berührt und wurde bald roth. bald blaß. '„Muss der Henker dies alte Judenwcib hierher fuhren!"'sprach er zu sich selbst. „Konnte sie nicht dort inr Winkel sitzen bleiben!" Der Anstand aber erforderte ihre höfliche Begrüßung. schon um Jakob's Willen, dessen Worte die Eigenliebe des früheren Vormundes angenehm gekitzelt hatten. Er begrüßte also die Alte, die demüthig seine Knie umfasste. Nur zu einer Unterhaltung mit ihr konnte er es nicht bringen. Er murmelte und stammelte nur halblaut'etwas vor sich hin, wie verwirrt. - bis er endlich sich losmachte, indem er Jakob auf^ein . Paar Worte hastig in das Nebenzimmer bat.' „Höre," sprach er. „eigentlich wollte ick Etwas.mit Dir besprechen und berathen. Aber das eilt nicht! Drum auf ein ander.Mal! Jetzt aber sage nur, was willst Du hier, mit Deiner Mutter anfangen?" (Fortsetzung ^folgt.)' Verantwortlicke Redaktion OLcar Lehmann in Mainz. — Expedition des ..Israelit". Sckottstratze Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schcn Hosbuckdruckerei ActilN Gesellschaft in Mainz.