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Der Israelit · 1903-09-29 · Heft 77-78 (29.9.1903) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 77-78 (29.9.1903)
Date
1903-09-29
Page
– (sequence 27)
Language
German
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I ll I I . 1721 Sie eine geeignete Wohnung und Stellung suchen! Dies hier taffe ich Ihnen zurück" — hier legte er das Geld auf den Tisch — „zu Ihrer besseren Verpflegung. Sie müssen fich auch Kleidung kaufen!" Lia erröthete! Zn der That war sie so ärmlich und elend gekleidet, daß es ihr schwer fiel, sich auf der Straße zu zeigen. „Und seien Sie heiterer! Ich werde Sie von Weitem beschützen und unaufhörlich über Sie wachen!" Lia blickte ihn wieder ängstlich an und wollte etwas sagen. Das Wort aber erstarb ihr auf den Lippen. Die sonderbare Angst des verrathenen Weibes drückte ihr das Herz, sie wagte aber nicht, sie zu offenbaren. Jakob errieth sie leicht und beschloß, um so schneller sie zu verlassen. „Alles, was ich Ihnen sagte." bemerkte er noch zuletzt, „ist die heilige Wahrheit. Ich kam nicht von selbst zu Ihnen, sondern beauftragt von Ihrer" Familie. Ich werde mich Ihnen nicht aufdrängen! Möge Gott mich vor jedem schlechten Gedanken bewahren. Von ferne und ungesehen werde ich über Sie wachen! Fürchten Sie sich nicht!" Bei diesen Worten verbeugte er sich vor ihr. Lia fühlte, daß-er sie errathen. Sie erröthete, senkte das Haupt und sah ihm forschend nach. Dann neigte sie sich zur Wiege ihres Kindes herab und kauerte sich zu ihm hernieder, um sich das übervolle Herz auszuweinen. — Schon vor sehr langer Zeit hatte Jakob das Land, in dem er seine Jugendjahre verlebt, verlassen, und war, fortgetrieben vom Wirbel der Arbeit und der Träume, fast ganz losgerissen worden von seiner dort zurückgebliebenen Familie. Einige Mal nur im Jahre - empfing er den Segen seiner alten Mutter, Nachricht von den Schwestern und dem Halbbruder, dem er half, so viel er vermochte. Trotz der gewaltigen Kluft, welche ihn in Folge seiner Erziehung von seiner Familie trennte, war die Erinnerung an sie ihm theuer geblieben. Er kannte sehr wohl die ihm ihr gegenüber obliegenden Pflichten und erfüllte sie eifrig und von Herzen gern. In den letzten Jahren hatte Jakob in Folge der schwierigen Verhältnisse im Lande, länger als sonst keine Nachricht von der Mutter erhalten, und beunruhigte sich schon über das Stillschweigen der Familie, als ihm eines Tages bei der Rückkehr in seine Wohnung, im Vorzimmer durch den Diener angemeldet wurde, daß vor einer halben Stunde eine alte, höchst eigensinnige Frau gekommen sei, die trotz seiner Versicherung, der Herr sei nicht zu Hause, sich entschlossen habe, auf ihn zu warten, indem sie sich als eine sehr nahe Verwandte von ihm vorgestellt habe. Der Diener erzählte das etwas undeutlich und ängstlich, als ob er den Zorn des Herrn fürchte, indem er erklärte, er habe die Alte in den Salon einlaffen $. - ' - - ' ' .. . v . . . ' l, - , - müssen, trotz ihrer unscheinbaren Kleidung. „Auf mein Wort, gnädiger Herr!" sprach er, „ich wußte wirklich nicht, was ich thun sollte. Aber es war hier gleich solch ein Lärm, und aus dem ersten Stockwerk bei den Wtorkowska's sahen die Leute aus den Fenstern. Da dachte ich mir, gnädiger Herr, es sei schon besser, sie warte hier im Zimmer. Denn hätte ich sie die Treppe hinuntergeworfen, so wäre ein schönes Geschrei, ein wahres Abenteuer daraus geworden und der gnädige Herr hätten sich noch mehr darüber geärgert!" „Nun, aber wer ist sie denn?" fragte Jakob. Der Diener kratzte sich ängstlich den Kopf und da er über Jakob in seiner Art ebenso urtheilte, wie andere Leute, so wagte er nicht einmal zu sagen, um was es sich handle. Er that, als wisse er es nicht. „Ach! Gnädiger Herr! Ich verstand gar nicht, was diese Dame sagte. Gewiß will sie, wie gewöhnlich, sich hier nur eindrängen wegen irgend einer Unterstützung, oder sonst etwas — ich weiß es nicht!" „Wer sagt sie denn aber, daß sie sei?" drängte Jakob. „Ich verstand auch dies nicht, gnädiger Herr, wahrhaftig!" wiederholte der Diener aus Furcht, den Herrn zu beleidigen. „Sie sitzt dort im Salon und wartet!" Unruhig trat Jakob durch die offene Thür. Da stand mitten im Zimmer, sich neugierig umschauend, seine greise Mutter, in alt polnisch-jüdischer Tracht mit Perlenschnur, Brusttuch, einer goldenen Medaille auf der Brust und einem einfachen, schwarzen Ueberwurf. Auf den ersten Blick hatte Jakob sie mehr errathen, als erkannt. Mit einem Freudenschrei warf er sich ihr zu Füßen und küßte ihr die Hände. Die Alte war anfangs ein wenig erschrocken, aber tiefgerührt. Die Worte fehlten ihr, sie vermochte nur zu weinen. Diese prächtige Wohnung, dieser Luxus und diese Eleganz in der Umgebung ihres Sohnes, den sie so wunderbar verändert fand, so schön, so jung und so vornehm — schüchterten sie ein. Die ehrerbietige Aufnahme rührte die Alte noch mehr. Sie küßte den Sohn auf das Haupt. Dann lief sie, vor Rührung schluchzend, auf und ab. Jakob holte ihr selbst ein Glas Wasser, nachdem er sie sorgsam auf das Kanapee gesetzt. Er lief so schnell hinaus, daß der Diener, der neugierig durch das Schlüsselloch in den Salon sah, kaum Zeit hatte, sich auf einige Schritte zu entfernen. Der arme Diener schlug sich aus Desparation in die Seiten und sprach zu sich selbst: „Da haben wir's! — Splch' ein guter Herr! Kommt da dies Scheusal, ergibt es sich gleich, daß er ein ganz — ordinärer Jude ist! Man wird mich auslachen, daß ich bei ihm diene! Und zum Unglücke laßt sich das hier auch gar nicht verheimlichen! Denn wie ich sehe, denkt er selbst nicht daran, ein Geheimniß

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