Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 77-78 (29.9.1903)
- Date
- 1903-09-29
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Xi J*t 1 „O nein!" rief Jakob. „Schwören Sie mir darauf!" "Ich schwöre es Ihnen im Namen unseres Gottes!" sprach Jakob. «Welcher Barmherzige also schickt Sie?" «Er nicht! Das genügt Ihnen! Wer aber? Dies zu sagen habe ich nicht das Recht. Jemand, der Ihnen sehr nahe steht- Aber fragen Sie mich nicht nach seinem Namen! Vertrauen Sie mir! Seien Sie ruhig! Ich suche für Sie ein stilles, einsames Haus und einen sorgsamen Schutz!" «Nur keinen Schutz! Ich will allein sein, ganz allein! Ich nehme Niemanden an!" «Ganz, wie Sie wollen! Sie müssen aber diese elende Wohnung wechseln. Erlauben Sie mir. Ihnen eine nach Ihren Bedürfnissen zu schaffen!" Lia versank in Nachdenken und erwiderte dann: «Gott ist barmherzig! Die Menschen aber sind schlecht! Ich weiß nicht, ob mir irgendwo es besser ergehen wird mit meinem Unglücke, als hier in stiller Verborgen- und Vergessenheit! Niemand sieht mich hier, noch fragt nach mir. Dort gibt es Neugierige! Ich will nicht!" „Seien Sie ganz ruhig! Ich sorge für Alles und suche für Sie einen ebenso verborgenen und stillen, aber behaglicheren Winkel, und eine Vertrauensstellung aus!" „Barmherziger Gott!" rief Lia wiederholt und die Thronen stürzten über ihr süßes Antlitz. So kniete sie vor der Wiege und küßte ihr Kind auf die bleiche Stirn. Dann blickte sie Jakob an und streckte ihm über die Wiege hinüber die bleiche, abgemagerte Hand entgegen, auf der Noth und Arbeit schon deutlich sich ausgeprägt hatten. „Ich weiß nicht, warum ich Ihnen Glauben schenke, obschon ich schon so schnöde verrathen ward," sprach sie langsam. „Aber Ihre Worte und Ihre Züge erwecken in mir Vertrauen. Jetzt weiß ich es. Sie schickten diejenigen, die mich verstoßen mußten, mich aber beweinen und noch lieben. Ach, wäre nicht dies arme Kind, ich ging nicht fort vomhier! Aber mir . wird es zu schwer, uns Beide zu ernähren! Es waren hier schreckliche Stunden und Tage! Bei dem letzten Stückchen Brod und bei Wasser! Nichts war da, um Milch oder andere Nahrung zu kaufen! Arbeit konnte ich nicht finden. Und sie suchen zu gehen, mochte ich nicht! Ich wußte nicht mehr, was ich anfangen sollte. Ich sehnte mich danach, zu sterben! Mein Kind aber schrie nach dem Leben! Q mein Gott! Was waren das für bange Stunden und ewige Nächte unter.Frost und Hunger, in den Ohren das Wimmern des Kindes! Gott aber ließ mich dies Alles überleben!" «Jetzt aber sollen Sie an nichts mehr Mangel leiden!" unterbrach sie Jakob. „Mich wundert es aber doch, erlauben Sie mir diese Bemerkung, daß Sie nicht auf den Gedanken kamen, Hülsfmittel für das Kind zu fordern vom — Vater!" Lia sprang plötzlich drohend und in tvilder Aufregung auf, blickte Jakob scheu und mißtrauisch an und schrie: „Ich von Ihm?! Von diesem Verräther!. Lieber sollen wir Beide Hungers sterben, als von ihm auch nur ein Stück Brod zu fordern! Ach nein! Er wollte mich nicht erniedrigen bis auf das Aeußerste. Er setzte mir ein Almosen aus auf Lebenszeit. Ich aber warf es ihm in die Augen! Niemals will ich ihn wieder sehen, noch etwas fordern von ihm! Niemals, ich kenne ihn nicht mehr, und dies, mein Kind, wird seinen Vater niemals kennen lernen, damit es sich seiner nicht zu schämen brauche! Ich sage ihm diesen verfluchten Namen nicht, weil ich selbst ihn vergessen will!" Wieder schluchzte sie laut. Nach einem Weilchen erst fragte sie leise und ängstlich: „Waren Sie dort bei uns zu Hause? Sahen Sie den alten Mann, dessen Namen ich nicht auszusvrechen wage? Den Greis mit dem grauen Barte? Und die arme trauernde Mutter? Und die Schwester, der ich Schande machte? Und dies Haus, in dem ich so fröhlich" war, bis meine Unvernunft Trauer hineintrug und tiefe Schmach, bis aus ihm ein verfluchtes Kind hinauswankte, um seine Schwelle niemals wieder zu betreten?" „Nein! Ich war jetzt nicht dort!" antwortete Jakob. „Ah!" rief Lia, indem sie ihn scharf anblickte. „Jetzt erst erinnere ich mich! Ich sah Sie dort noch in glücklicherer Zeit. Sie kamen einmal am Sabbattage, nicht wahr? Und sprachen dann lange mit "dem — Vater?" „So ist es!", bestätigte der Gast. „Seitdem aber war ich nicht dort. »Es kam nur Jemand vor dort zu mir!" „Sie leben also noch! Ach! Und haben mich nicht vergessen?!" Mehr wagte sie nicht zu fragen. „Ja! Sie leben noch!" antwortete Jakob. «Sie selber'sagten es! Gott ist barmherzig! Glauben Sie fest daran! Seine Barmherzigkeit wird auch über Sie kommen!" „Ueber mich?" fragte Lia. „Nur im Tode! Und mein Kind wird ein Engel umarmen mit tausend Augen!" „Auch hier kann das Leben Ihnen noch lächeln!" „O. niemals!" rief Lia. „niemals!" Um das Gespräch von diesen traurigen Gedanken abzulenken, erhob sich Jakob und wollte sich perabschieden. „Morgen oder übermorgen komme ich wieder oder schicke nach Ihnen," sagte er, „denn ich muß erst für