Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 77-78 (29.9.1903)
- Date
- 1903-09-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1700 8f t « 111 e t » «. Sloiii ZW tsb ZiMg« Heller. aj Von Heinrich Lebererrarrrr. Pardubitzer vermochte diesem Blick nicht Stand zu halten. Er machte sich mit den Brosamen auf dem Tische zu thun und erwiderte, indem er die am Rande des Tisches liegenden Krumen mit großem Eifer zuriickschob, um zu verhindern, daß die göttliche Gabe des Vrodes nicht zu Boden falle, mit niedergeschlagenen Augen: „Gewiß ist er das; aber ich glaube doch, daß er vielfach überschätzt wird. Er hat mir gestern Abend erzählt, wie hoch er für die Kriegssteuer eingeschätzt ist, das ist geradezu abnorm. Ich habe seinen Steuerbeitrag hoch taxirt und 800 Gulden gerathen, aber denkt Euch, Beck muß allein 1400 Gulden jährlich dafür zahlen. Es kommt mir vor, als ob seine zahlreichen Konkurrenten und Neider, die ihm sonst nichts anhaben können, auf diese Weise ihr Müthchen an ihm kühlen. Ihr seid ja als Oberrabbiner von Prag, Präses der Steuerkommission, und werdet also am leichtesten selbst Gelegenheit haben, Euch von dem Unrechte zu überzeugen, das hier geübt wird. Ich halte es für eine große Mizwoh, wenn Ihr dieser Gewalt entschieden entgegen treten wolltet und dem Manne zu seinem Rechte verhelft." Rabbi Lipman stand erregt auf, legte die Hand auf Pardubitzer's Schulter und sah ihm scharf in die Augen. „Hat Euch Herr Beck beauftragt, mit mir deßhalb zu sprechen?" . Pardubitzer wurde verwirrt und erlaubte sich die erste und letzte Lüge gegen den gefeierten Meister. „Wo denkt Ihr hin, Rabbi, was ich Euch da sage, sage.ich Euch nur in meinem Namen, um Euch zu ermöglichen, ein altes Unrecht gutzumachen und zu verhüten, daß ein neues geschieht. Die Kriegssteuern werden in Bälde noch erhöht, so daß eine neue Einschätzung aller Steuerpflichtigen wohl in kurzer Zeit erfolgen muß." . . Erleichtert athmete Rabi Lipman auf. „Entschuldigt meine irrige Voraussetzung, mit der ich sowohl Euch als Herrn Beck Unrecht gethan habe. Aber ich muß doch zu meiner Rechtfertigung bemerken.' wie ich auf den kuriosen Gedanken kam. Die vergangene Nacht um zwei Uhr wart Ihr mit mir noch beim Festmahl der Gemeinde, um halb sieben Uhr heute früh wart Ihr schon beim Morgengebet. Wie Ihr mir erzählt,, habt Ihr Euch diese Nac^ keine Ruhe gegönnt und habt sie mit Herrn Beck durchgearbeitet. Ich weiß, daß Euch die Zeit theuer ist und daß Ihr mit jeder Minute geizt, ich kann mir auch denken, daß zw-i bedeutende Häuser, wie das Eurige und das des Herrn Beck. Wichtiges zu verhandeln haben. Wenn Ihr dennoch Zeit gefunden habt, über diese doch jedenfalls untergeordnete Angelegenheit zu verhandeln und wenn Ihr sie jetzt, wo ebenfalls die Minuten unseres Zusammenseins gezählt sind, hier zur Sprache bringt, so hatte ich darin eine gewisse Absichtlichkeit erblickt, als ob Ihr im speziellen Aufträge des Herrn Beck zu mir sprächet, für welchen ungerechten Verdacht ich Euch von ganzem Herzen um Verzeihung bitte." „Ich verstehe Euch nicht," erwiderte der von dem Scharfsinne des Rabbiners * ganz konsternirte Mgeredete, „was Ihr hier von einem Verdachte und gar von einem Unrechten Verdachte sprechet, selbst wenn Beck mich wirklich ersucht hätte, mit Euch wegen des Unrechts zu reden, das ihm widerfährt, es wäre doch nur menschlich, wenn___" * „Lassen wir das jetzt auf sich beruhen," unterbrach ihn Rabbi Lipman, „es wäre schade, wenn wir die kurze Zeit, die uns zusammen zu sein noch beschieden ist. damit ausfüllten. Wir haben schon mehr als genug darüber gesprochen. Aber zu Eurer Richtschnur für die Zukunft muß ich Euch doch sagen, daß Ihr mit Eurem Hinweise, den Ihr mir geben wolltet, ein großes Unrecht gegen meinen großen, im Eden weilenden Vorgänger begeht. Glaubt Ihr wirklich, daß er fähig gewesen wäre, irgend ein Mitglied der Gemeinde zu besteuern, ohne Kenntniß aller einschlägigen Verhältnisse und ohne peinlichste Anwendung dieser Kenntniß auf den zur Beurtheilung vorliegenden Fall? Kennt Ihr alle hier in Betracht kommenden Momente so hinlänglich, um überzeugt sein zu dürfen, daß Beck wirklich ein Unrecht geschieht? Bei aller Ehrenhaftigkeit, die ich bei ihm voraussetze, darf der Steuerkommission seine Angabe nicht allein maßgebend sein, wohin kämen wir sonst? Da Ihr ohne Auftrag und ohne Interesse geredet habt, was Ihr da vorbrachtet, so ist Eure Interesselosigkeit allerdings ein Milderungsgrund für Euren ungerechten Verdacht. Wenn aber ein so einflußreiches, angesehenes Mitglied unserer Gemeinde, wie es Herr Raphael Beck ist, Euch, wie ich fürchtete, wirklich verleitet hätte, mich zu seinen Gunsten zu stimmen, so hätte mir das einen Abgrund eröffnet, vor dessen unheimlicher Tiefe mir schaudert. Es ist und bleibt ein Unglück, daß man den Rabbiner nöthigt. sich um die Vertheilung der Steuern zu kümmern, und daß gerade er an der Spitze der dazu bestimmten Kommission stehen muß. Der Rabbiner sollte im äußersten Falle als' Schiedsrichter eintreten und sein Ansehen nicht für solche Dinge hingeben müssen, dann wäre Manches besser.".