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Der Israelit · 1903-09-29 · Heft 77-78 (29.9.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 77-78 (29.9.1903)
Date
1903-09-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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■.juauL^>^sr? 1701 Während dieser Worte war die Rabbinerin mit zwei Körben voll Flaschen und Speisen eingetreten, um sie dem scheidenden Gaste mit auf die Reise zu geben. ' „Wenn sich Männer von einander verabschieden, lehren unsere Weisen, soll einer dem andern ein Wort aus dem reichen Schatze des Thora-Gesetzes mit ausi den Weg geben, damit sie sich gegenseitig ein treues Ge-' dächtniß bewahren. Uns Frauen bleibt nichts übrig, als ein wenig Wegzehrung mitzugeben, um uns wenigstens für die Dauer der Reise eine Erinnerung des scheidenden Freundes zu sichern." „Aber das ist ja viel zu viel, damit könnte ich eine kleine Reise in den Mond wagen. Wenn ich von hier bis Wien Tag und Nacht ununterbrochen esse und trinke, so kann ich diese Wegzehrung auch nicht bewältigen." „Das schadet nichts," entgegnete die gastliche Wirthin. „Von dem. was Euch etwa übrig bleibt, dürft Ihr eine Probe unserer lieben Rachel mitbringen. Erzählt ihr dann von unserer Reise, unserer Ankunft und der großen Ehre, mit welcher uns die Prager Gemeinde ausgenommen hat." „Darf ich Euch noch um Euren Segen bitten, Rabbi?!" fragte Pardubitzer. „Ich werde Euch bis zu Eurem Wagen begleiten und Euch dann den Priestersegen nachsprechen." „Diesen Segen gibt man ja jedem Reisenden mit auf den Weg; aber ich möchte Euch bitten, segnend die" Hände auf mein Haupt zu legen, wie es der Vater seinem Kinde und der Lehrer seinem Schüler thut, wenn sie ihren Segen spenden." Rabbi Lipman entsprach diesem Wunsche und nun erfolgte der Abschied von allen Familienmitgliedern, die dem dahinrollenden Wagen mit den Blicken folgten, bis er um die Ecke gebogen war. IV. Rabi Lipman war allein. Die Hände auf dem Rücken ging er mit tief gefurchter Stirne und düstrer Miene in seiner Lernstube auf und ab. Wieder und wieder ließ er die Erlebnisse des gestrigen Abends und heutigen Morgens vor seinem hellen Geiste Revue passiren. Er konnte den Argwohn nicht los werden, der ihn gegen Beck erfüllte und doch wußte er, das; ihm Beck ein treuer Freund war, ja daß er seinen ganzen Einfluß geltend gemacht hatte, um ibn als Rabbiner von Prag zu berufen. Sollte Beck auch dabei selbstsüchtige Motive gehabt haben? Sollte er diese Freundesdienste dann ausnühen wollen, um den Rabbiner sich zum gefügigen Werkzeug für persönliche Interessen zu machen? Aber wie er Beck durch langjährigen Verkehr kannte, wäre es unrecht und undankbar, ihm solche Pläne zuzutrauen, und wie Beck seinen Rabbiner . kennen mußte, war doch auch jede Möglichkeit ausgeschlossen, diesen für solche Zwecke zu gewinnen. - ' Doch Rabbi Lipman hatte nicht lange Zeit, diesen Gedanken nachzuhängen. Es klopfte an die Thllxe und der Gemeindediener trat mit der Frage ein, ob der Rösch Hakohol, der erste Vorsteher der jüdischen Ge- . meinde, den Herrn Oberrabbiner sprechen könne. „Gewiß bin ich für meinen Rosch Halohol jederzeit zu sprechen; sage ihm, daß ich ihn erwarte." Der damalige Rosch Hakohol von Prag war Rabbi Jakob Teomim Lämmel, ein Mann in den besten Jahren, dessen Gang, Haltung und ganzes Auftreten den ersten Würdenträger der Prager Gemeinde bekundeten. Dieses Selbstbewußtsein verließ ihn auch vor seinem Rabbiner nicht, so sehr er auch mit Hochachtung und Verehrung zu demselben emporblickte. ---; »Ihr werdet Euch wundern, Rabbi, daß ich schon so früh Euch mit meinem Besuche behellige, wo ich doch weiß, wie sehr Ihr der Ruhe und Erholung nach den Strapazen der jüngsten Tage bedürfet. Ihr wart der letzten Einer bei dem Fest der vergangenen Nacht und habt. schon heute früh, vor dem Morgengebete, Eure Thätigkeit als Rabbiner durch einen Vortrag begonnen. Ich bedauere lebhaft, nach dem, was ich von so vielen Seiten darüber gehört habe, daß ich nichts vorher davon wußte und deßhalb nicht zugegen sein' konnte. Aber von morgen ab werde ich als pünktlicher Gast mich jeden. Morgen einfinden. Für diesmal aber Jejascher Kochacho (Ausdruck der Anerkennung) für den großen Genuß, den Ihr allen Zuhörern bereitet habt." Lächelnd erwiderte der Rabbi: „Ich danke Euch für Eure ermunternden und anerkennenden Worte und werde mich glücklich schätzen, wenn mir die Anerkennung meines Rosch Hakohol auch dann bleiben wird, wenn er meine Vorträge selber mit anhört. Aber das ist doch wohl nicht der eigentliche oder alleinige Grund Ihres Besuches?" «Ja, es sind ernste, dringliche Angelegenheiten, die der Erledigung harren. Der große Krieg, der sich jetzt schon neun Jahre hinzieht und dessen Ende kein Mensch voraussehen kann, scheint an einen entscheidenden Wendepunkt gelangt zu sein. Und die Entscheidung scheint hier in Prag sich zu vollziehen. Die fieberhafte Thätigkeit, mit welcher Tag und Nacht die Befestigungsarbeiten betrieben werden, deuten darauf hin. Alle Prager Bürger müssen, ohne Unterschied von Rang und Stand, an den Befestigungswerkenarbeiten, oder ihre persönliche Theilnahme durch einen Geldbetrag ablösen. Bis jetzt waren bei diesen und ähnlichen Anlässen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde von solchen Leistungen am Sabbat und Jomtof selbstverständlich befreit. Da aber die christlichen Einwohner auch am Sonntag arbeiten, so verlangt der Statthalter des Königsreiches Böhmen. Fürst Karl von Lichten-. stein, dasselbe auch von uns Juden am Sabbat. Er hat gedroht, alle aus der Stadt ausweisen zu lassen,

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