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Der Israelit · 1903-09-21 · Heft 75-76 (21.9.1903) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 75-76 (21.9.1903)
Date
1903-09-21
Page
– (sequence 31)
Language
German
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i Zeitgemälde von I. I. Uvsszswski in autorisirter Uebertragung. Nach der Abreise des alten Jankiel bedurfte Jakob mehrerer Tage, bevor er sich nach der unglücklichen Lia erkundigen und sich seiner Botschaft an sie entledigen konnte, er, der ihr gänzlich Unbekannte und Fremde. Für ihn war dies unsäglich schwer, für sie konnte es nur demüthigend und schmerzlich sein. Nachdem er sich überlegt, wie er sie aussuchen und was er ihr sagen solle, nachdem er erfahren, daß Lia von David im größten Elend gelassen sei, welches sie in Geduld und ohne Klagen ertrage, begab sich Jakob endlich nach der Gartenstraße, wo man ihm in einem kleinen, jüdischen Holzhause, in einem Hinterstübchen aus dem Boden die Wohnung des armen Mädchens zeigte. Das Häuschen war alt und elend, umgeben von einem jener Gärten, die vordem der Straße den Namen gaben, heut aber nach und nach verschwinden. Dieser Garten war schattig, mit Obstbäumen besetzt und mit Gemüse bepflanzt. Außer einigen ziemlich vernachlässigten und längst verlassenen Bienenstöcken hatte er nichts Anziehendes für das Auge. In der Mitte stand ein alter Lindenbaum, wie für die Phantasie dort hingepflanzt, wenn ein früherer Besitzer nicht aus feine Blüthen für die Bienen und die Apotheke gerechnet hätte. Das Geäste stattlicher Aepsel- und Birnbäume verflocht sich mit einander droben über den Rüben-, Kartoffel- und Zwiebelbeeten, über Himbeergesträuch und Bohnenstangen. Das Haus war mit grünlichen, an vielen Stellen buntgeflickten Schindeln gedeckt und hatte überhaupt ein unansehnliches Aeußere. Sein Erdgeschoß namentlich war schon halb verfallen. Zwei Wände wurden sogar auf alle Fälle schon durch Stützen aufrecht erhalten. Man sah es an den Fenstern, die sich fast schon der Erde näherten, wie tief es schon das Alter gebeugt. Einige ziemlich große Dachfenster ließen einen Boden vermuthen, welcher das erste Stockwerk ersetzte. Unten wohnten zwei zahlreiche jüdische Familien: der Besitzer selbst, der mit Vieh handelte, oder vielmehr beim Handel Faktordienste versah, und ein Handwerker, und zwar ein Schuster. Oben aber wohnte Lia. Als ein anständig gekleideter Herr nach der jungen Frau fragte, deren Lage leicht zu errathen war, wenn sie auch sehr geheim mit ihr that, blickte die alte Sore, die Eigenthümerin des Hauses, eine korpulente Frau, gehüllt in ein bis auf den Magen reichendes Tuch mit dem Bilde Napoleons, den Herrn halb zweideutig, halb mißtrauisch an und fragte: „Was wünschen der gnädige Herr? Sie besuchen? Sie nimmt Niemand an! Vielleicht ein Geschäft?" „Allerdings, ein kleines Geschäft!" „Nun! Sie muß sein in ihrem Logis! Nur selten einmal geht sie in den Garten unter den Lindenbaum! Denn dies haben wir erlaubt. Nach dem Kontrakt hat sie zwar kein Anrecht auf den Garten. Sie ist aber so sehr elend, die Frau, und dabei so gut und so still! Und der gnädige Herr kennt sie?" „Nur wenig, fast gar nicht! Mich schickt aber ihre Familie!" antwortete Jakob verwirrt. „Die Familie! Jetzt erst erinnert sie sich, daß sie noch lebt! Und wie elend sie ist!" Hierbei nickte sie mit dem Kopfe und blickte ihm scharf in die Augen. Offenbar hegte sie Verdacht gegen ihn. „Geh' der Herr nur die Treppe in die Höhe! Und dann rechts die Thür, wo die Leine hängt! . .. Aber vielleicht gehe ich erst voraus, um sie zu fragen. Wie heißt der gnädige Herr? Vielleicht mag sie ihn gar nicht sehen!" „Mit meinem Namen würde sie gar nichts erfahren!" sagte Jakob, um das ihn schon ermüdende Gespräch zu beenden. „Wie der gnädige Herr will! Also rechts! Links wohnt der lahme Schiwek! Aber den kennt der gnädige Herr wohl nicht?!" Jakob ging schon. Die Treppe war zerbrochen, dunkel und schmutzig. Statt eines Geländers war eine Stange an eine Leine gebunden. Auf dem Boden war es ebenso dunkel. Die Thüre rechterhand errieth man nur aus den durchsichtigen Ritzen, durch welche Lichistreifen fielen. Wie einsam mußte es hier im Winter sein. Jakob klopfte wiederholt an die Thür. Aber vergebens. Es schien hier nicht Gebrauch zu sein, daß sich Jemand auf diese Weise anmeldete. Er erhielt keine Antwort, wartete noch ein Weilchen und öffnete dann die kleine Thür. . Das Bild, welches sich ihm darbot, war wunderbar ergreifend. Ein winziges, ärmliches, enges und fast leeres Stübchen, nur iheilweise in der.Mitte durch -? ein einziges niederes Fenster erhellt. Ein Bettchen mit

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