Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 75-76 (21.9.1903)
- Date
- 1903-09-21
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
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einem ärmlichen Kissen. Daneben eine elende, alte,! vor Jahren mit der Art hergestellte Wiege. Auf einem. einfachen Stuhle schlief, ermüdet von der Arbeit oder ihrem Kummer, die Nadel noch in der ganbf jene einst. so liebliche Lia. Noch heute war sie "schön, a§er ganz nmwölkt vom Ernst der Trübsal Mb des Unglücks. - Ihre Füße hielt sie gegen die Wiege gestemmt, die sie nicht zu verlassen wagte. Auf einem bunten Kissen sah man das Köpfchen eines schlummernden Kindes mit bleichem, elendem und Melkem Gesicht. Man sah,; die Nahrung der abgehärmten Mutter vermochte ihrw kaum das Leben zu erhalten. Sie vergiftete es mit der - Verzweiflung, die aus ihrem Busen floß/ Langsam erwachend schlug, sie. die Augen auf, erröthcte verlegen und glaubte, es sei Jemand nur aus Versehen hier eingetreten» der sich sofort, wieder, ent-' fernen werde. Ohne ein Wort zu sagen oder aufzustehen, selbst ohne aufzublicken, senkte sie schnell die Augen! Ihr Antlitz war traurig, aber rubia, wie! schon bekannt mit dem Unglück und schon gesättigt mit! seinen Schmerzen. •- ... . . v i Jakob blieb auf der Schwelle stehen. Lia wagte; endlich, die Augen zu erheben, als et ihren Namen aus-' sprach.' Ganz erschrocken stand sie jetzt auf und' fragte: „Was wollen Sie; mein Herr? .. Was.sührt Sie - hierher? Wer sind Sie?. Ich ..ich ..! „Ich komme von Ihren Verwandten!" „Aber — ich habe keine Verwandten.. . ich habe: keine ... Ich bin ganz verwaist," stammelte sie, er-! röthend vor Furcht und sichtlich. erwachendem Miß-! trauen. „Ich habe kein Geschäft hier, auch keine Ver- ' wandten... Niemanden!" ' „Ich habe aber doch ein Geschäft für Sie! Hören Sie mich nur an!" sagte Jakob.sanft. „Fürchten Sie sich nicht. Ich bringe Ihnen nichts Böses!" , * „Ich will aber weder Böses, noch Gutes haben!" ' unterbrach ihn Lia lebhaft. „Von Niemandem! Von Keinem!" . ■ :r; Und sie zitterte und bebte vor Schrecken, als sie' dies sagte, war aber dabei so schön, so holdselig und so bestimmt schön durch.so manchen zudringlichen Besuch in Angst gejagt,'daß Jakob, aus Mitleid gegen sie, kaum die Lippen zu öffnen wagte, sondern sie nur immer mit Bedauern 'anblickte. -; : Jakob nannte jetzt ihr Heimathsstädtchen. Als sie dies hörte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck und sie weinte bitterlich. / /. > „Nein!'"Das kann''nicht sein!" sagte sie dann. „Sie sagen das absichtlich, um inich zu täuschen! Dort bin ich längst vergessen!" '' „Nicht von Allen!" rief Jakob. „Hören Sie mich doch nur au und fürchten Sie sich nicht!" ' ::jU Lia blickte ihm jetzt, scharf in das Auge., und sprach:-' i .. . - '/“• „Sie haben ein ehrliches Gesicht! Ich fürchte mich nicht mehr.vor Ihnen!" . - „Gut! So seien Sie' ruhig, -bitte." > ' Lia schluchzte wieder laut, scr daß das Kmd-erwachte und jämmerlich schreiend, die Händchen nach ihr ausstreckte. Da vergaß sie Alles, den Gast, die Thränen und' den Schmerz, neigte sich, so schnell sie, konnte, über die Wiege, in der ihre ganze Welt lag, und war ausschließlich mit dem Kinde beschäftigt, dessen.Stimme für sie.Alles übertönte. Mit rastloser Zärtlichkeit kniete sie neben ihin nieder, nahm es in die Arme, näherte ihm die Lippen und redete es mit jenen Worten oder vielmehr Mutrerlauten an, die'nur das Kind versteht. ' - - ' Jakob stand' tiefbewegt vor diesem Bilde des Ungemaches und der Nöth, und doch jenes Glückes-, von welchem sie gleichsam vergoldet würde. Lia schien wie verwachsen mit dieser Wiege, aus der die kleinen Händchen zitternd sich nach. ihr.. auZstreckten. V Nach kurzem Kosen aber schlummerte das Kind wieder ein. Errötbend erhob sich die Mutter, um ihr etwas zerzaustes Mädchenhaar, welches nach dem damaligen Brauch erst nach der Verheirathung abgeschnitten wurde, wieder zu ordnen.! Dieses Haar bezeugte also, daß sie noch nicht gesetzlich verheiratet war. Dann blickte sie Jakob an, als suche sie in ihm. Mitleid. Ihre Kräfte aber waren, erschöpft: sie griff.mach einem Stuhle und mußte sich niedersetzen, um nicht, umzusinkcn. Schnell jedoch bemerkte sie. daß. ein zweiter Sitz im Stübchen fehlte.. Sie raffte sich daher wieder auf, schob ihn dem Gaste hm und kauerte verschämt sich selbst auf die Kante ihres Bettes. - . / - „Mein Herr!' Ich bitte Sie wiederholt:.^ Gehen Sie? Ich habe hier gar kein Geschäft. Ich mag von . '; ' : ' gar nichts hören!" '. ' ' - '"'-''7 . Derantivortlickc Redaktion Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition de4 Druck und Perlaa der J oh. Wirth'schen HofbuÄdruckcrei Acti (Fortsetzung, folgt.) ..Israelit". SÄottstratze dir. irU-TrsellsHast in. Maiirz, ... 2, Mainz. i'Yj i n:Vy