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Der Israelit · 1903-09-21 · Heft 75-76 (21.9.1903) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 75-76 (21.9.1903)
Date
1903-09-21
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1692 auch wir die Frucht einzuheimsen haben, die aus der Saat entsprossen, die wir im Laufe des Jahres in Bezug auf das religiöse Moment ausgestreut; er leitet uns hinüber zu den erhabensten, ernstesten Tagen des Jahres: den Tag der Erinnerung und den Tag der Versöhnung. — Der Volksmund bezeichnet diese Tage mit den Worten: „J-omim nauroim" — die furchtbaren Tage, und wie wenig richtig ist doch diese Bezeichnung. Allerdings wehe denen, die nicht hören auf den mahnenden Ruf ihres himmlischen Vaters und in Verblendung ihre Tage verbringen. Wehe denen, die sich jetzt sagen müssen, wie leichtsinnig ist die Saat, die wir gesäet in den Tagen unserer Jugend und wie bitter rächt sich die Ernte nun in den Tagen, unseres Alters. Aber Gott ist ja barmherzig, er will nicht den Tod der Frevler, sondern daß er zurückkehre von seiner bösen Handlung und lebe. Ja leben soll der Mensch in des Wortes wahrstem Sinne, und speziell der Jude soll es, heiter und freudig; doppelt heiter im Bewußtsein erfüllter Pflicht; im Bewußtsein, beschützt und behütet zu sein von Gefahr und Unrechtem Thun durch pünktliche, sorgfältige Ausübung jener Gebote, die von der Wiege bis zum Grabe uns begleiten, unser Denken und Handeln, unser Thun und Lassen uns vorschreiben. Man denkt eS sich als schwere Last, Jude zu sein, aber man verkennt den Lohn, der schon hinieden unserer wartet und den wir fühlen bei Ausübung jedes einzelnen Gebotes. Wer hätte je einen Sabbat geheiligt, so geheiligt, wie es Gott von uns verlangt, und hätte nicht die Seligkeit und Weihe des Freitagabends, die wohlthuende Ruhe und Heiterkeit des Sabbats empfunden? Wer da gezittert, einen unrechtmäßigen Groschen sein eigen zu nennen, hätte nicht den Lohn in der Befriedigung erblickt, die ihm beim Anblick seiner Habe, und sei sie noch so dürftig, beseelte? Und so gewährt jede einzelne Pflichterfüllung jene wahrhafte, echte Freude, die man im jüdischen Kreise mit jwLv brr» nnw bezeichnet.---=- Diese und ähnliche Gedanken sind es, die heute am Rüsttage zum Jom Kippur Herrn Rosenbaum beschäftigten. Ernst, wie der Tag, ist es ihm zu Muthe. Er fühlt sich so einsam, so einsam jetzt in seinem Alter, wo er so gern ein theilnähmsvolles Gemüth um sich gehabt hätte. - Beinahe dreißig Jahre sind es her, seit ihm der unerbittliche Tod die über alles geliebte Gattin entrissen. Es ist ihm, als wäre es erst gestern gewesen, so fehlt sie ihm an allen Ecken und Enden. Ja frühe:! Ein Seufzer, ein tiefer, schmerzlicher Seufzer entrang sich seinem Jnnerm Wie glücklich war er im Kreise der Seinen immer gewesen.- Lehrer an einem kleinen Orte, ward er geliebt von Men. die ihn kannten, innig verehrt von den Seinen. Er war nicht reich, und dennoch batten ihn pekuniäre Sorgen nie bedruckt. Mit Leib und Seele Pädagoge, hatte er ein ganzes Geschlecht herangezogen, es auf den Weg der Religion und Pflicht gewiesen. Was ihm so reichlich bei den ihm anvertrauten Kindern Anderer gelang, bei seinen eigenen war es ihm nicht gelungen, trotz aller. Mahnungen und Sorgfalt, an welchen er es nicht fehlen ließ. Bedrückte ihn schon dieser Gedanke, keinen Gleichgesinnten unter seinen beiden Söhnen zu haben, so war es doch mehr das Schicksal seiner einzigen Tochter, das ihn heute so lebhaft beschäftigte. Aber nicht nur heute am beschäftigte ihn der Gedanke an seine Tochter, sondern alle die Jahre her fühlte er sich durch das Bewußtsein belastet, an deren Unglück schuldig zu sein. „Chotost!" Dieses Wort erschreckt auch heute, wie schon so oft, seine Lippen. Trifft uns ein Unglück, so ist es schon hart genug, doppelt hart aber ist es, wenn man sich sagen muß, ich habe es verschuldet. Es mochten nun zwanzig Jahre verflossen sein, als ihm für seine Tochter eine Partie angetragen wurde. Alle Punkte erschienen ihm befriedigend, und nur die Thatsache, daß der Betreffende nicht fromm sei, hielt ihn zurück, seine Zustimmung zu geben. Lange hatte er sich so gesträubt, aber den fortgesetzten Bitten seiner Söhne und der übrigen Verwandten gegenüber war er auf die Dauer doch nicht fest genug, um feinen Willen aufrecht zu erhalten. Und so gab er endlich, nach. Ach, wie schwer hatte er es schon bereut, seine Nachgiebigkeit. Unglück auf Unglück hatte seine Tochter getroffen, und sie fand nicht einmal eine Stütze an ihrem Manne, der, vom Unglück gebeugt, immer tiefer und tiefer gesunken. Als liebendes Kind suchte ihm seine Tochter soviel als möglich ihren Schmerz und Kummer zu verbergen, trotzdem gewahrte er manche heimliche Thräne auf ihren bleichen Wangen und schwer, sehr schwer fielen sie aus sein Gemüth. Wie gerne wollte er den Schmerz, den ihm die traurige Lage seiner Tochter verursachte, als Strafe für sein Thun hinnehmen; aber daß sie, die damals noch ein junges, unerfahrenes Mädchen war, so schwer leiden mußte, das drückte ihn darnieder.. Vor Gott hat er wiederum sein Sund'enbekenntniß abgelegt und heiß ringt sich ein Gebet aus seinem Herzen und steigt empor zu Gottes Thron. Er weiß, Gott ist barmherzig und er wird auch für sein „Chotoßi" den Trost empfangen: 7-0"« wte t 1

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