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Der Israelit · 1903-09-21 · Heft 75-76 (21.9.1903) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 75-76 (21.9.1903)
Date
1903-09-21
Page
– (sequence 28)
Language
German
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taste sucht ihm die Bilder feiner glücklichenzufriedenen Jugendzeit vorzuführen, denen er stch mit geschlossenen Augen ganz überläßt. Wieder sieht er das riesenhafte Beth-Hamidrasch mit seinen kahlen, ungetünchten Wänden, dem langen Tisch, an dem er immer gelernt. Gelernt!! O glückliche Zeiten, selige Stunden, wer euch nicht kennt, der kennt das wahre Glück des geistigen Genießens überhaupt -nicht. Dieses Glück der noch reinen, kindlichen Seele beim Sichvertiesen in ein völlig uneigennütziges Studium; dieses wonnige Gefühl nach einigen Stunden der Ausdauer und unbeschränktester Energie, die schwierigsten Stellen des Schinrs endlich gelöst zu haben; diese himmlische Zufriedenheit mit sich selbst, die auf all dieses folgt, ach! dies alles sind Schätze, welche man auf keinem Gebiete wiederfindet, die weder Kunst noch Litteratur zu ersetzen vermögen. — — Bild um Bild seiner entschwundenen Herrlichkeit läßt er nochmals vor seinem geistigen Auge flüchtig vorüberziehen. Doch an eins klammert er sich fest und sucht es sich mit allen Details genau zu vergegenwärtigen. Bor sechs Jahren ist's, in der Nacht zum Erew Nosch-haschonoh. Im Beth-Hamidrasch sitzt er ganz allein und lernt. Die ganze Nacht will er durchlernen, denn er muß noch bis zu den Slichoth mit der Mesachto Nosch-haschonoh fertig werden. Eine schöne, aber kühle Herbstnacht ist es. Durch die langen Fenster blicken die glitzernden Sterne lächelnd zu ihm herein. Um ihn her feierliche Stille. Murmelnd plätschert der kleine Bach, der stch, von einigen Bäumen umgeben, direkt hinter dem Beth-Hamidrasch hinzieht. Das Säuseln der Blätter, das Rauschen des Nachtwindes stimmen in die eintönige Melodie des rieselnden Wassers ein. Und wie um die abmattende Eintönigkeit zu unterbrechen, läßt er seine Gemoramelodie in hellster Stimme erklingen. Diese melancholische Melodie, in der sich die Noth, das Elend und das fürchterliche Weh der östlichen Juden wiederfpiegelt, ergreift ihn sehr. Thränen entrollen feinen Augen, ohne daß er es sich erklären kann,'weßhalb, warum. Es fängt ihn ein wenig zu frösteln an. Allein er stehtnicht darauf und lernt desto eifriger immer weiter. Nun schlägt es vier Uhr. Sein Vater erscheint mit der Slichoh unterm . . Arm. Mit leuchtendem Blick kommt er auf ihn zu, sieht in die Gemoroh hinein und mit dem Lächeln, das ihm eigen ist, sagte er: '■ „Hast viel gelernt, Abraham, wahrlich, sehr viel.-- Bist ja fast zu Ende. Nun aber ist es Zeit, daß Du , Dich auf die heutigen Slichos vorbereitest. Denn weißte Du, mein Kind, heute ist der letzte Tag des Jahres und was man in diesem verschuldet hat, kann man noch - mit dem heutigen Tag wieder gut machen, da.doch ein Tag im Jahre, nach dem Ausspruche unserer Weisen, .. als ein ganzes Jahr angerechnet wird." .. Ach, dieses verklärte, leuchtende Antlitz, das etwas prophetisches in stch hat, sieht er wieder leibhaft.vor sich , stehen. Auch die weiche, melodische, ihn., stets -so rührende Stimme glaubt er nun wieder deutlich zu.der-- nehmen. Seltene Gefühle beschleichen ihn: es wird ihm , sehr weich zu Muthe. Seine Härte schmilzt vor dem Strahle der Sonne des wahren Glaubens, der in sein Innerstes wieder eingedrungen. Milde, erleichternde Thränen stürzen unaufhaltsam aus seinen Augen und spülen die. letzten Spuren seines Seelenkampf.es him. weg. Die Ruhe des gläubigen Juden, die er einst besessen, fühlt er nun wieder in sein . Herz einziehen. . Nun öffnet er die Augen. Finster ist es im Zimmer, sehr finster, allein in ihm ist es Licht. — — Er steht auf, wäscht sich die Hände und betet mit der größten Inbrunst das Maarivgebet. Dann-begibt er sich zu Bette, schläft aber nicht, sondern erwartet sehnlichst den Morgen, an dein er sich in der. Synagoge mit Gott, mit seinem Stamme, mit stch selbst gänzlich versöhnen will. - .. . . Wyotaßi. Skizze von Iof. Länger,. Der Sommer geht seinem Ende entgegen. Würden wir nicht schon an den kühlen Lüften, die jetzt Morgens und Abends wehen, die Herrschaft des Herbstes, verspüren, so würde doch die Farbenpracht der Blätter und der Blumen uns untrüglich das Scheiden des Sommers verkünden. Die Natur hat ihren Tribut gezollt und nun sind die Menschen bemüht, die Früchte, die die Sonne gereift, einznheimsen, um sie unter Dach und Fach zu bringen, ehe der rauhe Winter seinen Ein- - zug hält. - . . - - v Für die Juden gibt es außer diesen allen Menschen sichtbaren Zeichen im Wandel der Natur, noch ein anderes nicht minder vielsagendes und sicheres Zeichen, es ist der Schofarton, der seit einigen Wochen uns in die Ohren tönt. Ja gewiß, es ist Herbst geworden. Dieser Schofarton, der so eindringlich mahnt, daß

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