Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 75-76 (21.9.1903)
- Date
- 1903-09-21
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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Er war den jungen Leuten iimper werter gefolgt und hatte jedem Worte ihres Gespräches mit der größten Aufmerksamkeit zugehört. Nun war es um ihn geschehen. So schlicht diese gehörten Worte auch waren, drangen sie doch bis in sein Innerstes hinein. Wie Pfeile schossen sie nach seinem Herzen und trafen es auf's Fürchterlichste. Für dumm, beschränkt hatte er die deutschen, religiösen Juden gehalten, daß sie, trotz ihrer höheren Bildung, an das Ueberlieferte sich klammern, ohne darüber nachzudenken, was man ihnen eigentlich überliefert hat. Nun hatte er das Gegentheil erfahren. Nicht blindlings folgten sie den Traditionen, sondern durchdachten, erwägten,' untersuchten selbst, was sie von ihren Vorfahren ererbt hatten. — Und er!!! Er hatte die Religion, die Thora wie einen alten, abgenutzten Rock von sich geworfen. Das kostbarste Gut, wofür seine Ahnen gekämpft, geblutet, aus tausend Wunden geblutet, den Scheiterhaufen mit übernatürlichem Heldenmuth freudigst besUegen hatten, hatte er, ohne jeglichen Kampf, von sich geschleudert!! Ja, ohne jeglichen Kampf. Denn nie hatte er es versucht, den freien Anschauungen, die sich ihm durch die Bildung aufdrängten, mit irgend etwas entgegenzutreien. Es schien ihm vielmehr ganz natürlich, daß das Alte dem Neuen, das Finstere, Fanatische dem Lichte der Zivilisation weichen mußte. — Nun hatte er gehört, von zwei äußerst gebildeten Jünglingen gehört, daß es nicht so sei. Daß man denken, viel denken müsse, um die wahre Weisheit der Thora zu ergründen. Und was für einen wunderbaren Gedanken wußten sie nicht selbst dem ihm im höchsten Grade blödsinnig scheinenden Brauche abzugewinnen. Tödtlich fühlte er sich von diesen Worten verwundet. Religiös konnte er nicht ohne innere Ueberzeugung sein; wurde er Atheist aus voller Ueberzeugung? Ist er nicht vielmehr damit der modernen Seuche anheimgefallen? — Laut schrie es in seinem Innern. Eine Stimme, die er nicht mehr zum Schweigen zu bringen vermochte: „Kämpfen mußt Du, die Thora der profanen Wissenschaft entgegenstellen, und wenn sie nicht standbält, dann bist Du frei." Mehr laufend als gehend kam er in seiner Wohnung an, warf sich in den Stuhl, um seinen Gedanken ungestört nachh'ängen zu können. In dieser verzweifelten Lage treffen wir ihn an. Anfangs bestürmten ihn die vielen aufeinanderfolgenden Gedanken so sehr, daß er überhaupt nichts Klares denken konnte. In dunkler Verwirrung strömten sie in seinem Kopfe durcheinander, ohne daß er nur einen festzuhalten vermocht hätte. Dann aber entwirrten sie sich allmählich, ordneten sich in eine bestimmte Reihenfolge und vereinigten sich alsbald zu einem harmonischen Ganzen, das ihn seine Sache systematisch behandeln ließ. Um sich von der Existenz eines Gottes und dessen geheimnißvollem Walten zu überzeugen,- brauchte er als ein Sohn Israels wahrlich nicht weit zu greifen. Das Entstehen und die Entwicklung dieses kleinen VolkssiammeS, die Gründung seines Staates und dessen Untergang, sein rastloses Umherirren unter beständigen Gefahren und Verfolgungen und dennoch sein wundervolles Sicherhalten in aller Herren Länder, überhaupt sein ganzes so räthselhaftes Auftreten auf der Bühne der Weltgeschichte, zeugen davon genügend. — — Ja, nur zu genügend, wenn er nicht der Wahrheit direkt in's . Gesicht schlagen wollte. Nun klingt es so sonderbar, daß sich dieser Gott, dem zur Leuchte und Vorbild der ganzen Menschheit auserwählten Volke offenbart, um ihm das allgemeine, alle Menschenkinder so schmerzende und tief erschütternde Lebensräthsel zu lösen?- Und wie wunderschön löst er es in seiner Thora, die das ganze Dunkel, das das menschliche Dasein umgibt, enthüllt und den wahren Zweck des Lebens lehrt! Die richtige Bedeutung und Erklärung dieser tiefgehenden Gottesworte werden von einer Generation der zweiten mündlich überliefert. Und schließlich, um sie in den unheilvollen Stürmen der Zeiten vor dem Verfalle zu retten, werden sie in der Mischnah und im Talmud niedergelegt. Und nun die Zäune, Begrenzungen, Bräuche, welche die Weisen und Rabbinen jeder Zeit wie eine schützende Mauer um die Thora geschaffen haben, kann man erst recht in unserer Zeit würdigen lernen. Legt doch der Maschinenbauer der kleinsten, unansehnlichsten Schraube seiner mächtigen Maschine den nämlichen Werth bei. als den Hauptbestandtheilen derselben. Und das mit Recht. Da sie doch durch die Unordnung der ersten ebenso gut in's Stocken geräth, als es durch die der letzteren geschieht.-Und schreibt nicht das moderne Gesetz schützende Umhüllungen selbst für das kleinste Rädchen vor? Und haben nicht die Reformatoren und sog. Fortschrittler der Neuzeit den Vau der Thora eben dadurch ungeheuer geschädigt, ja ihn gänzlich zu erschüttern gedroht, daß sie die ihnen kleinlich und bedeutungslos erscheinenden Satzungen zu entfernen versuchten? Und somit den schlagendsten Beweis geliefert, daß sebst das Kleinste groß, der mindeiie Brauch theuer und erhaben ist, gehören sie doch mit — wenn auch nur als kleine Vestandtheile — zum Aufrechterhalten des prächtigen, gesammten Thorabaues! —- Dieses und noch viel mehr erwog er in dem zweistündigen Seelenkampfe, der zwar jetzt schon entschieden. doch noch nicht ganz gewichen ist. Allein auch das kommt allmählich, und ruhiger schweifen nun feine Augen im Zimmer umher. Er weiß, was er nun zu thun hat und das will er auch unversäumt vollbringen. Eine unaussprechliche Sehnsucht bemächtigt stch nun seiner. Die Sehnsucht nach all dem Theuren. Wahren?'. Schönen, Guten, das er einst besaß. — — Sehnsucht nach seinen frommen Eltern, von denen er stch seit der Zeit seines Verirrens ganz entfremdet hotte, und fiir die nun sein Herz umso wärmer schlägt. Seine Phan-