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Der Israelit · 1903-09-21 · Heft 75-76 (21.9.1903) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 75-76 (21.9.1903)
Date
1903-09-21
Page
– (sequence 26)
Language
German
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von Rubin Herz, Der erste Tag Rosch-haschonoh — gegen Abend. Schon sehr dunkel ist's im Zimmer des Herrn A. Koweilski. In einer Ecke desselben sitzt er aus einem Stuhle zusammengekauert. Seine ganze Halrung verräth einen großen, unterdrückten Schmerz, der einen schweren Seelenkampf, wie er ihn seit zwei Stunden durchkämpft, gewöhnlich begleitet. Daß dieser, trotz seiner anscheinenden äußeren Ruhe, in seinem Innern noch mächtig tobt, ist deutlich in seinen Augen zu lesen. Feuersprühend, in nervöser Rastlosigkeit, blicken sie in die Ferne, als suchten sie etwas, an das sie sich klammern könnten. . Die Biographie des Herrn Koweilski würde in kurzen Umrissen etwa so lauten: Als Sohn eines Rabbiners in einem kleinen Städtchen in Rußland geboren, wurde er daselbst streng-religiös erzogen. Er widmete sich ausschließlich dem Talmudstudium, wobei er sich auch sehr glücklich fühlte. Doch seine Zufriedenheit wurde durch die „Zivilisation" gestört, welche in den Reihen unserer russischen Brüder immer mehr Boden faßt, und sich selbst in sein kleines Nest allmählich hineinstahl. Er reiste, nach einigen größeren Kämpfen mit seinen sehr frommen Eltern, nach Deutschland, um sich da allgemeine Bildung anzueignen. Diese erreichte er auch, Dank seiner Begabung und seines Fleißes, sehr schnell. Allein mit jedem Fortschritte in der „Bildung" nahmen seine streng-religiösen Anschauungen stetig ab. Und das so rapid, daß er binnen kurzer Frist vollständiger Atheist wurde. Die Ermahnungen seines Aaters vermochten ihn nicht zurückzuhalten, da er, wie er sich stets sagte, die Wahrheit über alles schätzte und gegen seine Ueöerzeugung nie handeln konnte. Nun ist er seit einem Jahre in einem Bankgeschäfte angestellt. Selbstredend geht er Schabbos in's Geschäft. Er thät's auch heute, am Rosch-haschonoh, allein sein Chef war noch nicht muthig genug, es auch heute zu öffnen. Mit einem Ausflug auf dem Main suchte er sich die Zeit angenehm zu vertreiben. Und als er mit% seinem Ruderboote landete, sah er eine große Anzahl Männer, Frauen, Mädchen, Jünglinge, die sich mit der größten Andacht dem Aktus des Taschlichs Hingaben. Ein interessantes Schauspiel, das sich in der alten Mainstadt alljährlich wiederholt. Er stieg aus, mischte sich unter die Menge. Lachen wollte er, laut auflachen, daß sich gebildete Leute noch heute im zwanzigsten Jahrhundert einem solchen blödsinnigen Brauch hingeben. Da lenkte plötzlich ein Zwiegespräch zweier junger Leute in seiner Nähe seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Er suchte an ihrer Seite zu bleiben, ünl Frankfurt a. AI. ihrer Unterhaltung genau lauschen zu können. Vom Taschlich sprachen sie; er kannte sie vom Hören, daß sie als die Gebildesten und Frömmsten hier galten, und war deßhalb gespannt, was sie eigentlich darüber sagen werden.- „Und ich kann nicht umhin," sprach der eine, „so hoch ich auch sonst unsere Religion sammt ihren Bräuchen schätze und verehre, diesen Brauch des Taschlichs als-ja, als einen unsinnigen zu bezeichnen. Wie kann nur ein vernünftiger Mensch sich einreden, durch das Taschlich die Sünde in's Wasser abschütteln zu können." „Nun," meinte der andere, „bist Du mit Deiner Weisheit zu Ende? So laß denn auch mich einmal zu Worte kommen." „Gewiß, mit Vergnügen!" „So höre: Der Gott Israels und Seine Thora sind die Wahrheit und die Weisheit selbst, ebenso Seine Weisen und Rabbinen, die von jeher die Träger dieser Lehre sind. In Folge dessen müssen wir bestrebt sein, aus allen ihren Worten, mögen sie uns noch so befremdend im ersten Augenblick erscheinen, den tieferen Hintergrund herauszufinden. Einen solchen sehe ich auch im Taschlich. Der Schofarruf forderte uns auf zur Einkehr und Reue. Wir folgten ihm, demüthigten uns vor Gott, flehten Ihn um Versöhnung, Gnade, Erbarmen an. Allein damit ist's noch nicht gethan. Die Hauptsache hängt von unseren wahren, auftichtigen Vorsätzen ab, die Missethaten und Frevel nie wieder zu begehen. Wir versprachen's auch. Aber werden wir es auch halten? Können wir es überhaupt? Wie wollen wir den ohnedies so schwierigen Kampf um's Dasein führen, wenn wir genau auf die Verbote und Gebote der Thora achten sollen? Allein wir könnten es, hätten wir nur das richtige, wahre Gottvertrauen, das klare Bewußtsein, daß wir ohne Seinen hohen Willen nichts fertig bringen können.-Dazu sollen wir zu Taschlich gehen. Diesen Bach betrachten, in dem so viele Geschöpfe leben. — Leben ohne Sorgen, ohne Mühe, ohne daß sie es nöthig hätten, über neue Erfindungen zu brüten, neue Industrien zu schaffen. Denn ihr Schöpfer ernährt sie alle, befriedigt alle ihre Wünsche. Diese beredte Sprache des murmelnden Baches soll uns Muth einflößen, die nöthige Zuversicht auf Gott lehren, damit wir unsere „Sündenlast gänzlich abschüttcln", ohne Furcht und Bangen für die Zukunft, da wir ganz auf Gott bauen lernen.. — Also nicht in's Wasser, sondern durch's Wasser die . 1 Sünde abschütteln!"-

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