Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-09-21 · Heft 75-76 (21.9.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 75-76 (21.9.1903)
Date
1903-09-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449961--59104-2523552
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und' muthig, Du glaubst eine Welt erobern gu-tonnen ] und die schwersten Hindernisse mit Leichtigkeit hinwegzuräumen, muthest Dir die schwierigsten Aufgaben zu und hältst Dich für unüberwindlich. Und morgen schon bist Du schwach, krank und siech, eine wandelnde Ruine, und man fragt staunend: Ist das der kraftstrotzende, kühne Held von gestern? Du bist wohlhabend und reich, von allen geehrt und geachtet, umworben und umschmeichelt. Du wirst mit Ehrenämtern überhäuft und als klug und edel gepriesen. Bald wendet sich Dein Glück und kehrt Dir den Rücken, und Du bist der liebe Niemand, geringgeschäht von allen, die sich ehedem nur mit Ehrfurcht Dir nahten, fremd allen, die Dir früher zulächelten, verachtet von denen, die Dich verehrten. Und verwundert spricht man: Wie ist doch dieser Mensch anders geworden! Du hast durch Deine Fähigkeit und Begabung, durch Dein Wesen und Deine Tüchtigkeit Dir die Gunst der Menge erworben, bin der populäre Führer Deiner Volksgenossen, der Liebling der Gesellschaft, der Held des Tages. Doch bald wirst Du herabgestürzt von Deinem hohen Piedestal, die Volksgunst wendet sich ab von Dir und läuft einem andern Tagesgötzen nach, und Du wirst verhöhnt, verspottet oder gar ganz gemieden, und verbittert fragst Du: Wo sind meine ehemaligen Anhänger alle?! So veränderlich ist das menschliche I Leben. Und ist unser Verhalten gegenüber unserer heil.! Thora und Emunah nicht ebenso veränderlich, wie das Leben selbst? Was war einst die Thora für uns und was ist sie jetzt? Einst war sie unser Leben und die Bedingung unserer Existenz, wo» Tran »"n an '3 nbHi con nana cnn unsere Beschäftigung bei Tag und bei Nacht, und wäre die Thora nicht unser Ergötzen und unsere Lebensfreude gewesen, wir wären längst elend zu Grunde gegangen: vaVvV "jimn *fb "V3 wo« irr. Und wie lange ist es gar her. wo in unseren Gemeinden ganz gewöhnliche Handelsleute bedeutende Lomde-Thora waren, die auf dem weiten Gebiete der bibl. und talmudischen Litteratur oft besser Bescheid wußten, als so mancher moderne Rabbiner. Und heute? Wer befaßt sich heute mit der Thora oder gar mit der Gemorah? Wer kann sie auch nur lesen, geschweige verstehen? ..Sollen diejenigen sie lernen, die Rabbiner werden wollen." spricht man heute allgemein und die Thora bleibt für die Menge unseres Volkes ein nwi iDD ein verschlossenes Buch mit sieben Siegeln. Und wehmüthia fragen wir: Ist unsere Thora nicht dieselbe vom Sinai? Gewiß ist sie dieselbe, doch wir sind anders geworden.; t. Und ist es etwa mit unserer E m u n a h anders bestellt?...Einst..war sie der ganze' Inhalt unseres Seins, unseres Denkens und Empfindens:'' sie' leitete! unser Thun und Lassen, unsere Häuslichkeit, unsere Kindererziehung, unfern Geschäftsverkehr, unfern Umgang mit dem Nebenmenschen, ja selbst unser Genießen und Entsagen. Und heute? Fast bei dem überwiegend größten Theil unserer westeuropäischen Glaubensgenossen beschränkt sich die ganze Jüdischkeit auf den Tempelbesuch, als ob das Iudenthum ein — Synagogenthum wäre, während Sabbat und Speisegesetze und dergleichen für sie gar nicht existiren. Und betrübt fragen wir: Ist das das Volk t«s Ewigen, das einst für seinen Glauben und seine heil. Satzungen die köstlichsten Güter dieser Welt und selbst sein Leben freudig opferte?! Und wo sind heute unsere geistigen Führer und Rabbiner? Früher waren es Männer von klangvollen Namen, Helden der Wahrhaftigkeit, der Gottesfurcht und der Uneigennützigkeit, bei denen Scharfsinn mit gründlicher Gottesgelehrsamkeit vereinigt waren. Und heute? Wer kennt sie nicht, die gelehrten Herren Doktoren, die oft an der Svitze großer Gemeinden stehen, die allen Glauben verloren haben nos bei denen die Thora entweder rtm pj» liegt und die sich lieber in anderen Wissenschaften hervorzuthun bestrebt sind ip'&s» anaa nfca, oder sie befassen sich ja mit der Thora, um ihre Göttlichkeit zu leugnen. Nach ihrer Auffassung wäre nicht einmal ein Moscheh Rabbenu ein vollwerthiger Rabbiner heutzutage, denn erstens war er kein Doktor, und dann war er so naiv zu. glauben, daß m tto itotd na* 2» das „Gesetz Moses" göttliche Offenbarung und göttliche Eingebung war. Uebrigens sind diese Herren gar nicht die eigentlichen Leiter ihrer Gemeinden, sondern nur das Sprachrohr, das Willensschwäche Werkzeug gewisser Herren Advokaten, Aerzte oder Geschäftsleute. die zufällig Vorsteher der Gemeinde sind, die wohl recht tüchtige Männer in ihrem Berufe sein mögen. aber von dem, was unsere heil. Thora und Emunah erfordert, oft keine blasse Ahnung haben. So haben sich unsere religiösen Verhältnisse geändert. Darum mahnen uns die „Iomim Noroim", unveränderlich. fest und beharrlich zu stehen auf der Warte der Thora und der Gottesfurcht, alle unsere materiellen und geistigen Kräfte, unsere Fähigkeiten und unser Ansehen, unfern Reichthum und unfern Einfluß in den Dienst Gottes zu stellen und unser ganzes Leben Seinem heil. Dienste zu weihen, zu bedenken, daß wahres Leben in unserer heil. Lehre zu finden ist. „denn langes Leben ist zu ihrer Rechten. Reichthum und Ehre zu ihrer Linken." Das Leben iss voller Widersprüche. Wir wollen hier zur Begründung dessen nur einige Beispiele aus dem sozialen Leben anführen: Zwei Personen sprechen miteinander, sie machen sich die größten Komplimente, sagen sich die liebenswürdiqsien Schmeicheleien, heucheln Gefühle für einander, die sie gär Nicht'empfinden, sondern hassen'sich vielmehr, verspotten, höhnen und verachten sich. Das nennt man heutzutage klug. Der Hebräer aber nennt einen solchen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.