Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-09-17 · Heft 74 (17.9.1903) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 74 (17.9.1903)
Date
1903-09-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449960--59091-2523538
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bekanntes hinzuweisen — an des Bergmannes „Glück auf", an das turnerische „Gut Heil", an des Radlers „All Heil", an des Seemanns „Hipp-Hipp" an das Salutschießen u. s. f. So bildeten sich ähnlicherweise auch bei den Juden feststehende Grußformeln heraus, die im Volke immer mehr Wurzel faßten und bis in unsere Tage sich erhielten. Manche derselben sind freilich sowohl in ihrer wahren Bedeutung verblaßt, als in ihrer sprachlichen Fassung uns entfremdet. Es mögen daher in Folgendem einige Grußanen unseres Voltes näher beleuchtet werden. . Der jüdische Willkommensgruß lautet S ch o - laum alechem, gewöhnlich „Scholem alechem" gesprochen: „Friede mit Euch!" Er dient zur Begrüßung eines aus der Fremde Kommenden oder auch eines Freundes, den man längere Zeit nicht gesehen. Die Antwort darauf war umgekehrt: Alechem Scholem! „Mit Euch Frieden!" Das Wort Scholaum, Frieden. Heil, wird biblisch häufig gebraucht, um sich nach dem Wohlbefinden eines anderen zu erkundigen. (1. B. M. 29, 6. 43,27.) Zur Verabschiedung hieß es: „Geh zum Frieden! (1. Sam. 11,17) oder: „Geh in Frieden!" (2. Sam. 15, 9.) Der Talmud Berachoth 64 u will die zuletzt genannte Form nur als Abschiedsgruß an Todte gerichtet wissen. — Ein anderer ähnlicher Gruß ist: „Berchawe!" verdorben aus boruch habbo!! gesegnet sei der Kommende. (So Ps. 118, 26. Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Ewigen.) Der Gruß galt jedem, der uns besucht. Die Antwort darauf war ebenfalls hebräisch: „boruch nimzoh!" gesegnet sei der sich hier Befindende! Kam jemand gerade nach dem Essen, so hieß es scherz,^isc. „Berchawe nach Tisch!" Wurde jemand übel ausgenommen, mit Zank und Schelten empfangen, so sagte man ironisch: „er hat 'en schöne Berchawe kriegt!" Aus dem deutschen „Gott willkommen!" korrumpirt ist „Gottelkumm!" Unwillkürlich denkt man hierbei, an das schwäbische „Grüß Gott!" Der Gruß „Gottelkumm" galt besonders einer Frau, die aus der Fremde gekommen, gleichviel ob sie uns selbst oder einen Freund von uns besuchte, oder überhaupt nur verreist war. Ein Mann ward mehr mit „Berchawe" begrüßt. Die Antwort auf „Gottelkumm" lautete: „Wohl gescheh' 'ch!" (geschehe euch). Man hat selbst eine nicht unwitzige Deutung des Grußes „Gottelkumm" an Frauen. Unter den täglichen Lobsprüchen im Morgengebete nämlich heißt einer für den Mann: „Gelobt seist Du, Herr, daß Du mich nicht zum Weibe erschaffen!" indeß die Frau dafür zu sagen hat: „Gelobt seist Du, Herr, der mich nach Seinem Willen erschaffen!" Die Frauen sind also besonders nach dem Willen Gottes gekommen, daher für sie „Gottelkumm!" Kam jemand unerwartet zu Besuch, so empfing man ihn häufig mit u-n Worten: „Das soll alles Gut's bedeute'!" Es war ein verwundernder, doch freundlicher Willkommen bei einem lange nicht gehabten Besuche. Dein oder Ahr unerwartetes Erscheinen soll alles Gute bedeuten, die Veranlassung zum Besuche möge eine gute sein. Eben so hieß es wohl auch turz: „Zu allem Guten!" (Vergl. 1. Sam. 16, 4., 1. König 2, 13. „Ist Dein Kommen zum Heil?") „Wie verlierst Du Dich hierher?" bedeutet dasselbe. So auch sagte man zur talmudischen Zeit: „Wie schweift der Herr hierher?" (Kidd. 70.) Einem seltenen und daher überraschenden Besuch, der jedoch willkommen war, galt der ähnliche Ausruf: „Schlag den Ofen ein!" Der Sinn der Redensart ist wohl_„um Platz zu bekommen für einen so seltenen Besuch." Entfernte sich der Besuch, so sagte man: „Sei (seid) mochel!" Der Sinn ist: „Sei verzeihend," wenn ich Dir nicht weiter das Geleit gebe, oder überhaupt, wenn ich Dir die gebührende Aufmerksamkeit nicht erweisen sollte. (Im Scherze auch mit einem Zusatze: „Sei mochel und grüß mir die Rochel!" (Rachel.) Ebenso hieß es beim Fortgehen: „Nehmen Sie's Geleit mit!" wenn man den Fremden, der von uns weggeht, das Geleit nicht geben kann oder will. Scherzhaft erwiderte man oft darauf: „Ich werde es nicht dalassen!" (Das Kleid nämlich, als Paronomasie mit das Geleit.) Der tiefere Sinn dieses Abschiedsgrußes könnte vielleicht auf Midrasch tehil. 104 zurückzuführen sein, wo als Volkswort „jehi elecha livjaihach" ausdrücklich angeführt wird, und deutet es auf die Schutzengel, welche nach Ps. 91,11 den auf Gott vertrauenden Menschen auf allen seinen Wegen geleiten. Der Sinn wäre dann: „Nehmen Sie das Geleit (Ihres Schutzengels) mit!" Auf Gastfreundschaft ward bei den Juden schon seit den Tagen ihres Ahnherrn Abraham viel gehalten. „Hachnosas Orchim", das Einsühren von „Wegwanderern," besonders von armen Durchreisenden gehört zu den Dingen, die aus dieser Welt schon belohnt werden, den Haupilohn aber erst im Jenseits einbringen." (Pea I.) Das Elend, welches Verfolgung. Haß und brutale Gewalt über so viele Juden oft gebracht, zwang dieselben ohnehin häufig genug, zum Wanderstab zu greifen und die Gastfreundschaft bessergestellter liebevoller Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. So wurde diese Tugend durch die Macht der Verhältnisse stets geübt und gefestigt. Hatte nun jemand den Besuch eines Verwandten oder Freundes aus der Fremde erhalten, so äußerte man den Wunsch: „Mit Lieb' sei Euer Orech!" D. h. „mit Lieb sei Euer Gast Euch gekommen!" „Orech" ist eben der Wanderer, Fremde oder Gast. (Hiob 31, 32.) Die Antwort auf diesen Gruß lautete: „Euch auch (aach), was Euch lieb ist!" Der Sinn des „mit Lieb sei Euer Orech" ist: Ihr Gast bringe Ihnen Liebes und Gutes, sowie es Pirke Elies Cav. 36 beißt: „Mancher Menschenfuß bringt Segen in das Haus (in das er eintritt) und mancher Menschen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.