Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 74 (17.9.1903)
- Date
- 1903-09-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1644; großen jüdischen Verbände sowie an eine Reihe von hervorragenden Persönlichkeiten in Deutschland und Oesterreich, speziell auch Galiziens, ergehen werden. Dieser Kongreß, zu welchem die Lemberger Kulmsgemeinde die Vorbereitungen übernommen, wird auch in den der dortigen Gemeinde gehörigen Lokalitäten abgehalten werden. Es ist dies der erste derartige Kongreß, der überhaupt stattfiudet und der bemerkenswerth auch dadurch erscheint, daß sowohl die orthodoxen, wie die die weniger strenge Richtung vertretenden Rabbiner hier zum erstenmale gemeinsam an der Lösung einer so wichtigen Fragewie die Bekämpfung des schändlichen Mädchenhandels es ist, thätig Mitwirken werden. Ueber die sehr reichhaltige und wichtige Tagesordnung, die zweifellos bas regste Interesse aller an der Förderung dieser hohen sozialen Aufgabe Antheil nehmenden jüdischen Kreise erfahren dürste, sei für heute erwähnt, daß der Kongreß eingeleitet werden wird durch ein Generalreferat über die ganze Bewegung, welches Herr Gustav Tuch-Hamburg, der Vorsitzende des oben genannten Komitees, halten wird. Berlin, im Sept. Die „Zeitg. d. Judenth." schreibt: Es liegt uns ein Eingesandt aus einer rheinischen Stadt vor, in dem es heißt: „Unter den Repräsentanten, also nur denjenigen, die dazu berufen sind, nach außen und innen hin die Gemeinde zu repräsentiren, befinden sich zwei Herren, die ihre Kinder haben taufen lassen, — aus welchen Gründen, mag dahingestellt bleiben. Ferner hat vor einigen Tagen ein Mitglied des Vorstandes seine Nachkommenschaft dem Christenthum durch den Akt der Taufe zugeführt. Es liegt uns nichts ferner, als die privaten Verhältnisse der Herren hier zu kritisiren; jeder soll nach seiner Fa^-on selig werden und Niemand kann ihnen verwehren, ihre Söhne und Töchter dem Judenthum zu entziehen. Protest muß man aber dagegen erheben, daß ihnen die höchsten Ehrenämter anvertraut werden, welche die Gemeinde zu vergeben hat." . In der That haben ehrenhafte Leute stets, selbst wenn (wie wir zur Ehre aller dieser Herren annehmen wollen) die Taufe ihrer Kinder ganz gegen ihren Willen erfolgte, die Konsequenzen daraus gezogen und ihre Aemter innerhalb der jüdischen Gemeinde bald niedergelegt. Neuerdings wenigstens könnte sich ein - Fall, wie der jenes nunmehr verstorbenen westfälischen Justizrathes, nicht mehr ereignen, der Vorsteher einer jüdischen Gemeinde und Delegierter des Deuts ch-Jsratelitischen Gemeindebundes war und bleiben wollte, obwohl er seine Tochter in seinem eigenen Hause kathnlisch trauen ließ. Dresden, 13. Sept. In unserem schönen Sachsenlande hat sich etwas Ungewöhnliches ereignet: In dem nahen Birkwitz wurde ein jüdischer Gutsbesitzer. Herr Immanuel Ephraim, zum Gemeindevorsteher einstimmig gewählt. Zwar wollte der Amtsvorsteher die Wahl nicht bestätigen, mit der Motivirung. daß ein Jude doch in einer christlichen Gemeinde nicht Obrigkeit sein könne. Aber ein Rekurs an den kgl. Kreishauptmann genügte, um diese Bedenken hinwegzuräumen. Bei der Einführung des neuen Gemeindevorstehers erklärte der betreffende Beamte trotzdem, daß er an seiner ursprünglichen Ansicht festhalte, nch aber der Entscheidung der Vorgesetzten Behörde selbstverständlich füge. Hoffentlich wird der jüdische Gemeindevorsteher, der sich weit über den Kreis seiner Gemeinde hinaus allgemeiner Achtung erfreut,' den Herren beweisen, daß auch ein Jude sehr gut geeignet ist, die Geschäfte einer Gemeinde treu und sorgsam zu führen sowie deren Wohl zu fördern. Oesterreich. Zablotow. Wir hatten hier bald ein kleines Kischinew. Am Freitag, 11. Sept., gegen Mittag, hatte ein Jude mit einem Bauer einen Streit. Es kam zu einer Schlägerei, und das Ende vom Spiel war. daß sich bald ein Gerücht' verbreitete: Die Juden haben eine Bäuerin abgeschlachtet. Dies war den Judenfeinden Wasser auf der Mühle. Die Bauern, welche in Folge des Marktes zahlreich hier versammelt waren, zogen gegen die Juden, und wer in ihre Fäuste fiel, wurde geschlagen. Fünf Juden sind schwer verwundet, ein Schusterjunge Namens Bing schwebt in Todesgefahr, er ist wie ein Sieb durchlöchert. Ein 74jähriger Greis wurde in's Gericht geschleppt, dreihundert Bauern begleiteten ihn und prügelten ihn unterwegs. Die Juden flüchteten in die Keller. Da ging es erst recht los. Scheiben, Thüren, Betten, Schränke u. s. w. wurden demolirt und zertrümmert, es herrschte ein wahrer Vandalismus, der Anblick der Zerstörung war schauderhaft. Nach zwei Stunden kam die Gendarmerie — drei an der Zahl; dem Gendarmeriewachtmeister gelang es, ein bischen die Ruhe herzustellen. Aber wie schauten die Judenhäuser aus? Sie waren meistens geplündert und zertrümmert worden. Bei einem Schuhmacher wurde aller Vorrath verschleppt, in einem Eisengeschäft herrschte der Pöbel wie zu Hause, die Scheiben in der Schule der Baron Hirsch-Stiftungwurden eingeschlagen. Heute Samstag Abend ist wohl Ruhe, aber es herrscht eine Panik unter der jüdischen Bevölkerung, denn in den Dörfern wurde das Gerücht vom Blutmärchen verbreitet. Bis jetzt sind 18 Verhaftungen vorgenommen worden. Jacob Pomeranz, Volksschullehrer. Lemberg, 18. Sept. (Die Excesse gegen die Juden in Zablotow.) Die blutigen, gegen die jüdische Bevölkerung in Zablotow gerichteten Exzesse nehmen die Aufmerksamkeit der politischen Kreise auf das ernsteste in Anspruch, weil in denselben nicht bloß ein sporadischer Fall gesehen wird. Nach Informationen von Persönlichkeiten, welche in der