Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 74 (17.9.1903)
- Date
- 1903-09-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449960--59080-2523527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1641 Er vermied es offenbar, dem Blicke Pardubitzens zu begegnen. Dann aber nahm er. um seine Verlegenheit zu maskiren, eine Prise und fand endlich den Muth, die Augen aufzuschlagen und seinen Gegner mit der harmlosesten Miene von der Welt in die Augen zu sehen. „Ihr habt Recht, es ist besser, wenn wir die Sache vorher noch einmal besprechen. Erstens scheint Ihr sie bedenklicher anzusehen, als sie in Wirklichkeit ist. Ich will daher versuchen, sie zunächst in's rechte Licht zu stellen. Zweitens kenne ich unseren neugewählten Oberrabbiner schon länger als dreißig Jahre,' während Ihr ihn noch kaum so viele Monate kennt. Ich kann Euch für die Verhandlung mit ihm vielleicht mit einem Rath oder Wink an die Hand gehen." „Gewiß seid Ihr in alledem erfahrener, als ich, so daß ich wirklich nicht weiß, warum Ihr die ganze Angelegenheit eigentlich durch mich erledigt wissen wollt." „Aus dieser Bemerkung entnehme ich, daß ich mich in der That nicht deutlich genug in meinem Briefe ausgedrückt habe. Sie ist auch viel zu delikat, um sie brieflich zu behandeln und auch leicht geeignet, in einem Licht zu erscheinen, als handle es sich um etwas Unreelles. was bei richtiger Auffassung aber durchaus; nicht der Fall ist." Pardubitzer athmete erleichtert auf. Er hatte in der That den Eindruck gehabt, als sei es eine eines redlichen Mannes unwürdige Zumuthung, die sein" Geschäftsfreund an ihn zu stellen hatte. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er nun der Darstellung seines redegewandten Freundes und Genossen. „Ihr wißt," Hub Beck an, „daß auf direkte kaiserl. Weisung von der Wiener Hofburg her die böhmische I'udenschaft jährlich 40,000 Gulden zur Bestreitung der Kriegskosten aufzubringen hat. Was Ihr aber wahrscheinlich noch nicht wißt, ist ein Beschlußdes Generalfeldherrn von Wallenstein, diese Summe noch wesentlich zu erhöhen. Man spricht von 4000 Gulden monatlich, aber das ist nur eine Vermuthung, die noch weit hinter der Wirtlichkeit Zurückbleiben kann. Diese Summe wird durch eine besondere Kriegssteuer-Kommission vertheilt, gegen deren Entscheidung es keine Berufung gibt. Mehr als zwei Drittel dieser Summe muß die Gemeinde Prag allein aufbringen, und was meint Ihr, wie viel ich für meine Person ^allein zu zahlen habe?" „Ich habe keine Ahnung," erwiderte Pardkbntzer. „Ich kenne nicht die Zahl und die Leistungsfähigkeit der einzelnen.Steuerpflichtigen Eurer Gemeinde, um danach Euren Steuerbeitrag bemessen zukönnen." „Das könnt Ihr allerdings nicht wissen. Aber rathet einmal ganz ohngefähr, aber rathet hoch." „Run, wenn ich denn hoch rathen soll, so nehmen wir einmal 800 Gulden an, das . wäre aber wirklich schon viel." , „Nicht wahr, das wäre viel. Was werdet Ihr aber erst dazu sagen, wenn ich Euch mittheile, daß ich allein 1400 Gulden jährlich an dieser Summe aufzubringen habe, von den anderen hohen Lasten und Abgaben ganz abgesehen." „Das ist allerdings viel. Aber wenn Ihr wirklich der Ansicht seid, daß das zu viel ist, so dürft Ihr ja das, was Ihr nach Eurer Schätzung mehr zahlt, als Euch zukommt, von Eurer Maaserkasse bestreiten." Beck warf Pardubitzer einen Blick zu, der etwa sagen wollte, wegen solcher Rathschläge hätte es dieser Besprechung nicht bedurft. Aber Pardubitzer hatte diesen Blick nicht beachtet und Beck schwächte ihn sofort durch die Entgegung ab: „Ihr wißt, wie die Roth des schweren Krieges jedem nur einigermaßen Wohlhabenden ohnedies große Opfer auferlegt. Meine Maaserkasse existirt seit einigen Jahren nur dein Namen nach, sie wird in Anspruch genommen, bevor sie gefüllt ist. und ist mir stets große Posten schuldig." „Ich wünsche Euch viele solcher Ausstände; sie machen Euch zum Gläubiger Gottes. Er muß und wird Euch weiterhin Glück und Segen geben müssen, um den Maaser wieder zu erlangen, den Ihr Seinen Armen vorgeschossen habt. Aber wie meint Ihr, daß ich durch n'.cine Intervention beim Oberrabbiner etwas in der Sache thun könnte?" „Das ist ganz einfach. Der Oberrabbiner ist Vorsitzender der Steuerkommission. Wenn er seinen Einfluß für Euch geltend machen will, so wird es ihm ein Leichtes sein, meinen jährlichen Steuerbeitrag auf 4—500 Gulden herunterzn'setzen. Das ist alles, was ich von Euch will. Für mich ist diese-Steuerenlrichtung von sehr großem Wert he. Es handelt sich nicht nur um den Betrag an und für sich, auch nicht um die Herabsetzung in den anderen Gemeindeabgaben, welche dann cintreten würden, so groß die dadurch erzielte Ersparnis; auch sein wird. Das Wichtigste ist für mich der Gedanke, daß es in bewegten Zeiten, wie es die unserigen sind, nicht gut ist, reich und gar reicher zu scheinen, als inan in Wirklichkeit ist. Das ist aber die erste Folge einer so ungleichen Steuervertheilung." „So habe ich mir's gedacht, als ich Euern jüngsten Brief las und wieder las. Ihr verlangt da etwas Schweres, ich möchte sagen, etwas Unmögliches. Wie kann ich vor unseren redlichen, von der geraden Linie des Rechts nicht um Haaresbreite abweichenden Rabbi hintreten und ein solches Unrecht verlangen?" ..Unrecht?" erwiderte Beck gereizt. „Wer spricht von einem Unrecht? Habt Ihr vorhin nicht selber zugestanden, daß dieser Steuerbetrug für meine Verhältnisse zu hoch ist?" „Allerdings habe ich das gesagt, aber ich habe doch vorausgeschickt, daß mir jede Kenntniß Eurer einzelnen Steuerzahler nach Zahl und Vermögen abgeht und