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Der Israelit · 1903-09-17 · Heft 74 (17.9.1903) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 74 (17.9.1903)
Date
1903-09-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1638 kommen zu fern! Wir könnend wirklich auch nicht begreifen. Herr Ploni erzählt uns, daß er im Kurgarten einen »Rabbiner Tr. kennen lernte, der ihm u. A. sagte: »Mit der Zerstörung des Tempels habe die Existenz des jüdischen Volkes ausgehört." und dem er nun schriftlich Antwort geben möchte. Teßhalb erzählte er uns. daß vor mehr als 100 Jahren in Offenbach von einem Anonymus ein hebräisches Merkchen erschienen sei, das den Bildungsgrad eines modernen Rabbinen folgendermaßen schildert: »Ein Kind aus jüdischem Hause, das Anlagen hat, darf studiren. Nach der Entlassung aus den Schulen kommt der junge Mann auf dir Universität, hört Philosophie, Philologie etc. und kommt im Alter von 20 Jahren mit dem Dr. phil., einer Brille und einem Bart nach Hause. Der Herr Doktor hat ein schönes Organ und die Mutter bestimmt den Herrn Doktor, Rabbiner zu werden. Der Herr Doktor gebt ein Jahr zu einem Gelehrten, lernt ein bischen Naschi, einen Traktat Mischna, steht auch einen Band Talmud, und kommt nach einem Jahre nach Hause mit einem Wissen so groß, daß der Herr Doktor sich bedeutender als Moscheh Raöenu dünkt." So ein Uriheil vor mehr als hundert Jahren, fährt Herr Ploni fort und gibt Herrn Dr. H., den er aus „Zeitmangel" — er hatte Dienst — nicht bekehren konnte, den Rath, aus Schiller's Werken und den Worten der Propheten stch eines Besseren belehren -zu lassen. Ich will nun nicht mit Herrn Ploni darüber rechten, was man streng logisch unter den Begriffen „jüdisches Volk, jüdische Mission, jüdischer Stamm, Judenthum" etc. etc. zu verstehen habe, sondern führe einen weiteren Satz seines Berichtes an, der das non plus ultra an Logik darstellt: Wie mag es' mit den Gemeinden und Schulen bestellt sein, wo Lehrer den Religionsunterricht zu ertheilen haben (Raw heißt bekanntlich Lehrer) mit solchen Grundsätzen? wo Rabbinen thätig sind, deren bebr. Wissen auf solchem Niveau steht? Man sagt mir, daß derartige Zustände in Norddeutschland leider sehr häufig zu finden stnd. Was ist da zu thun? In Süddeutschland steht es mit wenigen Ausnahmen nicht viel besser aus." Also weil Rabbiner Dr. H. eine anfechtbare Aeußerung gethan und weil Raw auch Lehrer heißt, werden die Lehrer angegriften! Weil ein Büchlein vor hundert Jahren über die Bildung'der Rabbinen stch spöttisch ausgelassen haben soll, wird das Niveau des jüdischen Wissens unserer Rabbinen angegriffen! Und auf ein einfaches ..on dit“ (man sagt) hin wird die amtliche Wirksamkeit der überwiegenden Mehrzahl der Beamten beider Kategorien angegriffen! Ein angriffslustiger Herr, dieser Herr „Ploni": ist es ihm aber, wie wir gerne annehmen wollen, um die gute Sache zu thun, so wird er stch eines Besseren belehren lassen. Es liegt nun für den Schreiber dieser Zeilen wohl keine Veranlassung vor. für die Herren Rabbinen eine Lanze zu brechen, die werden sich ihrer Haut schon selber wehren; dennoch kann er nicht umhin, zu erklären, daß er gar viele dieser Herren näher kennt, ja manchen sogar als Freund bezeichnen darf, die wohl einen Bart und eine Brille und einen Doktortite! haben, sonst aber Gott sei Dank auch nicht im mindesten dem Bilde gleichen, das Herr Ploni von den modernen Rabbinen entwirft. Es wird doch wohl nicht etwa gar der Herr Dr. H. ein Mann von 100 und etlichen 20 Jahren, so ein Stück »ewiger Jude" sein!? Aber Namens des Lehrerstandes, dem der Einsender Dieses angehört, sei ganz energisch gegen die unberechtigten Unterstellungen des Herrn „Ploni" Protest eingelegt. Beschäftigen wir uns auch etwas mit den Vorschlägen. die Herr Ploni macht, um jenen Uebelständen abzuhelfen. Ein Lehrer wird gewiß nicht die Bedeutung der Lehrerthäiigkeit für die Jugend verkennen, aber das ist doch zu viel gesagt, wenn behauptet wird: „der einzige Weg, die Jugend zu retten, besteht darin, gute Lehrer auszubilden." Mit Verlaub. Herr Ploni. der best ausgebildete Lebrer vermag nur sehr wenig zu erreichen, wenn die häusliche Hilfe fehlt, wenn seine bedrängte materielle Lage ihn an freier Entfaltung seiner Kräfte hindert, wenn seine rechtliche und soziale Stellung ihm nicht entsprechenden Einfluß auch außer den vier Wänden der Schulstube garantirt. Geradezu köstlich aber ist die Aufforderung. ..ein richtiges Seminar zu gründen, und dazu wäre Frankfurt a. M. der richtige Platz." Also ein „richtiges Seminar" soll gegründet werden; daraus folgert doch unbedingt, daß Herr Ploni die bestehenden nicht für ..richtig" hält. Nun ist es ja ein öffentliches Gebeimniß und in jüdischen Lehrerkreisen längst anerkannt, daß unsere jüdischen Seminarien mancher Verbesserung bedürftig und fähig stnd. Es ist aber auch absolut nicht zu verkennen, daß seit Jahren schon gar manche Verbesserung Platz gegriffen hat, und weitere Verbesserungen werden nur eine Frage der Zeit sein. Wozu noch ein Seminar gründen? Warum nicht die vorhandenen etwas rascher auf den „Wea der Besserung" führen? Soll das „richtige" neue Seminar neben den bisherigen arbeiten? Ich dächte, wir hätten so schon genug Uebervroduktion an jüdischen Lehrern. Oder sollen die alten Seminarien kassirt werden? Was wird dann aus ihren Lehrpersonen und Einrichtungen? „Die Zukunft des Judenthums in Deutschland liegt darin, daß richtige Lehrer ausgebildet werden." — Sehr schön gesagt, aber unsere Gemeinden wollen gar keine so sehr ausaebildeien Lehrer — wenigstens in vielen Fallen — sie.wolleneinen Ehalan. einen Schachet, Lehrer darf er nebenbei auch ein bischen sein. Die vielen Taufende, die in Frankfurt zusammen kommen sollen, dürsten viel

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